
Keines der arabischen Golfländer wollte diesen Krieg, das lässt sich mit einer gewissen Sicherheit sagen. Doch ob er nun, da er ausgebrochen ist, so schnell wie möglich wieder enden muss – daran scheiden sich derzeit die Geister.
Die Golfstaaten, auch wenn sie gern als solche zusammengefasst werden, sind individuelle und souveräne Staaten, mit bis zum Beginn des Krieges unterschiedlichen Beziehungen zu Iran. Manche galten als etwas freundlicher, wenn auch nicht herzlich – etwa im Fall von Katar und Oman. Manche als kühler und vor allem der Begrenzung bestehender Konflikte dienend – etwa im Fall Saudi-Arabiens oder der Vereinigten Arabischen Emirate. Allen ist gemein, dass sie sich – trotz teils massiver Konflikte in der Vergangenheit – mit dem Regime der Islamischen Republik arrangiert hatten.
Ein Grund dafür: Alle Golfstaaten wollen Ruhe in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Sie galten bis zum Ausbruch des Irankriegs Ende Februar als Stabilitätsanker in einer von Konflikten geprägten Region. Von Riyadh über Doha bis Abu Dhabi wurde dies über die Jahre aufgebaut. Die Formel dafür, zusammengefasst: wirtschaftlich und politisch gen Westen gewandt, aber eigenständig; ausreichend im Prozess der Liberalisierung, um ein modernes Image pflegen zu können; durch smart genutzten Ressourcenreichtum reich und damit mächtig genug, um sich nicht andienen zu müssen, sondern selbst Einfluss zu nehmen.
Angriffe und Blockade
Im Krieg zeigen sich die Schwächen und Stärken. Das größte Problem ist die Geografie. Außer Saudi-Arabien und Oman liegen alle Golfstaaten westlich der Straße von Hormus. Dieser Meerenge zwischen Iran, den Emiraten und Oman hat sich derzeit Iran bemächtigt und lässt nur noch Schiffe – bislang etwa mit Bezug zu Indien oder China – mit seiner Genehmigung passieren.
Das ist nicht nur für die Golfstaaten ein Problem, sondern letztlich für die ganze Welt. Fast 40 Prozent des global gehandelten Rohöls passierte Clarksons Research zufolge vor Kriegsbeginn die Meerenge. Hinzu kamen fast 20 Prozent des raffinierten Öls, außerdem etwa 20 Prozent des weltweit transportierten LNG (Liquified Natural Gas), Produkte wie Helium und Dünger, erdölbasierte Chemikalien, Metalle und Halbleiter.
Saudi-Arabien verfügt über eine Pipeline, mit der es Erdöl ans Rote Meer pumpen und so weiter verschiffen kann. Das löst aber nicht die Probleme Katars. Und ist außerdem nur ein Bruchteil dessen, was sonst aus dem Golf auf den weltweiten Energiemarkt fließt. Dass Iran genau das tun könnte, was es nun tut – die Straße von Hormus blockieren –, war stets eine Befürchtung am Golf. Und ein wichtiger Grund, einen eher deeskalatorischen Umgang mit dem Regime zu wählen.
Nicht nur die Blockade ist derzeit ein Problem. Iran beschießt die arabischen Golfstaaten mit Raketen und Drohnen. Die Aussage seitens Teheran, man ziele auf US-Einrichtungen in den jeweiligen Ländern, ist völlig unhaltbar. Zivile Infrastruktur wurde beschossen: Flughäfen, Stromversorgung, Energieversorgung, Wohngebäude und Hotels. Zwar geht die Zahl der Angriffe derzeit zurück – was als Zeichen gewertet wird, dass sich das Regime seine verbliebenen Raketen und Drohnen einteilt. Doch eine Rückkehr zum Alltag ist unter dieser Gefahrenlage nicht möglich.
Iran ist „unser Feind geworden“
Dass Iran befähigt ist, am ganzen Arabischen Golf anzugreifen, war seinen Nachbarn immer bewusst. Saudi-Arabien hatte das etwa 2019 an zwei Ölanlagen erfahren müssen. Ganz zu schweigen von der Iran-unterstützten Huthi-Miliz im Jemen, mit der Riyadh und Abu Dhabi sich einen ausgewachsenen Krieg lieferten. Sie sind Teil eines Netzes von pro-iranischen Milizen, „Achse des Widerstands“ genannt. Diese war stets Teil der iranischen Verteidigungs- und Machtstrategie.
Dass die Golfländer nun heftig attackiert werden – obwohl etwa Saudi-Arabien und die Emirate deutlich machten, dass die USA für einen Angriff auf Iran ihren Boden nicht nutzen dürften – sorgt für Frustration. Abdulaziz Sager, Direktor des Gulf Research Center in Saudi-Arabien, sagt: „Als sie begonnen haben, uns zu bombardieren, sind sie unser Feind geworden. Es gibt keinen anderen Weg, sie zu beschreiben.“ Aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten kommen ähnliche Töne.
Waren die Angriffe auf die Golfstaaten ein Fehler?
Mit seiner Strategie, die Golfstaaten anzugreifen und so Druck auf die Weltwirtschaft und die USA aufzubauen, könnte Iran einen vielleicht existenziellen Fehler begangen haben. Darüber, wie nun weiter mit dem Regime umzugehen ist, scheint bislang keine Einigkeit am Golf zu herrschen: Katar pocht auf ein baldiges Kriegsende und eine Rückkehr zum Verhandlungstisch. Oman äußert sich ebenso.
Aus anderen Golfstaaten kommen wiederum gegenteilige Signale. Es besteht die Sorge, dass ein verwundeter und geschwächter, aber eben nicht besiegter Iran, in der Zukunft erst recht zum Problem werden könnte. Dass das Regime an atomarer Bewaffnung arbeiten würde – und dafür braucht es keine ausgewachsene Atombombe. Ein herkömmlicher Sprengkörper mit nuklearer Beigabe, eine sogenannte Dirty Bomb, wäre bereits ein Bedrohungsszenario. Auch an seinen Verteidigungsstrukturen – und damit an Raketen und Drohnen, die wiederum die Golfstaaten erreichen – dürfte es dann wieder mit Hochdruck arbeiten.
Iran dürfte aus der derzeitigen Blockade der Straße von Hormus gelernt haben: Die Strategie wirkt. Die Welt ächzt. Abdulaziz Sager sagt: „Wenn die USA sich zurückziehen, bevor die Aufgabe vollendet ist, werden wir uns dem Iran allein gegenüber stellen müssen.“ Das Misstrauen gegenüber der Islamischen Republik – immer ein Pariah-Staat gewesen – ist größer als je zuvor.
Es herrscht auch Misstrauen gegenüber Israel
In den Krieg eintreten will aber bislang keines der Golfländer – vielleicht auch, weil die USA und Israel das Regime weiter empfindlich treffen. Täglich werden Angriffe auf die Verteidigungsstrukturen vermeldet, erst kürzlich der wichtige Regime-Kopf Ali Laridschani getötet. Ein möglicher Einstieg in den Krieg könnte als „letzter Ausweg“ belassen werden.
Auch wenn es im Interesse der Golfstaaten ist, dass Iran sie künftig nicht mehr angreifen kann: Eine rückwirkende Zustimmung zum Ausbruch des Krieges ist nicht zu bemerken. Ein weiterer Grund: Während mit den USA alle Golfstaaten verbündet und in engem Austausch sind, haben zu Israel nur wenige Beziehungen.
Auch die Ziele von USA und Israel sind unterschiedlich: Die USA wollen wohl vor allem gegen das Raketen- und Drohnenprogramm Irans vorgehen sowie das nach den Angriffen 2025 noch im Land verbliebene angereicherte Uran sicherstellen. Israel hingegen scheint auf einen Regime-Change zu setzen – und damit auch auf eine ungewisse, potenziell in der ganzen Region für Unruhe sorgende Zukunft. Hinzu kommt: Welches andere Land außer Iran hatte in den vergangenen Jahren in einer Hauptstadt eines Golflandes angegriffen? Richtig, Israel.






