Die Linke in Baden-Württemberg: Die rote Spielerin

Als der lila Balken erscheint, weiß sie, dass es vorbei ist. Amelie Vollmer senkt kurz den Kopf. Auf der Leinwand redet der ARD-Moderator weiter über Zahlen, hinter ihr steht der Parteivorsitzende Jan van Aken, vor ihr drängen sich ein Dutzend Kameras. Es ist das Ende einer Reise.

Neben der Bühne hängen goldene Luftballons, sie buchstabieren „Linke 4 Landtag“. Auf den Tischen stapeln sich Partyhüte. Niemand wird sie aufsetzen. Dafür hätten im Land der Schaffer und Autobauer mehr Leute ihr Kreuz bei den Linken setzen müssen.

Vollmer war mit zwei anderen jungen Frauen als Spitzenkandidatin im Rennen. Bekannt wurde die 23-Jährige, als sie Manuel Hagel (CDU) nach seiner sexistischen Interview-Affäre öffentlich fragte: „Warum kandidiert dann nicht Ihre Frau als Ministerpräsidentin?“

Vollmer ist eines der Gesichter einer neuen Linken. Sie steht für die Hoffnung auf einen möglichen Wandel in Baden-Württemberg. Laut der Forschungsgruppe Wahlen wählten immerhin 13 Prozent der zwischen 16- und 24-Jährigen die Linke. Doch in den anderen Altersgruppen waren es deutlich weniger, zu wenig. Es ist die Geschichte eines Scheiterns – und trotzdem zugleich eines Aufbruchs.

„I want to break free“

19 Tage vor der Wahl läuft „I want to break free“ im griechischen Restaurant „Akropolis Ziegler“ in Karlsruhe. Im hinteren Raum hängen Diskokugeln neben roten Fahnen. Linke Plakate überdecken griechische Ruinen-Malereien. Es ist Dienstagabend und die Linke lädt ein: Im Raum tummeln sich bereits an die hundert Personen, darunter viele mit roten Warnwesten.

Vollmer betritt den stickigen Raum mit einem ausgedruckten Skript unterm Arm und einer Cola-Flasche in der Hand. In der ersten Reihe nimmt sie Platz und liest nochmal ihre Rede. Der Saal füllt sich weiter. Parteichef van Aken ist angekommen, setzt sich neben sie und flüstert ihr was ins Ohr. Sie lacht.

Über die Schulter dreht sich van Aken zur Reporterin um. „Amelie in drei Worten“, er überlegt kurz. „Cool, tough und klar“, sagt er. „Mich fragen in Berlin immer alle: Wo kommen auf einmal die ganzen linken jungen Frauen her? Wir haben im Süden eine neue Generation.“ Der Raum scheint ihm Recht zu geben: Der 64-Jährige ist der einzig ergraute Politiker hier. Neben Vollmer sitzen nur junge Menschen, darunter viele Frauen.

Nicht nur in Karlsruhe ist die neue Linke jung und weiblich. Die insgesamt bundesweit mehr als 123.000 Mitglieder – davon rund 10.300 in BaWü – sind mit 38,6 Jahren im Schnitt deutlich jünger als in anderen Parteien. Knapp die Hälfte der Mitgliedschaft ist laut Parteiangaben weiblich.

„Wir stellen Menschen vor Profite“

Vollmer geht ins Rampenlicht und spricht vom „rechten Sport der CDU: nach unten treten“. Sie kritisiert die Schließungen der Krankenhäuser. Gesundheitsversorgung, das ist ihr Thema in diesem Wahlkampf. Nicht von ungefähr: Es war die Schließung eines Krankenhauses, die sie in Offenburg politisierte.

„Wir stellen Menschen vor Profite, ohne Ausrede“, sagt sie. Dabei hält sie den Augenkontakt mit dem Publikum und spricht schnell. Von lokalen Problemen springt sie zu pauschaler Systemkritik, ohne sich mit dem Weg dazwischen zu sehr aufzuhalten – das kennt man von Linken. Als sie zum Abschluss die Faust hebt, ruft sie etwas unbeholfen „Alerta Alerta“. Die Menge antwortet: „Anti-fascis-ta“.

Am nächsten Abend in Pforzheim trägt Amelie Vollmer dasselbe Outfit wie in Karlsruhe. Blazer seien eigentlich gar nicht ihr Stil. „Aber wenn das dabei hilft, dass ich als junge Frau ernster genommen werde, dann trage ich es“, sagt sie.

Im Backstage des Kulturhauses wuseln neben Vollmer ihre Co-Kandidatinnen Kim Sophie Bohnen, 26, und Mersedeh Ghazaei, 29, zwischen Zigarettenpausen und Redeproben durch den Kellerraum. Listenplatz 1, 2 und 3 unter sich. Bohnen und Ghazaei tragen Samt, Kreolen im Ohr und rote Lippen. Ihr Habitus schreit nach Großstadt und Uni-Seminar. Vollmer dagegen ist ungeschminkt, mit Kette vom Mittelalterflohmarkt und T-Shirt in weinrot. Es ist ihre Lieblingsfarbe. Sie trägt kaum anderes in der Öffentlichkeit.

Unangepasst und pragmatisch

Im Trio scheint sie die Unangepasste zu sein. Vollmer ist keine „Lifestyle-Linke“. Sie ist die Pragmatische – mehr Petra Pau als Heidi Reichinnek. Diejenige, die vom Land kommt und nach der elften Klasse vom katholischen Mädchengymnasium abging. Als die das erste Mal als Jugendliche eine Rede gegen die AfD hielt, habe sie gemerkt, dass ihr das gut liege.

Mit Fünfzehn wird sie stetig aktiver in der Linksjugend, landet im Kreisvorstand und Landesvorstand. Vergangenes Jahr kandidierte sie für die Bundestagswahl. Als Jüngste der Drei bringt sie die meiste politische Erfahrung mit. „Sie haut scharfe Sachen raus. Als ich 23 war, war ich nicht so mutig“, sagt Co-Kandidatin Ghazaei.

Wenn Vollmer mal keine Kraft dafür hat, sagt sie zur Not eine Veranstaltung ab. Sie will nicht ausbrennen wie Kevin Kühnert. Zum Entspannen hört sie gerne Musik von Heavy Metalbands wie „Powerwolf“ und hackt Holz im Garten ihrer Mutter.

Vollmer ist ein Nerd. Das sagen Freunde, aber auch sie selbst. Sie habe mehrfach die Schule gewechselt, weil sie sich im Unterricht langweilte. Ein enger Freund und Parteikollege beschreibt sie als sehr akribisch und reif für ihr Alter. Und sie habe stets ein Skatblatt in der Tasche – ihr Markenzeichen. Sie spielt sehr kompetitiv. „Ich lasse dann alles raus, was ich in der Politik nicht rauslassen darf“, sagt sie einmal.

„Wir müssen den Rechten die Räume nehmen“

Noch zwölf Tage bis zur Wahl: In Müllheim, einer kleinen Stadt am Rand des Schwarzwalds, steht eine Podiumsdiskussion an. Die Leitfrage: Was tun gegen rechts? Das Bürgerhaus besteht aus Fachwerkbalken, das Publikum aus zwei Dutzend Rentnern in Funktionsjacken. Alle eher drei Mal so alt wie Vollmer. Sie sitzt vor einer blau eingefärbten Karte, die vom Beamer hinter sie projiziert wird. Die AfD-Wähler der letzten Bundestagswahl sitzen ihr im Nacken.

Vor ein paar Tagen hat sie ein AfD-Sympathisant nach einer Veranstaltung bis zum Klo verfolgt. Seitdem kommt sie nicht mehr allein zu Events. Das erzählt sie später. Auf dem Podium sagt sie: „Wir müssen den Rechten die Räume nehmen.“ Sie spricht in vielen Schlagworten ohne Atempausen. Wenn man die Vermögenssteuer wiedereinführe, hätte man Milliarden mehr, etwa für Busse und Kitaplätze.

Eine Wortmeldung in Müllheim ist eine Vorlage für sie: „Das Krankenhaus in Müllheim macht zu. Bis ich in Freiburg oder in Lörrach bin, bin ich tot“, sagt einer. Es sind solche Menschen, die Vollmer auf ihre Seite ziehen muss. Menschen, die vielleicht noch nie links gewählt haben.

Auf Bühnen redet Vollmer wie in einem TikTok-Video – schnell, zugespitzt, wenig dialogisch. Sie ist gut informiert, aber verschenkt dabei einen ironischen Witz, den sie im Zwiegespräch hat. Zweifelt sie manchmal? „Ich zweifle oft, ob die Milch, die ich aufgemacht habe, noch gut ist“, scherzt sie. Aber im Politischen mache sie sich schon oft große Sorgen, wenn sie sehe, wie stark die Rechten inzwischen sind. „Es sind ja nicht nur die Sozialistinnen, die sich den Rechten entgegenstellen müssen. Wir alle haben die Geschichte selbst in der Hand“, sagt sie.

Beliebterer CDU-Kandidat wäre besser für die Linke gewesen

Es ist der letzte Tag vor der Wahl: In Offenburg scheint die Sonne trüb durch den angewehten Saharasand. Zwei Teenager beobachten von der Bushaltstelle aus, wie eine Truppe linker Demonstranten vorbeiläuft. Wegen des Wahltags ziehen Vollmer und Co. schon am 7. März für Frauenrechte auf die Straße.

Man kenne sie von Instagram, sagt die eine. „Auf Tiktok sieht man nur links und rechts“, sagt ihre Freundin. Als 16-Jährige ist sie dank neuem Wahlrecht Erstwählerin. Linke Politik könne eh nicht durchgesetzt werden, meint sie. Beide wählen nun Grün – „aus taktischen Gründen“.

Während sie rüber zu Vollmer und den feministischen Sprüchen auf den Plakaten schauen, sagt der Teenager: „Vielleicht gebe ich Amelie doch meine Erststimme.“ Die wird auf jeden Fall verschenkt sein. Es ist klar, dass Vollmer ihren schwarz geprägten Wahlkreis nicht gewinnen wird. Sie braucht dringend Zweitstimmen. So wie bei der Bundestagswahl. Da trennte sie hinterher nur ein einziger Listenplatz vom Umzug nach Berlin.

Viele Unentschlossene tendieren einen Tag vor der Wahl zu Cem Özdemir, den grünen Spitzenkandidaten – um Manuel Hagel zu verhindern. Ironischerweise wäre ein beliebterer CDU-Kandidat besser für die Linke gewesen.

„Morgen wird eine Zitterpartie“, sagt Vollmer nach der Demo in ihrer Heimatstadt. Sie steht unruhig neben dem roten Pavillon. Sie wirkt angespannt. Am Abend postet sie noch ein Reel darüber, warum taktisches Grünwählen ein „gefährlicher Fehler“ ist. Danach geht sie Holzhacken.

„Jetzt ziehe ich den Abend durch“

Am Wahlsonntag lichtet sich der Saharastaub und gibt den Himmel frei. Im Stuttgarter Industriegebiet lädt die Linke zur Wahlparty in einem Konzertsaal ein. Vollmer kommt in einem Bus mit ihren Genossen angefahren. Die Linke war in allen 70 Wahlkreisen und hat nach eigenen Angaben an 137.855 Haustüren geklingelt. Doch genutzt hat es letztlich nichts.

Als um 18 Uhr die Prognose mit 4,5 Prozent für die Linke über die Bildschirme flimmert, besteht noch ein kleiner Funken Hoffnung. Doch die folgenden Hochrechnungen sind erbarmungslos. 4,4 Prozent – mehr wird’s nicht. Vollmer umarmt ihre Co-Kandidatinnen. Viele aus dem Publikum gehen nachhause, einige Tapfere tanzen oder suchen Trosthäppchen am Buffet.

„Jetzt ziehe ich den Abend durch“, sagt Vollmer schulterzuckend und wirft sich noch schnell zwei Oliven in den Mund. Sie wird in den nächsten Stunden immer wieder rechtfertigen müssen, warum sie verloren hat: Historisch das beste Ergebnis für die Linke in Baden-Württemberg bei einer Landtagswahl, vor fünf Jahren waren es nur 3,6 Prozent gewesen. Trotzdem hat es auch diesmal nicht gereicht.

Bei der Bundestagwahl holte die Linke noch 6,8 Prozent im Spätzle-Land. Diesmal sei es den Menschen offenbar sehr wichtig gewesen, keinen CDU-Ministerpräsidenten zu bekommen, versucht Vollmer eine Erklärung, warum es diesmal so viel weniger waren. Zu mehr Selbstkritik reicht es an diesem Abend bei ihr nicht – damit ist sie nicht alleine. „Wenn die Erststimme zählen würde, wäre ich damit im Landtag“, sagt sie. Sie zeigt auf ihrem Handy die Hochrechnung aus ihrem Wahlkreis: 5,4 Prozent hat sie geholt – vor fünf Jahren waren es nur zwei.

&#xE80F

Wir werden auch als außerparlamentarische Opposition dieser Landesregierung Feuer machen.

Als Vollmer draußen ihre inzwischen kalte Pommes isst und ein Radiointerview gibt, stolpert ein betrunkener Genosse auf sie zu: „Habt ihr noch ne neue Zahl?“, fragt er hoffend. „Das wird nichts mehr, aber wir haben alle viele Erststimmen“, sagt sie. Allerdings hat es die Partei auch hier landesweit nur auf 4,9 Prozent geschafft. Vollmer atmet durch. Sie geht wieder rein. Der harte Kern der Linksjugend aus Offenburg ist noch zum Feiern geblieben.

Am Montag danach geht Amelie Vollmer mittags gemeinsam mit ihren beiden Co-Spitzenkandidatinnen und Parteichefin Ines Schwerdtner im Berliner Karl-Liebknecht-Haus vor die Presse. „Das Versprechen, das wir den Menschen in Baden-Württemberg gegeben haben, gilt auch nach wie vor: Wir lassen die Menschen nicht alleine“, sagt sie. „Wir werden auch als außerparlamentarische Opposition dieser Landesregierung Feuer machen.“

So knapp war es für die Linke in Baden-Württemberg noch nie. Aber mehr auch nicht.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Repression in der Türkei: Prozess gegen İmamoğlu beginnt mit Eklat
    • March 9, 2026

    Im türkischen Silivri starten die Verhandlungen um den Istanbuler Bürgermeister und CHP-Präsidentschaftskandidaten. Kritiker sehen einen politischen Prozess. mehr…

    Weiterlesen
    Wahlen in Nepal: Ex-Rapper Balendra Shah wird Premierminister
    • March 9, 2026

    Die Parlamentswahlen in Nepal sorgen für einen Macht- und Generationenwechsel. Die Reformpartei RSP erringt eine klare Mehrheit, ihr Kandidat gewinnt. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Repression in der Türkei: Prozess gegen İmamoğlu beginnt mit Eklat

    • 2 views
    Repression in der Türkei: Prozess gegen İmamoğlu beginnt mit Eklat

    Wahlen in Nepal: Ex-Rapper Balendra Shah wird Premierminister

    • 2 views
    Wahlen in Nepal: Ex-Rapper Balendra Shah wird Premierminister

    Siedlergewalt: Wieder Tote im Westjordanland

    • 2 views
    Siedlergewalt: Wieder Tote im Westjordanland

    Irans neuer Oberster Führer: Chamenei ist tot, lang lebe Chamenei

    • 1 views
    Irans neuer Oberster Führer: Chamenei ist tot, lang lebe Chamenei

    Ölpreise und Irankrieg: Doppelwumms lässt Börsen krachen

    • 1 views
    Ölpreise und Irankrieg: Doppelwumms lässt Börsen krachen

    Ratlose SPD nach Baden-Württemberg: Stoch hat keine Tipps für die SPD in Rheinland-Pfalz

    • 1 views
    Ratlose SPD nach Baden-Württemberg: Stoch hat keine Tipps für die SPD in Rheinland-Pfalz