Fahrt im Frauen-Zugabteil in Kairo: Safe Space auf Schienen

Vor mir baumeln Scheren, Labellos und Haargummis, im Gang kauft eine vielleicht fünfjährige Fahrgästin für 5 ägyptische Pfund (8 Cent) einen pinken Labello. Ich bin in der Metro in Kairo, Straßenverkäufer_innen gehören zum Alltag. Die Waren werden meist auf Kleiderbügeln aufgehängt oder in den Schoß der Fahrgäst_innen gelegt.

Das Besondere für mich: Neben mir sitzen nur Frauen und Kinder. Während in Berlin immer wieder diskutiert wird, ob es FLINTA-Waggons geben sollte, ist das in Kairo fast Realität: Hier gibt es „ladies only“-Abteile. Eingeführt wurden sie 1989, für Männer gibt es ein Bußgeld von 200 Pfund (3,50 Euro), wenn sie in diese Waggons einsteigen. Heute fahre ich von Downtown nach Maadi, einem etwas ruhigeren und grüneren Viertel im Süden der Stadt.

Ich sitze neben zwei Frauen, die telefonieren, eine hat einen kniehohen Karton mit einem Küchengerät vor sich stehen. An der Station Nasser steigen zwei Verkäufer ein, die ihre Lichterkette präsentieren. „35 Pfund“ rufen sie, während sie die Kette aufwickeln, beide halten ein Ende der Lichterkette, es leuchtet bunt im Abteil. Während sie durchs Abteil laufen, Lichterkette weiterhin aufgewickelt, kauft eine Frau die Deko für umgerechnet 60 Cent.

Wenn ich Metro fahre, nehme ich fast immer die Abteile, die für Frauen vorgesehen sind. Sie werden rege genutzt und ich spüre hier einen Gemeinschaftssinn, der mir in Berlin fehlt: Die Frauen nehmen auf Ältere und Schwangere Rücksicht, obwohl es bei so vielen Menschen nicht einfach ist, den Überblick zu behalten. Steht eine Frau auf, kommt es nicht selten vor, dass sie einer anderen mit dem Finger den Platz zeigt, damit die sich hinsetzen kann.

„Wir sitzen nebeneinander, auch wenn es sehr eng ist“

Diesen Gemeinschaftssinn schätzt auch die 23-jährige Reem Ashraf: „Wenn wir zusammensitzen wollen, sitzen wir ganz nah beieinander. Im Männerabteil geht das nicht.“ In den gemischten Abteilen stehe sie oft, weil niemand Platz mache. „Aber im Frauenwaggon sind wir sehr hilfsbereit. Wir sitzen nebeneinander, auch wenn es sehr, sehr eng ist, und das ist schön, es fühlt sich sicherer an.“ Sexualisierte Gewalt habe Ashraf noch nicht in der Metro erlebt, erzählt sie.

Die 42-jährige Fatima Youssif sagt: „Normalerweise fahre ich mit dem Frauenfahrzeug, aber wenn ich es eilig habe, nehme ich das Männerfahrzeug. Aber meistens werde ich dort sexuell belästigt. Es ist für mich normal, weil ich Sudanesin bin.“ In der ägyptischen Hauptstadt leben circa eine halbe Million Sudanes_innen. Die Frauen unter den Geflüchteten sind dabei noch mal anderer Ausgrenzung und Gewalt ausgesetzt als die Männer.

Auch die 56-jährige Ägypterin Laila Abdelatif fühlt sich unwohl in den Öffis. Sie arbeitet als Reinigungskraft in der Metro und nimmt auch privat die Frauenabteile, wenn sie Bahn fährt: „Ich sehe die Männer hier nicht einmal gern, weil sie so unhöflich sind. Meistens belästigen sie mich. Vor allem in Kairo sind die Männer nicht anständig.“ Seit einem halben Jahr lebe sie in Kairo, zuvor lebte sie in der Region Assuan, im Süden Ägyptens. Dabei seien selbst die anderen Arbeiter_innen „nicht nett“ zu ihr: „Wenn sie eine geschiedene Frau sehen, distanzieren sie sich von mir.“ Sie erzählt von einem Kollegen, der eine sexuelle Beziehung mit ihr eingehen wollte. Sie lehnte das ab, aber er bedrängte sie. Sie sucht nun einen neuen Job.

Eine Befragung von UN Women fand 2013 heraus, dass der Anteil derjenigen, die sich im öffentlichen Nahverkehr in Kairo unsicher und hilflos fühlen, bei 87 Prozent liegt. Damit sind allerdings auch andere öffentliche Verkehrsmittel gemeint wie Busse und Fähren.

Sexuelle Belästigung

Anfang Februar 2026 ging in Ägypten ein Video viral, in dem die Schauspielerin Mariam Shawky einen Mann filmt, der sie zuvor im Bus belästigt hatte. Im Bus selbst verteidigten Männer die Person, die sie belästigte. Im Nachhinein bekam Shawky Todesdrohungen.

In Bussen gibt es kein Frauenabteil – und für die Metro wird manchmal diskutiert, ob die Frauenwaggons abgeschafft werden sollen. 2018 sorgte eine Ankündigung zur Abschaffung für Diskussionen. Die Feministin Nada Abdullah sagte damals der Zeitung Al-Ahram, dass Frauenwaggons ein „Prinzip der Angst“ festigten.

Die 50-jährige Hosna Gnedi, die am selben Tag wie ich Metro fährt, lässt sich vom Prinzip Angst aber jedenfalls nicht leiten. „Ich fahre mit dem Männerfahrzeug, weil Frauen sich normalerweise gegenseitig berühren, ich mir aber mit dem Männerfahrzeug meinen Freiraum nehme. Ich mag keine Berührungen.“ Sie fährt seit 30 Jahren jeden Tag mit der Metro zur Arbeit, sexualisierte Gewalt habe sie dabei noch nie erlebt.

Nachdem ich meine Interviews geführt habe, steige ich zurück in die Metro. An der Station Hadayek El-Maadi steigen zwei Männer ins Frauenabteil, der eine verkauft Kopftücher aus einem riesigen weißen Sack heraus, der andere eine klassische Ramadan-Deko: kleine Fanous-Lampen für umgerechnet einen Euro, die bunt blinken. Wenn ich etwas brauche, muss ich mich nur eine Zeit lang in die Metro setzen, dann findet es zu mir – und natürlich auch, was ich nicht brauche! Eine unvollständige Liste aller Dinge, die ich bislang in der Metro erworben habe: vier Ausmalbücher für Grundschüler_innen, zwei Taschentuchpackungen, Stickerbogen, Kopfhörer, die furchtbar scheppern, zwei Paar Ohrringe, ein Haargummi im Leoprint.

Auch in Berlin eine gute Idee

Das feministische Netzwerk Women of Egypt und die Parlamentsabgeordnete Marwa Bouris forderten Anfang Februar, dass die Frauenabteile in Kairo ausgeweitet werden: Bislang gilt das männerfreie Fahren nämlich nur bis 21 Uhr. Ich verstehe die Forderung, denn ich fühle mich im Frauenabteil in Kairo sicher und wünschte mir, Berlin würde nicht so lange über FLINTA-Waggons diskutieren, sondern es einfach mal ausprobieren.

Auf meiner Fahrt diskutieren zwei Frauen an der Station Sadat, wer sich hinsetzen soll. Schließlich setzt sich eine hin und zieht die andere mit beiden Händen zu sich, Oberschenkel presst sich an Oberschenkel. Ich komme an, Nasser Station. Es sind keine Verkäufer_innen mehr im Abteil, hier kontrolliert die Polizei stärker, und Straßenverkauf in der Metro ist so gängig wie verboten. Ich atme einmal tief ein: Bevor ich aussteigen kann, steigen fünf Frauen ein, Körper drückt sich an Körper.

Mitarbeit: Eman Mahmoud Youssef

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