
Zehn Jahre amtiert Gianni Infantino nun als Präsident des wichtigsten Sportverbands der Welt. Und damit jeder sieht, wie bedeutend er und seine Fifa sind, hat er sich vergangene Woche beim „Board of Peace“ eingefunden. Das ist der „Friedensrat“, mit dem US-Präsident Donald Trump die UNO herausfordern, wenn nicht gar ablösen möchte.
Was hat die Fifa da zu suchen? Gängige Antworten lauten: Infantino diene sich opportunistisch der US-Administration an. Er sei „ein Funktionärsgeschöpf von Amerikas Gnaden“, schreibt die Süddeutsche, und das linke US-Magazin The Nation kommentiert: „Infantino wollte etwas tun, was er noch mehr liebt als Fußball zu schauen: an Donald Trumps Hintern schmusen.“
Mir scheint, dass diese Erklärungen sich einem bloß oberflächlichen Eindruck verdanken, letztlich aber falsch sind. Der Weltfußballverband Fifa hat unter Gianni Infantino und seinem Vorgänger Sepp Blatter eine ungeheure weltpolitische Bedeutung erreicht, die aktuell noch gesteigert wird.
Mit dem Friedensrat hat die Fifa eine „strategische Partnerschaft“ geschlossen. Zunächst geht es um den Gazastreifen, und danach will die Fifa auch in anderen Regionen der Welt mitmischen. Die Partner wollen „mit dem Fußball den Wiederaufbau, die Stabilität und die langfristige Entwicklung in konfliktbetroffenen Regionen unterstützen“, heißt es. Ganz konkret im Gazastreifen heißt das: ein Hilfsprogramm „mit Infrastruktur-, Bildungs- und Elitenförderung“, dazu werden 50 Minifußballplätze und ein Nationalstadion mit 20.000 Sitzplätzen gebaut.
Fifa passt ideal in neue Weltordnung
Anders ausgedrückt: Wenn eine „Riviera in Nahost“ (Trump) entsteht und der kriegs- und krisengeschüttelte Landstreifen kapitalistisch erschlossen wird, will die Fifa nicht abseitsstehen. Der Friedensrat, in den sich Mitglieder für 1 Milliarde US-Dollar einkaufen können, steht ja für etwas, das man als Kommodifizierung der internationalen Politik beschreiben kann. Der Einfluss von Tech- und Immobilienmilliardären auf die US-Administration steht für den Versuch, auch aus zwischenstaatlichen Beziehungen Geld zu machen.
Die Fifa hat in den vergangenen 30 Jahre gezeigt, dass sie auf gleich zweierlei Weise ideal in dieses Projekt einer zur Ware gerinnenden Weltordnung passt. Artikel 61 der Fifa-Statuten schreibt vor, dass Fußball und Staaten nichts miteinander zu tun haben. „Wenn im internationalen Fußball die Formel der Trennung der Sphären von Fußball/Sport und Politik/Staat ins Spiel gebracht wird“, schreibt der Politologe Timm Beichelt in seinem Buch „Ersatzspielfelder“, „lässt sie sich zumeist so übersetzen, dass sich Akteure des Fußballs eine Einmischung gewählter politischer Akteure genauso verbitten wie das Anmahnen normativer Standards, die in den demokratischen Gesellschaften üblich sind“.
Zuletzt war unter anderem der kongolesische Fußballverband vom Weltfußball ausgeschlossen. Grund war, dass die Regierung von Kongo-Brazzaville sich für den Hauptsitz des Fußballverbands zuständig erklärt hatte und dessen Finanzen kontrollieren wollte. Die Regierung gab klein bei, die Fifa hob die Suspendierung auf.
Vor Jahren undenkbar: Ein Fußballverband zwingt Staaten, Souveränität abzugeben
Was vor Jahren noch undenkbar war, ist mittlerweile Realität: Ein Fußballverband kann Nationalstaaten zwingen, ihre Souveränität teilweise abzugeben. Mit ihrer Männer-WM hält die Fifa ein erstklassiges Erpressungstool in der Hand: Wenn ihr uns nicht gehorcht, dürft ihr nicht mitspielen – und das erklärt dann mal euren Leuten! Kongo-Brazzaville hat aufgrund der Fifa-Entscheidung die WM-Qualifikation verpasst.
Eigene Fifa-Währung
Zum Aufstieg der Fifa zu einem weltpolitischen Akteur gehört noch mehr: Gianni Infantino kündigte erst jüngst ein eigenes Fifa-Geld an, „eine potenziell globale Währung für 6 Milliarden Fußballfans“. Auch eine Banklizenz hat die Fifa, um mit einem eigenen Geldinstitut sämtliche Fußballtransfergeschäfte abwickeln zu können. Dass europäische Gerichte dies untersagten, dürfte den Verband nur kurzfristig aufhalten. Zumal die Fifa auch dabei sein könnte, ihre Bindungen an die Schweiz zu lösen. Zwar gewährt die Eidgenossenschaft dem Verband günstige Steuerbedingungen, aber sporadische juristische Verfahren nerven die Fifa-Oberen. Warum nicht irgendwo anders hin? Gianni Infantino besitzt neuerdings die libanesische Staatsbürgerschaft.
Was aber will Trump von der durchaus mächtigen Fifa? Er braucht sie für einen Kampf auf einer anderen Ebene: den um Hegemonie. Institutionen, die auf das Alltagsleben einwirken wie etwa Hollywood oder das Musikbusiness erweisen sich bei der Unterordnung unter Trumps Weltordnung als sperrig. Das gilt auch für die großen Sportarten: Mit der Football-Liga NFL legte sich Trump wegen der Halbzeitshow des Super Bowl an: zu divers, zu migrationsfreundlich. Und die Basketballer der NBA verkörpern globale und liberale Werte, weil gerade ihre Liga zu einer Weltliga aufgestiegen ist, deren Stars nicht mehr nur aus den USA kommen, sondern tatsächlich aus aller Welt. Und viele Spieler, gerade afroamerikanische Stars, sind Symbolfiguren des Anti-Trump-Protests.
Bislang gehört Fußball in den USA nicht zu den großen hegemonialen Sportarten. Aber er bietet Potenzial: Nicht umsonst will Trump den Begriff „Soccer“ gern in „Football“ umwandeln und so dem europäischen Fußball Optionen für den US-Markt bereiten. Die Fifa reagiert darauf, indem sie ihre kulturelle Bedeutung in Form eines „Fifa-Friedenspreises“ für Trump unterstreicht. Dass dies eine Fremdschämveranstaltung war, dürften alle Beteiligten eingepreist haben. Ihnen ging es darum, möglichst sichtbar einen Pflock einzuschlagen: Wir sind wichtiger als der Nobelpreis.
Man müsse davon ausgehen, schreibt Timm Beichelt, „dass durch den internationalen Fußball auf der vorpolitischen Ebene ein Deutungsrahmen etabliert wird, der Alternativen zur Demokratie bereithält“.
Im Grunde wäre es schön, wenn all das bloß von peinlichem Größenwahn getrieben wäre. Dann könnte man es ignorieren. Aber der Fußball und sein als Monopolist agierender Weltverband fügen sich bestens in das gefährliche Projekt einer neuen Weltordnung ein.
Ich fürchte, nach zehn Jahren Amtszeit müssen wir anfangen, Gianni Infantino ernst zu nehmen.






