
Die Frankfurter Schule ist trotz ihres Namens keine Schule. Sie ist, zumindest nach Ansicht meiner früheren Lehrerin, der Kritischen Theoretikerin Rahel Jaeggi, eine Konstellation. Als wissenschaftliche Konstellation widmet sie sich seit einem Jahrhundert dem intellektuellen Unternehmen der Kritik.
Kritik ist hier anders als in den sozialen Medien kein „Daumen runter“ oder „Blockieren“. Es ist das ehrgeizige Unterfangen, die Realität so zu beschreiben, dass sie sich verändert.
Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 im Alter von 96 Jahren verstorben ist, war ein Fixstern in dieser Konstellation. Er bot den Kompass für mehrere Generationen von vorwiegend deutschen und nordamerikanischen Denkern.
Habermas war unglaublich produktiv und veröffentlichte mehr als 40 Bücher. Und er war äußerst charismatisch. Habermas’ Denken und Diskurs waren von einer Intensität und Konzentration geprägt, die seine Schriften nur unzureichend vermitteln. Die fulminanten Polemiken, mit denen er sich in öffentliche Debatten einbrachte, stehen zudem in krassem Gegensatz zu der konsensorientierten Diskursethik, für die er bekannt ist.
Doch die konsensorientierte Diskursethik ist vielleicht ohnehin nicht der beste Zugang, um Habermas’ Position zu fassen.
Konzentration auf Kommunikation
Man kann Habermas natürlich als bürgerlichen Denker beschreiben, dessen liberale Selbstzufriedenheit den radikalen Geist der vorangegangenen, im Exil lebenden Frankfurter Generation verriet. Er schob außerdem feministische Forschung beiseite und boykottierte Michel Foucaults Erkenntnisse über die Verflechtung von Wissen und Macht, indem er darauf bestand, dass es so etwas wie einen herrschaftsfreien Diskurs gebe. Betrachtet man es so, stellt sich fast die Frage, ob er überhaupt zum Team „Kritik“ gehört. Doch diese Darstellung greift zu kurz, grenzt sogar an eine Karikatur.
Zu Beginn seiner Karriere wurde Habermas selbst von Max Horkheimer, dem damaligen Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, als zu linksradikal eingestuft. Nur Theodor Adornos Beharrlichkeit hielt die Tür offen für den journalistisch exponierten jungen Assistenten, der zum ersten namhaften nichtjüdischen Vertreter der Frankfurter Schule werden sollte.
Wie seine frühen Schriften zeigen, folgte Habermas dem marxistischen Grundsatz, dass fortschrittliche Kräfte in der sich tatsächlich entfaltenden Geschichte zu finden sein müssen. Er glaubte jedoch nicht, dass die technologische Entwicklung oder die Steigerung der Produktion die Vernunft bergen – was auch seine Lehrer bereits zu bezweifeln begonnen hatten.
Habermas konzentrierte sich daher auf eine andere menschliche Fähigkeit als die produktive Arbeit, nämlich die Kommunikation. Dieser Perspektivwechsel war nicht zuletzt von Hannah Arendts Vorstellung inspiriert, dass menschliches Handeln in der öffentlichen Rede gipfele, wobei Habermas diese Quelle nur kurz in einer einleitenden Fußnote erwähnt, ohne auf einen der tatsächlichen Texte Arendts Bezug zu nehmen.
Emanzipation durch demokratische Zusammenschlüsse
Für heutige realistische Denker mag es eine sehr befremdliche Vorstellung sein, dass es so etwas wie „kommunikative Vernunft“ geben könnte, die sich langsam entlang einer von kolonialer Gewalt und der Unterdrückung von Frauen (mit der Begründung, ihnen fehle die Vernunft) geprägten Menschheitsgeschichte herausgebildet hat.
Und doch sind es auch die von Habermas hervorgehobenen demokratische Zusammenschlüsse und die bürgerliche Presse, die die Emanzipation von solchen Strukturen mittrugen. Wichtige Erweiterungen von Habermas’ Begriff der Öffentlichkeit auf feministische Gegenöffentlichkeiten (von Nancy Fraser) und proletarische Traditionen (von Alexander Kluge) untermauern dessen Plausibilität.
In jedem Fall war es nicht sein Idealismus, sondern sein Materialismus, der Habermas an der Vorstellung einer fortschreitenden Entwicklung der Kommunikation festhalten ließ. Was immer für eine Erlösung der Geschichte notwendig ist, muss genau dort zu finden sein, in ihr selbst. Vielleicht verleiht unser von Nihilismus, Desinformation und KI-Output gezeichnetes Zeitalter dieser Idee neue Glaubwürdigkeit. Denn wenn die Kommunikation zusammenbricht, bleibt kaum etwas anderes übrig als das protofaschistische „Recht des Stärkeren“.
Rekonstruktion des Projekts der Kritischen Theorie
Und Habermas war alles andere als blind für die Möglichkeit solcher Zusammenbrüche. Eines seiner wichtigsten Werke, die 1981 erschienene zweibändige „Theorie des kommunikativen Handelns“, zeigt in allen Einzelheiten auf, wie Systeme, die durch nonverbale Kräfte wie den Markt und bürokratische Rationalisierung gesteuert werden, die Verhandlungsmöglichkeiten in dem, was er die „Lebenswelt“ nennt, aushebeln können. Denn nur die Lebenswelt – Familie, Zivilgesellschaft, Bildung – ist zumindest im Prinzip kommunikativ organisiert und kann sich somit moralischen Ansprüchen stellen.
Das Werk enthält ebenfalls eine Rekonstruktion des Projekts der Kritischen Theorie, die eine überraschende generationenübergreifende Kontinuität entfaltet. Ausgehend vom ungarischen Kommunisten Georg Lukács erzählt Habermas die Geschichte der Frankfurter Schule als eine Abfolge von Kritiken am Phänomen der Verdinglichung. Lukács’ Beschreibung des Arbeiters, der das Schicksal der von ihm produzierten Waren teilt, sowie Theodor Adornos und Max Horkheimers Überlegungen zur Verhärtung innerer wie äußerer Natur lassen sich bis über Habermas hinaus weiterverfolgen.
Die Arbeiten seines Nachfolgers Axel Honneth zur Anerkennung, Judith Butlers Analyse der Normalisierung von Gewalt und Rahel Jaeggis Aktualisierung des Entfremdungsbegriffs sind allesamt Kritiken der Verdinglichung. Der Ruf, dass Lebewesen keine Dinge sind, hallt innerhalb der gesamten Konstellation von Kritikern wider.
Der tatsächliche Austausch als Maßstab
Man möchte annehmen, dass etwas so Grundlegendes offensichtlich sein sollte. Doch für Philosoph:innen ist nichts jemals offensichtlich. Habermas wurde, insbesondere in seinem späteren Werk, immer komplexer und formalistischer in seinem Versuch, die argumentativen Grundlagen für die Ablehnung einer Herabwürdigung von Menschen zum stummen Objekt zu sichern.
Aber auch hier sind seine Maßstäbe – die Ideale der sogenannten Formalpragmatik – nicht aus der reinen Vernunft abgeleitet, sondern aus tatsächlichem Austausch. Nach Habermas missverstehen wir, was Kommunikation ist, wenn wir nicht akzeptieren, dass sie neben strategischen Zielen auch immer darauf ausgerichtet ist, ein gewisses gemeinsames Verständnis herzustellen. Und dieses gemeinsame Verständnis lässt sich – wiederum eher im Prinzip als in der Praxis – als ein zwangfreier Konsens beschreiben.
Moralität bemisst sich daran, ob ein solcher Konsens unter allen Betroffenen erreicht werden könnte. Die meisten tatsächlichen Äußerungen bestehen diesen Test nicht, doch wenn Sprache jeglichen Versuch, Verständnis zu erreichen, aufgeben würde, würde die Kommunikation zusammenbrechen, selbst wenn weiterhin Worte gesprochen würden. Vielleicht ist das bereits geschehen. Und doch, liebe Leser:in, sind wir nicht gerade dabei, zu kommunizieren?
Frankfurter Schule tot?
Eine Kollegin von mir, die polnische Philosophin Iwona Janicka, wandte sich einmal mitten in einem Gespräch über Inklusion und Exklusion im akademischen Betrieb an mich. Ich hatte einige interne Streitigkeiten innerhalb der Kritischen Theorie erwähnt. „Die Frankfurter Schule?“, fragte sie mit gerunzelter Stirn. „Ist denen nicht klar, dass sie tot sind?“ Das bringt mich immer noch zum Lachen.
Weitaus ernster begegneten mir diese Worte aus dem Mund führender Vertreter:innen unserer Disziplin wieder, die entsetzt waren über die scharfe Stellungnahme, mit der Habermas und seine Kollegen kategorisch ausschlossen, Israels Angriff auf Gaza als Völkermord zu bezeichnen. Für viele stand infrage, ob sich die Kritische Theorie jemals von einem solchen Fehlurteil erholen könne.
Mein Eindruck ist, dass die Ressourcen dafür vorhanden sind, tief in ihr selbst verborgen, und nicht zuletzt im Werk von Jürgen Habermas.
Dieser Text erschien zuerst in „The Guardian“. Aus dem Englischen von Katharina Bigot.
Die Autorin, Philosophin an der Berliner Humboldt-Universität, veröffentlichte soeben den Band „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“ (Fischer Verlag).






