
Einige freuen sich sehr über den ersten deutschen Ministerpräsidenten mit Migrationshintergrund, der bald sein Amt antreten dürfte. Der deutsch-türkische Musikproduzent Mustafa Gündoğdu alias „Mousse T“, der vor 25 Jahren mit dem britischen Crooner Tom Jones und dem Song „Sex Bomb“ seinen größten Hit landete, übermittelt Cem Özdemir „meine Glückwünsche und meinen allergrössten Respekt zu diesem Erfolg“, wie er der taz ausrichtete. „Cem Özdemir hat bewiesen, dass er es im Wahlkampf kann, und nun kann er sich auf das konzentrieren, was ihm wirklich am Herzen liegt, BaWü!“, sagt der der 59-jährige Musikproduzent aus Hannover. Und er bekennt: „Wegen Cem bin ich übrigens 2018 Mitglied bei den Grünen geworden.“
Die Journalistin und Aktivistin Düzen Tekkal hat Cem Özdemir auf ihrem Instagram-Kanal schon im Vorfeld öffentlich die Daumen gedrückt. Zur Wahl ist die 47-jährige, die eigentlich mal der CDU nahestand, eigens nach Stuttgart gefahren, um dem Grünen zu gratulieren. In einem Video-Post sprach Özdemir am Wahlabend in ihre Kamera und verriet, dass er gerade an seine verstorbenen Eltern „da oben“ denke, die als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen und sich auf der Schwäbischen Alb kennen und lieben gelernt hätten. Seinen Erfolg betrachte er als eine „Ermutigung für alle anderen, die sich denken: kann ich das auch?“, sagte er, und fügte, mit dem Zeigefinger an die Zuschauenden gerichtet, hinzu, „Ihr könnt das auch“.
„Cem Özdemirs Wahl ist eine Erfolgsgeschichte der Gastarbeitergeneration“, findet Gökay Sofuoğlu, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), einem der größten migrantischen Dachverbände in Deutschland. „Seine Eltern waren klassische Gastarbeiter“, hebt der 63-jährige Funktionär aus Fellbach in Baden-Württemberg hervor. „Das ist für mich eine Normalisierung der Gesellschaft, denn Cem Özdemir verkörpert die Identifikation mit dem Land. Darum sei er, „unabhängig seiner politischen Ansichten ein Vorbild für viele junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“, glaubt er.
Nicht alle lieben Cem Özdemir
Doch nicht alle teilen diese Ansicht. Die Sichtweisen sind gemischt und hängen stark von politischen Überzeugungen und Erfahrungen ab. Von erfolgreichen und schon länger in Deutschland lebenden Einwanderern wird Özdemir positiv als „Pragmatiker“ wahrgenommen. Bei jenen, die eine liberalere Asylpolitik befürworten und mehr Einsatz gegen Rassismus fordern, hält sich die Begeisterung über seinen Wahlsieg dagegen in Grenzen. „Mir ist unverständlich, warum Cem Özdemir hier Zuspruch erhält, obwohl er mehrfach durch rassistische Aussagen aufgefallen ist und enge Kontakte zu Rechtspopulisten pflegt“, postete die Frankfurter NSU-Anwältin Seda Başay-Yıldız am Sonntagabend auf Facebook. „Er ist schon lange nicht mehr ‚unser‘ Cem“, fügte die Anwältin bitter hinzu.
Der Unmut hat Gründe. Schon als Özdemir im Herbst 2024 in einem Gastbeitrag in der FAZ über negative Erfahrungen seiner Tochter mit Migranten berichtete, brachte er damit Teile der eigenen Partei gegen sich auf, die das als Stimmungsmache empfanden. „Das ist moralisch schon krass disqualifizierend“, sagte eine Grünen-Bundestagsabgeordnete damals dem Spiegel. Dass er seinen CDU-Kontrahenten Manuel Hagel wegen dessen Spruch über eine Schülerin aus dem Jahr 2018 später beim TV-„Triell“ altväterlich in Schutz nahm, wurde von manchen als Widerspruch dazu empfunden. Özdemir sprang auch Bundeskanzler Merz nach dessen umsrittenen „Stadtbild“-Äußerungen teilweise bei, sprach von „archaischen und patriarchalen Strukturen“ in manchen Migrantenmilieus, bezeichnete die „Stadtbild“-Debatte aber auch als „holzschnittartig“.
Im Wahlkampf in Baden-Württemberg hat sich Cem Özdemir für eine stärkere Steuerung und Begrenzung der Migration stark gemacht. Außerdem kokettierte er damit, seinen ehemaligen Parteifreund Boris Palmer nach einem möglichen Wahlsieg als Minister in sein Kabinett aufzunehmen. Sie absolvierten gemeinsame Wahlkampf-Auftritte, und Palmer traute Özdemir und dessen Partnerin Flavia Zaka öffentlichkeitswirksam in seinem Rathaus in Tübingen.
Grüne Jugend stellt Forderungen
Nach seinem Wahlsieg verlagt die Grüne Jugend von Cem Özdemir nun, „dass Boris Palmer als sein bester Kumpel und Trauzeuge eben keine Rolle spielen darf in der Regierungsbildung, wenn die Grünen Teil der Landesregierung sind“, sagte deren Sprecher Luis Bobga. Zwischen der Jugendorganisation der Partei, die linke Positionen vertritt, und Özdemir als Vertreter des bürgerlichen Realo-Flügels herrscht maximale politische Distanz.
„Die Haltungen und wiederholten rassistischen Äußerungen des ehemaligen Grünen-Mitglieds Boris Palmer sind mit den Grundwerten unserer Partei unvereinbar“, heißt es in einem Forderungspapier des Jugendverbands. Palmer dürfe weder Minister noch Berater in einer künftigen Landesregierung werden. Außerdem solle sich Baden-Württemberg unter Özdemir aktiv gegen die von der Bundesregierung geplanten „Sekundärmigrationszentren“ stellen, und im Bundesrat dürften „keine Verschärfungen der Asyl- und Migrationspolitik mit grünen Stimmen beschlossen werden.“
Boris Palmer reagierte prompt. Auf Facebook wirft er der Grünen Jugend vor, sie wolle Özdemir „auf Linie bringen“ und dazu, dass er seine Wahlaussagen alle wieder einkassiere. Also: „Verbrenner verbieten, Grenzen öffnen, Abschieben stoppen“. Das aber wäre „ein Betrug an den Wählern und Baden-Württemberg und an ihm selbst“. Für weiteren Streit ist also gesorgt.







