N eulich war ich seit Langem mal wieder am Ku’damm shoppen. Ich hasse das, aber auch meine Klamotten verschleißen halt irgendwann einmal. Diese Art der Fadenscheinigkeit ist mir zwar lieber als die der Diskurse und Fake News unserer Zeit, trotzdem brauche ich früher oder später auch mal neue Textilien.
Also arbeite ich mich durch mehrere Schlussverkaufssituationen und katapultiere dabei das Bruttoinlandsprodukt in ungeahnte Höhen. Na ja, eher: um einen Hauch nach oben. Wirtschaftlicher Patriotismus, homöopathisch dosiert. Dafür wird es im Anschluss unangenehm vaterländisch.
Nach etlichen Anproben in zu hellen Kabinen lande ich an einer der Imbissbuden rund um den Wittenbergplatz. Passend zum Schlussverkauf soll es eine Portion Junkfood sein: eine Dönerbox mit Salat. Ich sitze an einem Tisch mit Blick auf den bunt leuchtenden Imbiss, davor weitere Tische zum Stehen.
Da steht also Almanya am türkischen Imbiss und isst Pommes
Die Kundschaft ist eine Mischung aus Berlinbesuchenden und Einheimischen mit und ohne Migrationsbezug. Irgendwann schlurft ein älterer Mann zu uns. Die Kleidung wirkt gepflegt, der weiße Bart gestutzt, sein Blick skeptisch. Nebenan hätte es auch ’ne Currywurst gegeben, aber nun gut. Vermutlich ein Tourist aus einem der umliegenden Hotels. Sein Promillestatus ist offensichtlich: mehr als nur angeheitert, jedoch längst ohne jede Heiterkeit. Er bestellt und bleibt an einem der Tische stehen. Nennen wir den betagten Herrn Almanya.
=”” span=””>
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
=”” div=””>
Er glotzt, starrt und schmatzt
Da steht also Almanya am türkischen Imbiss und isst seine Pommes (Kartoffeln, was sonst). Almanya glotzt, starrt und schmatzt. Ich beobachte ihn und schaufele ausgehungert mein Dönerfleisch in mich hinein. Nach einer Weile wird klar: Almanya sucht Anschluss. Mit den Deutschen versucht er ins Gespräch zu kommen. Mühsam schiebt seine schwere Zunge einzelne Wörter abfällig über die Lippen: „Türken!“ „Moslems!“ „Araber!“ Und – liebevoller im Ton: „Deutschland!“ Wie es hier aussehen würde, das sei doch alles nicht mehr so, wie es mal war. Nennen wir dieses Neue, also alle außer Almanya, Neu-Almanya: das heutige Deutschland.
Neu-Almanya besteht aus Jungen und Alten, wartet geduldig auf Döner und Halloumi und bleibt erstaunlich entspannt. Anschluss findet Almanya bei uns keinen. Neben ihm steht ein großer Mülleimer. Wirft einer von uns seine Essensreste hinein, kommentiert Almanya mit „Genau!“ und „Richtig so!“. Als hätte er uns das Prinzip Müllentsorgung eben erst persönlich beigebracht. Mit den Weißen unter uns versucht er weiter, rassistische Bande zu knüpfen. Vergeblich, man lässt ihn einfach stehen. Ein bisschen haben wir alle Mitleid mit Almanya.
Viele Sprachen, viele Namen, bunte Normalität
Wären alle Plätze besetzt gewesen, jede Wette, dass mindestens drei Leute ihm ihren angeboten hätten. Und man kann davon ausgehen, dass der arbeitende Teil von uns die Rente von Almanya finanziert. Wir sind seine Altersmäzene. Etwas, was uns allen, die wir hier am Essen sind, dank des demografischen Wandels noch weniger vergönnt sein wird als Almanya heute. Hinzu kommt, dass Neu-Almanya mit den nachrückenden Jahrgängen immer kleiner und bunter wird. Wer einmal in eine Grundschule schaut, sieht die bald erwachsene Zukunft Deutschlands: viele Sprachen, viele Namen, erstaunlich viel bunte Normalität – in einem aus unterschiedlichen Gründen überforderten Bildungssystem made in Almanya.
Auf dem Heimweg in der Bahn denke ich mir dann so: Almanya, was willst du eigentlich? Wenn du mit deinen ewig rückwärtsgewandten Politikern und Medien weiterhin nur deine fadenscheinige Version von Deutschland lebst, die echten Krisen ignorierst, statt gemeinsam mit uns zu essen und zu leben, werden wir bald alle zusammen ziemlich alt aussehen.





