Fotoband über die A100: Der Preis, den die Stadt zahlt

Zum Schluss: Radfahrer. Die letzte Aufnahme aus der Serie über die A 100, vom Mittelstreifen aufgenommen, Tunnelausfahrt Innsbrucker Platz: Die Fahrbahnen rechts sind gesperrt, links Radfahrer auf der Autobahn.

Das Bild hat eine andere Färbung als die Serie zuvor, da radeln Menschen entspannt, eine große Gruppe, Klönschnack, Lachen. Auf Aufnahmen zuvor standen Menschen vereinzelt herum, verloren vor Sichtbeton. Beugten sich allenfalls über eine Motorhaube, ein Defekt verhindert ihr Fortkommen, während wir ruhelosen Verkehr auf Brückenzügen darüber ahnen.

Die Radler sind Ausnahmen von der Regel: Wo sonst Lärm tost, sich tonnenschwere Automobile, Lastwagen, Lieferfahrzeuge in engen Kolonnen drängen, bewegen sie sich luftig gestaffelt durch die streng gestaltete Straßenscharte. Rolf Schulten beendet damit sein Porträt eines Halbkreises um Berlin: die Bundesautobahn 100, 28 Kilometer vom Nordwesten bis hinter den Neuköllner Schifffahrtskanal, bevor sie sich in der A 133 nach Brandenburg verliert.

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Der Druck der Beschleunigung, weiß Hartmut Rosa, die stumme normative Gewalt, verdirbt vieles

Der Druck der Beschleunigung, wissen Soziologen, die stumme normative Gewalt, wie sie Hartmut Rosa nennt, verdirbt vieles. Auch im Stadtbild kann man ihr nachspüren: für einen vermeintlichen Zugewinn an Zeit, für mehr Durchsatz wurden Straßen verbreitert, Schneisen gegraben, Kurven geöffnet. Für Beschleunigung wurde Landschaft planiert, Brücken geschlagen, Bachläufe zugeschüttet.

Das Auto als Versprechen der Beschleunigung

Das Auto war über Generationen Versprechen und Vehikel der Geschwindigkeitszunahme, dafür zogen Verkehrsplaner mehrspurige Asphaltbänder um Städte. In Berlin arbeiten wir seit Jahrzehnten daran, den Ring zu schließen – Rolf Schulten fasst die Konsequenzen bis hierher zusammen.

Autobahnen fotografisch zu untersuchen, als Semiologie aus Verbindung und Trennung, Fortschritt und Zerstörung, ist kein ganz taufrisches Sujet. Grob überblickt, wich in den letzten Jahrzehnten der Optimismus aus den Bildern. Jörg Brüggemann protokolliert harsche Eingriffe in Landschaften, Christoph Naumann trug eine Bildstrecke entlang der A3 zusammen, die den Klangteppich des Verkehrs illustriert; Michael Tewes rückt kühle Geometrien entlang der Fernstraßen in den Blick, Sue Barr folgt dem Brücken-Brutalismus in Bergtälern, über Siedlungen.

Rolf Schulten bleibt in Berlin. Er blickt auf den Preis, den die Stadt für den Bogen ums westliche Stadtzentrum entrichtet. Und der, kann man zusammenfassen, ist nicht gering. Schulten schaut auf die A100 im Moment der Leere, als ungenutzte Stadtmöblierung. Als Schneise oder durch Siedlungen gezogene Brückentrasse – oft nur ein paar Meter vor Gründerzeitfassaden. Brandmauern wenden sich der Fahrbahn zu, weisen auf das, was da fehlt: das nächste Gebäude, der Zusammenhang.

Schallschutzmauern sollen Wohnsiedlungen vor brüllendem Lärm bewahren, sie sind grau, gerastert, unansehnlich. Wenn frühe Morgensonne in robusten Fliesen schimmert, kann man kurz an Jacques Tati denken, in einem seiner Filme erscheinen die Wahrzeichen von Paris nur noch als Spiegelungen in Glastüren. Bei Schulten sind es Naturphänomene.

Rolf Schulten öffnet den Blick

Er öffnet den Blick für den immensen Aufwand, mit dem die vergleichsweise banale Tätigkeit des Autofahrens abgesichert werden muss: Damit das Tempo hoch bleiben kann, müssen breite Fahrbahnen mit kräftigen Leitplanken versehen vom Gegenverkehr getrennt werden. Fußgänger müssen mit Mauern geschützt, geleitet, ihnen müssen Zugänge verwehrt werden.

Und so furunkeln Betonplatten zu vertikalen Bändern, hier und da braucht es bald Eisenspitzen, Stacheldraht. Spiegel machen von der Trasse bedrängte Ausfahrten einsehbar. Eine Autobahn in der Stadt, scheint Schulten zu betonen, ist eine ingenieurstechnische Verdrängungsleistung. Wir erahnen sie, wenn mal eine Brücke zu früh zerbröselt.

Vor allem die in den 1970er Jahren vorangetriebenen Bauabschnitte scheinen auch ästhetisch in den Stadtraum zu greifen: Hochgezogenen Wohnhäuser sehen selbst wie Schallschutzmaßnahmen aus, wenn Schulten Neubauten entdeckt, springt einen die Herzlosigkeit der Fassaden an. Bessere Wohngegenden liegen woanders.

Rolf Schulten: A100. Stadtautobahn Berlin

Verlag Ketteler, Bönen 2025, 95 Seiten, 32 Euro

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Rings um die Autobahn wirkt die Stadt vernutzt, vergilbt, vergraut: Schmutz legt sich auf Fassaden, das schüttere Abstandsgrün an Böschungen wirkt für sich schon wie die Bepflanzung einer Müllkippe. Es wundert wohl niemanden, wenn hier irgendwer seine alte Kloschüssel entsorgt. Auch die findet Rolf Schulten in seiner Serie über die Folgen der Beschleunigung.

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