Das Fazit ausnahmsweise mal vorneweg: Paolo Sorrentino dreht wunderschön anzusehende Filme über Menschen, die nicht lieben können. Oder die zumindest nicht auf eine Weise lieben können, die sie und die von ihnen irgendwann dann halt doch so gut es geht geliebten Menschen glücklich machen würde. Einige von Sorrentinos Filmen spielen im Feld der Politik und erzählen damit zwangsläufig von der Macht und den verschiedenen Kapitalformen, die in ihm zirkulieren. Sie untersuchen, in welchem Verhältnis die Macht zu diesem Nichtliebenkönnen ihrer meist eher traurigen Figuren steht.
In dem neuen Film, „La Grazia“, hat Sorrentinos Stammschauspieler Toni Servillo zum dritten Mal die Hauptrolle und spielt erneut einen Politiker. Mariano De Santis, gelernter Jurist, ist der Präsident der italienischen Republik in einem Paralleluniversum, das unserem in Deutschland sehr ähnelt. De Santis steht sechs Monate vor dem Ruhestand und könnte eigentlich zufrieden auf sein Schaffen und Wirken zurückblicken.
Sechs Staatskrisen hat er mitsamt seiner Republik durchgemacht, erfolgreich bewältigt, heißt es, und Servillo spielt die Figur wie die Fleischwerdung der Redewendung „mit ruhiger Hand“. Was latent das Erstarrte touchiert. Seinen Spitznamen „Cemento armato“, Stahlbeton, trägt der Ministerpräsident nicht ohne Grund.
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„La Grazia“. Regie: Paolo Sorrentino. Mit Toni Servillo, Anna Ferzetti u.a. Italien 2025, 133 Min.
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Auf den letzten Metern muss Mariano De Santis aber doch noch mal aus der Deckung kommen. Es gilt, über einen Gesetzesentwurf zur teilweisen Legalisierung von Sterbehilfe und außerdem über zwei Gnadengesuche zu entscheiden. Was ihn aber eigentlich quält, wie viele der auf verschiedene Weisen zerquälten Männer in den Filmen Sorrentinos, ist eine Frau. Seine verstorbene Ehefrau hat ihn vor vierzig Jahren betrogen und den Namen ihres Liebhabers mit ins Grab genommen.
In seinen brütend-obsessiven Versuchen herauszubekommen, wer es gewesen ist, fällt De Santis immer wieder aus der Rolle. Er verdächtigt einen seiner ältesten Freunde und führt sich auf einer Beerdigung seltsam auf. Seine einzige langjährige Freundin weiß Bescheid, verschweigt es aber und gibt ihm, ganz richtig, zu verstehen, dass es an der Zeit wäre, mit dem Quatsch jetzt mal aufzuhören.
Menschen, die in und durch die Macht leben
In diesem Getriebensein schließen Toni Servillo und Paolo Sorrentino an ihre ersten beiden gemeinsamen Ministerpräsidentenfilme an, „Il Divo“ und „Loro – Die Verführten“. Der Ministerpräsident Giulio Andreotti in „Il Divo“ ist ein machiavellischer Teufel, der Film eine „komische Politoper über Italien und seine Macht-Stronzos“, schrieb Birgit Glombitza damals in der taz. „Loro“ ist ein gleichfalls unvorteilhaftes Porträt von Silvio Berlusconi, gespielt von Servillo. Damit bildet „La Grazia“ den Abschluss einer impliziten Trilogie über Menschen, die in und durch die Macht leben, und das alles in allem auf eine eher traurige Weise.
Von seinen zwei Vorgängern hebt „La Grazia“, der Titel deutet es bereits an, sich ab. Es geht nicht mehr um das faszinierte Vorführen der Macht und ihrer Bilder und des Begehrens, das sie befriedigen soll (aber irgendwie nie kann, alle bleiben unbefriedigt und ungeliebt). Mariano De Santis’ Problem heißt nicht Soziopathie oder pathologischer Narzissmus, überhaupt ist er eine eher asexuelle Figur. Und die Szene, in der eine Redakteurin der Vogue sehr direkt anfängt, mit dem Staatsoberhaupt zu flirten, ist das schauspielerisch virtuose Minidrama einer Vermeidung.
Das Problem des Helden in „La Grazia“ ist eher ein erkenntnistheoretisches: Wie kann ich über Leben und Tod aus einer zwangsläufigen Ungewissheit heraus entscheiden? Wie kann ich weiterleben in dem Wissen, dass ich über das, was mich zermürbt und quält, niemals Klarheit werde haben können? Was, wenn mir also nur die eigenen Fantasien von dem, was vielleicht war, bleiben werden? Das Problem ist also unter anderem, dass die sozusagen posthume Eifersucht des Witwers in diesem Sinne ausschließlich aus ihm selbst kommt.
Vergebung, Entscheidung und Ungewissheit
Paolo Sorrentinos wie immer wunderschön gleitende, opulente Inszenierung entfaltet dieses ausnahmsweise stille Drama auch anhand von immer wieder sehr bedeutsamen Metaphern. Ein Pferd liegt im Sterben, in der Frage Gnadenschuss ja, Gnadenschuss nein spiegelt sich das Sterbehilfeproblem. De Santis ist Katholik und lässt das Pferd erst einmal liegen. Immer wieder kreisen die Dialoge und die Bildkompositionen, Zitate und Verweise um Vergebung, Entscheidung und Ungewissheit.
Damit steht der ruhige Rhythmus von „La Grazia“ als Kontrapunkt zu den ersten beiden Filmen der Machttrilogie Sorrentinos. Er wird immer wieder mal durchbrochen von überdeterminierten, sehr bedeutsam wirkenden Momenten, die dann aber ins Leere laufen. Der Papst, mit dem sich der Ministerpräsident zur Konsultation trifft, ist in der Welt dieses Films schwarz und fährt Mofa.
An einigen Stellen pumpt der Soundtrack im Kontrast zum klassisch anmutenden Geschehen auf der Leinwand Techno. Einzelsequenzen in Zeitlupe wirken, als stünden sie entbehrlicherweise neben dem Handlungsverlauf. Auch das trägt zum wieder einmal sehr präsenten Ästhetizismus des Ganzen bei. Paolo Sorrentinos Filme wirken, als seien sie verliebt in die Schönheit ihrer Bilder und damit gleichsam selbstverliebt.
Die Gnade als Titelheldin
Zu ihren Figuren hingegen pflegt diese Filmsprache selbst noch dann, wenn sie in seinem semiautobiografischen Film „Die Hand Gottes“ vom frühen Tod der Eltern erzählt, ein eher distanziertes Verhältnis. Und damit wäre dann ja auch wieder alles stimmig: Es geht schließlich auch für Paolo Sorrentinos Männerfiguren immer wieder darum, keinen Zugang zu anderen, zur eigenen Geschichte und damit zu sich selbst zu finden.
In „Il Divo“, „Loro“ und nun auch „La Grazia“ schiebt sich die Macht – und das heißt in diesem Fall schlicht die Fähigkeit oder Befugnis, über andere zu entscheiden, ohne sie in diese Entscheidung mit einzubeziehen – zwischen die Figuren und ihre Welt. Machtvoll sein steht hier immer in Bezug zum Lieben- und Nichtliebenkönnen der entweder traurigen oder abstoßenden Helden Sorrentinos.
Von all diesen vorangegangenen Filmen aber unterscheidet sich „La Grazia“ durch seine Titelheldin, die Gnade. Sie steht im Kern der Geschichte und ihr Begriff wird in den zwei Stunden, die dieser Film dauert, durchdekliniert in der Mehrdeutigkeit, die er in der italienischen Sprache hat: als Verzeihen (sich selbst und anderen), als Begnadigung im juristischen Sinn, in seiner religiösen Bedeutung, als göttliche Gnade, als Anmut, Eleganz und eben Schönheit und als Dankbarkeit.
Dieser Entfaltung einer Idee in Form von durchkomponierten Bildern zuzuschauen, ist ein ästhetischer Genuss, wie man so sagt. Aber egal, wie traurig, kaputt und endgültig es ist, wovon hier erzählt wird: Durch das selbstverliebte Kameraauge dieser Filme betrachtet, wirkt alles wunderschön. Und die universelle und damit auch wahllos anmutende Ästhetisierung von allem ist in ihrem Glorifizierungspotenzial schon auch problematisch.
Macht ist das, wovon die Menschen zehren und was sie als Ausübende oder Untertanen daran hindert, zu lernen zu lieben und geliebt zu werden. Aber wo alles schön ist, kann nichts nur banal schrecklich oder böse sein.






