Green Day beim Superbowl: Die Neunziger haben angerufen

Die US-Punkband Green Day tritt beim diesjährigen Superbowl auf. Ist das die Nostalgie, jetzt, da die Generation X Geschichte geworden ist?

Die US-College-Pop-Punk-Rocker von Green Day sollen die diesjährige Superbowl-Eröffnungszeremonie am 8. Februar in Kalifornien bestreiten. Eine bemerkenswerte Nachricht, nicht nur für alle, die in den 1990ern in Partykellern den Hit „Basket Case“ grölten: „Sometimes I give myself the creeps / Sometimes my mind plays tricks on me / It all keeps adding up / I think I’m cracking up / Am I just paranoid or am I just stoned?“

Der Superbowl-Auftritt vor einem Riesenpublikum gilt als Krönung amerikanischer Künstlerkarrieren und ist ein gesamtgesellschaftliches Mega-Ereignis, das auch etwas über die Verfasstheit der US-Gesellschaft aussagt. Green Day als Opener sollen wohl den konsenstauglichen Gegenpunkt zum puertoricanischen Rapper Bad Bunny setzen, der auf Spanisch rappt und sich mit Kritik an Trumps migrationsfeindlicher Politik nicht zurückhält; Trump hat seine Einladung bereits als „lächerlich“ bezeichnet und eine „All-American“-Alternative gewünscht.

Und die sollen nun ausgerechnet Green Day sein? Eins ihrer bekanntesten Alben hieß „American Idiot“, die Single aus ihrem letzten Album „The American Dream Is Killing Me“.

Ihr Auftritt beim Superbowl ist wohl eher Ausdruck eines anderen Phänomens: Die in den 1990ern popkulturell geprägte Generation X sehnt sich nach ihrer Jugend zurück. Nach einer Welt, in der die Blockkonfrontation besiegt und die Zukunft offen war, in der Grunge den ziemlich toten Punk beerbte, Hiphop endgültig im globalen Mainstream angekommen war und Douglas Coupland mit seinem Romanbestseller einer flott-ironischen, aber etwas ziellosen Generation das coole X verpasste.

Bäume wie Yuppies

Wer nicht von der Gewalt der Baseballschlägerjahre betroffen war, kultivierte auch hierzulande eine ironische Wurschtigkeit und konzentrierte sich auf Geschmacks-und Abgrenzungsfragen, wie sie Couplands Romanfiguren beschäftigten: „Du könntest genauso gut Bäume zu einer Party einladen wie Yuppies, Liebes.“

Auch die diesjährige Berlinale macht bei der Nineties-Nostalgie mit und feiert das Jahrzehnt in ihrer Retrospektive: Ice Cube cruist in „Bozy n the Hood“ mit seiner Gang durch die Schwarzen US-Vorstädte, von ICE noch keine Spur. In „Bahnhof Friedrichstraße“ tasten sich Pendler und Grenzbeamte an den neuen Verhältnissen entlang, und in der Satire „Gorilla Bathes at Noon“ streichelt ein übriggebliebener russischer Major in Uniform der abgerissenen Leninstatue sanft über den monumentalen Kopf.

Mit den Bildern aus dem trostlosen, aber auch geheimnisvollen Nachwendeberlin verlässt man den Kinosaal. Und wandert durch die Hochhäuser am Potsdamer Platz, die inzwischen genauso abgetakelt sind wie der American Dream. Dabei scheppern Green Day im Ohr: „I am one of those / Melodramatic fools / Neurotic to the bone / No doubt about it“.

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