Im Wochenendhaus: Mein Körper will auf dem Land sein, mein Kopf in der Stadt

G estern bin ich aufs Land gefahren. Das sage ich, dass ich aufs Land fahre, obwohl es sich immer noch falsch anhört. Ich bin „auf dem Land“ aufgewachsen und niemand sagte damals „auf dem Land“. Ich kannte den Ausdruck gar nicht. Jetzt aber sage ich, dass ich aufs Land fahre. Jetzt bin ich nämlich aus der Stadt und nicht mehr vom Land und alles hat sich umgekehrt.

Als ich ein Kind war und noch vom Land war, da wünschte ich mir, dem Land den Rücken zukehren zu können. Ich sagte trotzig, „Ich ziehe jedenfalls mal in die Stadt, in eine kleine Wohnung.“ Dass die Wohnung klein sein sollte, war keine Bescheidenheit, sondern der Tatsache geschuldet, dass ich kaum wusste, was ich mehr verabscheute: Arbeit auf dem Hof oder im Haushalt.

Eine kleine Wohnung in der Stadt konnte nur weniger Arbeit bedeuten, als die in einem Haus, auf einem Hof mit Tieren und Garten. Diesen ganzen Zwängen wollte ich entfliehen, um meine freie Zeit mit dem verbringen zu können, was ich wirklich gerne tat: lesen, zeichnen, Musik hören, rumliegen und träumen.

Katrin Seddig

ist Schriftstellerin und lebt in Hamburg. Gerade ist im Literatur Quickie Verlag ihr Essayband „Gedanken zu Turnhallen“ erschienen.

Im Grunde kann ich zufrieden sein: Ich führe ein solches Leben. Ich wohne in einer kleinen Wohnung in der Stadt und fülle meine Freizeit mit ungefähr diesen Dingen aus. Ich bin auch zufrieden. Ich will nicht zurück. Ich wollte nie zurück.

Die Stadt, mit ihrer ganzen, schrecklichen Vielfalt an Leben, schrecklich, weil zuweilen grausam und abstoßend, aber auch immer wieder wundervoll neu und fremd, und das alles sichtbar, ist der Ort, wo ich hingehöre. Wo ich das Gefühl habe, das zu sehen, was für mich wichtig ist. Weder will ich mich verstecken, noch versteckt sein. Ich will mir keine Illusionen machen. Ich will mich nicht abschirmen. Ich will es alles sehen.

Es gibt Schlimmeres

Jetzt bin ich also auf dem Land, weil mein Freund ein altes Häuschen auf dem Land hat, und ich sehe, was das mit mir macht. Seit Langem schlafe ich schlecht, das sind die Hormone, die mir fehlen. Dreimal, viermal in der Nacht wache ich auf, Augenringe, Konzentrationsschwierigkeiten, ich will nicht klagen, gibt Schlimmeres.

Sobald ich aber hier bin, in diesem alten Häuschen, mit den winzigen, alten Fenstern, sobald ich hier unter mein Federbett krieche, ist alles anders. Ich wache auf und plötzlich ist es Morgen. Ich bin erschüttert, ich habe die ganze Nacht geschlafen, vom Abend bis zum Morgen. Die Spatzen tschilpen, der Hahn kräht und kräht und kräht. Ich kenne ihn, von ganz früher her, diesen dummen, lieben Hahn.

Ich fotografiere die Veilchen am Schuppen und schicke das Bild an meine Freundinnen. Eine Freundin schreibt: „Es ist irgendwie komisch, in diesem Jahr nehme ich die blühenden Bäume und Pflanzen bewusster war und erfreue mich so daran.“ Ich denke, ich auch. Ich frage mich, woran das liegt. Am Alter? An der instabilen Welt? Ist die Welt instabiler als sonst, als früher? Bin ich dem Frühling dankbar, dass er in dieser instabilen Welt noch erscheint, mit all der Hoffnung im Gepäck?

Das ist ja alles einigermaßen abstrakt und absurd, dazu sentimental. Aber warum bin ich jetzt so gerne auf dem Land und warum ist ein Teil von mir so anders als in der Stadt? Will mein Körper auf dem Land sein und mein Kopf in der Stadt? Ich glaube, das ist eine Erklärung, mit der ich sehr zufrieden bin. Mein Körper will hier schlafen gehen, mein Kopf in Hamburg U-Bahn fahren. Alles, das eine wie das andere, nehme ich an. Was sonst?

Danke – Frühling! Danke – Hahn! Danke – Spatzen!

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