
K ann es sein, dass die Angst vor Krieg zum neuen Wetterbericht geworden ist? Die Zukunft fühlt sich an wie jetzt. Wir sind zu viert in meiner Einraumwohnung und versuchen uns zu erinnern, wofür es sich zu leben lohnt.
Ich frage mich, warum nicht immer alle bei mir abhängen und Pandeiro spielen. Oder politische Zusammenhänge anhand alltäglicher Beispiele erörtern. Warum nicht öfter das zweite Album von Kendrick Lamar aus den Boxen tönt, während ein Freund aus der Küche ruft: „Mach mal lauter“. Er zieht an seinem Joint, der für alle anderen zu stark ist. Seltsam, dass ich den Song, der nach Indierock aus der Jugend und Cloud-Rap aus der Gegenwart klingt, noch nie gehört habe. Die Musik wechselt, Haiyti. Ich klopfe den Offbeat auf der Fensterbank mit und vergesse kurz meine privaten Melodramen.
Ich schaue aus dem Fenster. Ich sehe die Stadt in der Nacht mit ihren roten Lichtern und ich sehe die drei anderen, die sich spiegeln. Ich lasse mich einsaugen in die doppelte Buchführung der Realitätswahrnehmung.
Ich skippe zu einem Jungle-Beat von Rufige Kru und dann zu Cardi B. Wir hier lieben schnelle Wechsel zwischen düsterer Erhabenheit und glitzerndem Pop. Hihats wirbeln um unsere Köpfe wie ein Schwarm Wespen um ein Glas Limonade. Ich denke: Alles ist möglich. Hier drin sein und an draußen denken. An die, die nicht hier sind. Die, die nicht mehr hier sind. Und die, die von der Polizei mit Frisuren verprügelt oder vom Bundeskanzler beleidigt werden.
So viel Energie
Der Freund hört nicht auf, den Beat zu halten wie eine Drum Machine. Wie eine fucking Drum Machine. Wie ich das liebe. Ich greife wieder zur Pandeiro und spiele mit. Verdopple kurz das Tempo der Schläge. Ich nicke den anderen beiden zu, um Eingang zu finden in die Frequenz ihres Gesprächs.
Die Freundin runzelt die Stirn, um ihrem fadenscheinigen Standpunkt Tiefe zu verleihen, und setzt das Whiskeyglas an. Der Freund fällt ein weiteres Mal auf ihr Spiel rein und entgegnet wieder 3 Sekunden zu schnell. Ich finde ihn schön. Sie strahlen so viel Energie ab. Sie haben so viel zu geben und wissen es nicht. Ich will es ihnen sagen, doch es ist auch riskant. Ist es einmal gesagt, muss die folgende Erfahrung stärker sein als die Worte, um gegen sie bestehen zu können. Also frage ich, ob sie noch was brauchen und schenke ihnen ein. Ich schenke ihnen den guten Wein ein, den ich lange aufgehoben habe.
Wir teilen vieles, eine Kindheit ohne Plot, die tiefen Narben toxischer Familien, die Vorliebe für Gelaber, das nirgendwo anfängt und überall endet, und dieses Gefühl, dass wir in mehreren Zeiten gleichzeitig leben.
Glühende Menschen
Die Freundin liest gerade die Biographie von Mary Wollstonecraft. Da gibt es keine Handys, kein Fentanyl, keine Killer-Drohnen. Voll geil. Allerdings starben die Menschen mit 30 an einer Erkältung. Wir wären längst nicht mehr am Leben.
Doch diese Menschen hier glühen, sie erfinden neue Weisen des Seins. Ein soziales Experiment, so deep und banal, dass sie es fast übersehen. Auf der Suche nach etwas, für das es keine Worte gibt.
Hach, keine Ahnung. In Nächten wie diesen ist der Gedanke ans Sterben ein schiefgelaufener Witz einer Sitcom, bei dem das eingeblendete Lachen nie abgeschaltet wurde. Oder?






