Herbstmeister in der 2. Bundesliga: Pogo statt Ballett

Es gab schon Anlass zu Kritik und vielleicht sogar Gründe für eine Portion Zorn nach diesem fußballerisch schaurig schwachen Jahresabschluss in Braunschweig. Mit 1:2 hat Schalke 04 bei einem Abstiegskandidaten verloren, durch Treffer der früheren, aber irgendwann aussortierten Gelsenkirchener Mehmet Aydin und Sidi Sané. In vielen Momenten der jüngeren Vergangenheit hätte der Verlauf dieses Nachmittags den Stoff für eine krachende Krisenerzählung geliefert.

Nicht aber in diesem herrlichen Fußballwinter, in dem alle Schalker resistent sind gegen Dynamiken dieser Art. „Wir sind enttäuscht über die Niederlage“, sagte Trainer Miron Muslić, um seinen Kummer im anschließenden Nebensatz umgehend zu revidieren. Mehr noch als enttäuscht über den Moment sei er „sehr, sehr stolz auf den Weg, den wir gemeinsam gehen. 37 Punkte sind die Konsequenz dieses Weges.“

Schalke ist auf geradezu wundersame Art und Weise auferstanden in den vergangenen Monaten und erfüllt von einer kraftvollen Energie der Zuversicht, die viele Defizite überdeckt. An vielen Tagen kracht es mächtig, wenn der FC Schalke 04 den Rasen betritt, und spielt wie eine Punkband: extrem laut, mit eher schlichten Mitteln zwar und ohne filigrane Melodien, dafür aber mit einer mitreißenden Intensität. Es wird gerannt und geackert, der Lautstärkeregler am Anschlag, und Muslić bejubelt Grätschen wie Fallrückziehertore. Das Team tanzt Pogo statt Ballett und die Statistiken untermalen diese Neigung zum Extrem.

Der Tabellenführer der Zweiten Liga steht auf dem letzten Platz der Statistik, die den Ballbesitz anzeigt. Ebenfalls Achtzehnter ist Schalke 04 im Ranking der Passquoten, keiner spielt ungenauer als der Tabellenführer. Zugleich steht die Mannschaft bei der Anzahl der absolvierten Sprints auf Platz eins, es geht um Emotionen, die Muslić virtuos zu steuern vermag.

Gespenstische Stimmung

Bevor der in Österreich aufgewachsene Bosnier im Ruhrpott auftauchte, versuchte der Klub zwei Jahre lang, seiner durch den großen Namen evozierten Favoritenrolle mit fußballerischer Dominanz gerecht zu werden. Und kämpfte zweimal gegen den Abstieg. Platz 14 in der Abschlusstabelle der Vorsaison war das schlechteste Ergebnis des FC Schalke 04 in den 121 Jahren seines Bestehens. Mit demonstrativer Abneigung verabschiedeten die Fans das Team im Mai: „Schöne Sommerpause, ihr Versager!“ Die Stimmung war gespenstisch.

Doch dann hat am Ende der Vorsaison neu eingestellte Sportvorstand Frank Baumann Muslić beim englischen Zweitligaabsteiger Plymouth Argyle aufgespürt, er hat die schlecht passende Konstellation in der sportlichen Leitung geordnet, und er hat fast ohne Geld, dafür aber mit Auge und Sachverstand einen unstimmigen Kader sortiert.

Auf dieser Grundlage haben Muslić und Baumann einen klug durchdachten Prozess der Selbstfindung eingeleitet. „Der Trainer lebt unsere Art vor“, sagt der Mittelfeldspieler Ron Schallenberg. „Am Seitenrand jubelt er nach Grätschen und gelungenen Verteidigungssituationen.“ Das fast immer ausverkaufte Stadion brüllt mit und singt die Lieder von der gloriosen Vergangenheit, die nicht mehr nur ein Trostspender, sondern ein Referenzpunkt sind.

Minimalistische Tradition

Schalke war schließlich in vielen Phasen seiner Geschichte genau dann am besten, wenn ein eher schlichter Fußball gespielt wurde. Mit Huub Stevens’ „Die-Null-muss-stehen“-Credo gewann der Klub den Uefa-Cup, unter Domenico Tedesco erreichte das Team mit einer Art Minimalistenstil 2018 zuletzt die Champions League. Jetzt hat Schalke als Herbstmeister weniger Tore geschossen als Fürth und Dresden, die auf den letzten Plätzen der Tabelle stehen. Dafür hat kein Klub aus den ersten drei Ligen weniger Treffer zugelassen.

Im Vordergrund stehen zudem nicht mehr irgendwelche Talente, deren theoretisch vorhandene Fähigkeiten Fantasien wecken, sondern Spieler, die funktionieren. „Statt fünfzehn externer Neuzugänge – wie im Jahr zuvor – waren es sechs. Und alle passen“, sagte der lange Zeit sehr umstrittene Vorstandsvorsitzende Matthias Tillmann jüngst. In der Zusammenarbeit mit Baumann hat auch er seine Rolle gefunden, und sogar wirtschaftlich gelingen Fortschritte.

Sollte am Ende dieser Saison tatsächlich die Rückkehr in die Bundesliga gelingen, wäre die Grundlage für eine nachhaltige Stabilisierung bestens. Der Schuldenberg ist zwar weiter riesig, aber im Frühjahr 2028 läuft der teure Corona-Kredit aus. Zudem wurde gerade ein Umschuldungsprojekt abgeschlossen, das günstiger verlief als angenommen. Dann hat auch noch der Namensgeber des Stadions sein Sponsoring gerade zu verbesserten Konditionen verlängert.

Und selbst die Niederlage in Braunschweig kann helfen, denn nach dieser gruseligen Partie stehen die Chancen gut, dass die königsblauen Überflieger zufrieden, aber doch sehr geerdet Weihnachten feiern.

  • informationsspiegel

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