Deutsche Turn-Meisterschaften: Ein Turn in die Lausitz

Die Geschichte der freundschaftlichen Turner-Bande zwischen der Lausitz und der Ukraine reicht bis in die Zeit der Sowjetunion zurück. Für die gewannen nämlich Igor Korobschinsky und Grigori Misjutin, beide in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik geboren, 1989 und 1991 Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften. 1992 wurden sie Team-Olympiasieger für die „Gemeinschaft unabhängiger Staaten“ und traten danach für ihre Heimat an – und für Cottbus.

Über 30 Jahre ist es laut Vereinsannalen her, dass Misjutin als sogenannter Gastturner das Bundesligateam den SC Cottbus zur Vizemeisterschaft führte. Der jüngste Erfolg dieser langen Beziehung ist der deutsche Meistertitel im Mehrkampf, den Radomyr Stelmakh am vergangenen Donnerstag im Rahmen der Finals in Hannover gewann.

An die alten Legenden erinnert sich Oleksandr Suprun, Stelmakhs aktueller Trainer. Auch ihn zog es als Bundesligaturner in die Lausitz, damals 2011, wiederum wegen anderer Ukrainer, die vor ihm dort waren. Nachdem er seine internationale Karriere für die Ukraine beendet hatte, zog er vor 10 Jahren nach Cottbus um und wurde Trainer.

Radomyr Stelmakh, 2005 in Saporischschja geboren, war, so erzählt es Suprun, als circa Elfjähriger zum ersten Mal in Cottbus. Damals brachte ihn – ja die Bande ist eng verflochten – wiederum Supruns ehemaliger Trainer Oleksandr Gorin zu einem internationalen Juniorenwettbewerb mit. Gorin habe ihn schon damals auf den kleinen Jungen aufmerksam gemacht – der sei zielstrebig. Stelmakh wurde in der Folge häufiger eingeladen, kam auch mal für ein paar Wochen. „Seit 2017 sind wir uns nah,“ so formuliert es Suprun heute.

Als der Krieg begann

Vielleicht hätte sich Radomyr Stelmakh in die lange Ahnenreihe ukrainischer Gastturner im deutschen Ligawettstreit eingereiht und international als Ukrainer irgendwann Medaillen gewonnen. Wäre nicht der russische Angriff auf die Ukraine dazwischengekommen: Nun wird er aller Voraussicht Mitte August für Deutschland die Europameisterschaften in Zagreb bestreiten.

Aber der Reihe nach: Damals, am 22. Februar 2022, just als zu Hause der Krieg begann, war eine ukrainische Delegation mit drei Turnerin gerade in Cottbus angekommen, um beim traditionellen Weltcup zu starten. Die Organisatoren des „Turniers der Meister“ reagierten, bevor irgendwelche internationalen Verbände Richtlinien erlassen hatten: Es gab eine Schweigeminute für die Ukraine, die belarussische Hymne wurde zur Siegerehrung nicht gespielt; Russen waren nicht am Start. Bereits im März 2022 zieht der noch minderjährige Radomyr mit seiner Mutter und seiner Schwester nach Cottbus. „Er hat dort keine Entwicklungsmöglichkeiten gesehen“, so formuliert es Suprun in Hannover etwas vorsichtig: „und er hat mit mir gutes Training gemacht.“

Radomyr startet zunächst international weiter für die Ukraine. Vor zwei Jahren im italienischen Rimini wurde das Team – durchaus ein wenig sensationell – Europameister mit der Mannschaft: Mit Oleg Vernjajew, der weiterhin darauf beharrte, in Kyjiw zu trainieren, egal wie viele Einheiten er wegen Bombenalarms im Keller der Turnhalle verbringen müsse; mit Ilia Kovtun, der bei der WM 2022 mit einem „No War“-T-Shirt allerlei Funktionäre in Panik versetzt hatte und mittlerweile im kroatischen Osijek trainierte; und mit dem 18-jährigen Radomyr Stelmakh. Auch bei den Olympischen Spielen in Paris 2024, wo das Team der Ukraine den fünften Platz belegte, war der junge Mann dabei.

Im vergangenen Jahr dann war Stelmakh bei den Deutschen Meisterschaften am Start und turnte den besten Wettkampf aller Teilnehmer: über zwei Punkte mehr als der damalige Sieger. Allein: Auf der Siegerliste tauchte er nicht auf, nicht einmal als Starter „außer Konkurrenz“. Um bei Deutschen Meisterschaften der Senioren zu starten, braucht es nämlich die deutsche Staatsbürgerschaft.

Die Sache mit dem Startrecht

Darüber, dass es in dieser Richtungen Bemühungen gegeben hat, wurde die Turnöffentlichkeit im März informiert: Die Exekutive des Internationalen Verbands gab bekannt, sie habe dem beantragten Wechsel des Startrechts stattgegeben.

Auf die Frage, was den Ausschlag für seine Entscheidung, für Deutschland starten zu wollen, gegeben habe, blockt der 21-Jährige in Hannover freundlich ab: „Nächste Frage. Nicht der Zeitpunkt. Wir haben Krieg in unserem Land, es ist eine schwierige Zeit für den ukrainischen Sport, für das Land, für die Menschen.“

Auch die Frage zum Verhältnis zu seinen ehemaligen Teamkollegen mag er nicht beantworten. In Zagreb wird er voraussichtlich gegen einige von ihnen antreten. Darunter auch Ilia Kovtun, der mit Abstand erfolgreichste ukrainische Turner der vergangenen Jahre – bei den Olympischen Spielen in Paris gewann er Silber am Barren. Ilia Kovtun wird erstmals für Kroatien antreten. Sein Nationalitätenwechsel war bereits Anfang 2025 bekanntgeworden, doch die Ukraine gab ihn nicht frei. Tatsächlich muss der Verband des den Sportler abgebenden Landes dem Wechsel zustimmen, ansonsten greift automatisch eine einjährige Sperre. Dieser Sperrvermerk, ein Sternchen neben dem Namen des Sportlers in der Liste, prangte im März auch neben dem Namen Stelmakh.

Überraschenderweise gab der Deutsche Turner-Bund nun Anfang Juli bekannt, Stelmakh sei freigegeben und dürfe fortan für Deutschland starten. Cheftrainer Jens Milbradt sagte dazu in Hannover, man habe „umfangreiche Kontakte“ mit der ukrainischen Seite gehabt. Die Haltung der „Verantwortlichen im sportlichen Bereich“ – also nicht unbedingt jene der Funktionäre – sei relativ klar gewesen: Man wolle diesem jungen Turner nicht ein Jahr Sperre aufbürden. „Ich bin sehr froh und glücklich, dass wir Radomyr jetzt im deutschen Trikot sehen werden“, fügte Mildbradt an.

Radomyr Stelmakh sagt auch, er sei glücklich, dass er eine „zweite Heimat gefunden habe“, und mit Blick auf seine neuen Teamkollegen: „Wir haben eine richtig gute Mannschaft, alles super.“ An diesem Wochenende stehen aber erst mal die Finalentscheidungen der Deutschen Meisterschaft an. Im vergangenen Jahr durfte er da – als Ukrainer – gar nicht erst antreten. Nun ist Radomyr Stelmakh für fünf der sechs Titelentscheidungen qualifiziert.

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