taz: Libanon und Israel unterzeichneten im November 2024 ein Waffenstillstandsabkommen. Die Hisbollah feuerte am 2. März 2026 nun wieder eine Rakete ab. Warum trat die Miliz in den Krieg ein?
Joseph Daher: Israel greift seit dem Waffenstillstand anhaltend den Libanon an. Es verletzt täglich die Souveränität des Libanon, tötete und entführte Hunderte von Menschen und verhindert jeglichen Wiederaufbau. Israel nutzte Hisbollahs Aktionen als Vorwand, um den Krieg auszuweiten, weitergehende Ziele zu verfolgen und die Hisbollah erheblich zu schwächen.
Die Hisbollah trat in den Krieg ein, weil sie eindeutig politisch, militärisch und vor allem finanziell mit dem Iran verbunden und abhängig ist. Die existenzielle Bedrohung für den Iran trieb die Hisbollah zum Handeln. Das ist Teil der iranischen Strategie, mehrere Kriegsfronten zu unterhalten, um den Konflikt zu verlängern, zu regionalisieren und die Kosten für die USA und Israel zu erhöhen – militärisch und wirtschaftlich.
taz: Wie stark ist die Hisbollah militärisch?
Joseph Daher: Sie ist weiter am Boden präsent, mit zwischen 30.000 und 40.0000 Kämpfern. Die israelische Armee hat es weiter schwer, im Libanon vorzurücken. Obwohl es für die Hisbollah im Vergleich zu früher deutlich schwieriger geworden ist, sich zu verteidigen.
Die Hisbollah ist militärisch massiv geschwächt. Insbesondere durch israelische Bombardierungen im Jahr 2024 und den Sturz des Assad-Regimes in Syrien – was Iran einschränkt, die Hisbollah mit schweren Waffen zu beliefern. Ihr Arsenal basiert auf lokal produzierten Waffen und bestehenden Lagerbeständen. Ihre Raketen- und Drohnenangriffe haben nur begrenzt Wirkung. Es gab keine Massenvertreibungen der israelischen Bevölkerung, wie in der Vergangenheit.
Obwohl die Hisbollah am Mittwoch zeitgleich mit dem Iran etwa hundert Raketen auf Israel abgefeuert hat, erhöhen ihre militärischen Kapazitäten zwar die Kosten für Israel – können den israelischen Krieg gegen den Libanon aber kaum stoppen.
taz: Wie geht es der Hisbollah politisch?
Joseph Daher: Politisch ist die Hisbollah nun noch isolierter als zuvor. Selbst ihr schiitischer Verbündeter, die „Amal-Bewegung“, lehnte die Beteiligung der Hisbollah an diesem regionalen Krieg ab und erklärte ihre Militäraktionen für illegal. Die Hisbollah sieht sich internen Spannungen gegenüber. Das ist nichts Neues.
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Nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 startete das israelische Militär eine Offensive in Gaza, 2024 folgte der Vorstoß gegen die Hisbollah im Libanon. Der Konflikt um die Region Palästina begann Anfang des 20. Jahrhunderts.
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taz: Warum?
Joseph Daher: Seit 2005 ist sie Teil der Regierung und damit Teil der herrschenden Klasse. Ihre Intervention im syrischen Krieg an der Seite des Assad-Regimes zur Unterdrückung der syrischen Bevölkerung war äußerst unpopulär, ebenso wie ihre Haltung gegen die Massenproteste im Libanon 2019.
Hinzu kommen Ereignisse wie der 8. Mai 2008: Nachdem die libanesische Regierung angekündigt hatte, ihr Kommunikationsnetz zu zerschlagen, ist die Hisbollah militärisch in Teile Westbeiruts einmarschiert. Es gab bewaffnete Auseinandersetzungen. Oder die Hafenexplosion im August 2020, die Ablehnung der Hisbollah von Untersuchungen und die daraus resultierenden konfessionellen Spannungen.
taz: Die Regierung hat Hisbollahs militärische Aktivitäten verboten.
Joseph Daher: Die Regierung treibt die Entwaffnung der Hisbollah voran und zeigt Anzeichen dafür, die Beziehungen zu Israel normalisieren zu wollen. Ausländische Gelder sind weitgehend an die Entwaffnung der Hisbollah durch die Armee geknüpft. Doch die Entwaffnung der Hisbollah in der gegenwärtigen Situation untergräbt die Einheit der Armee, die zu mehr als einem Drittel aus Schiiten besteht. Und schürt weitere konfessionelle Spannungen.
Der Abzug der eigenen Streitkräfte und die Konzentration auf die Entwaffnung der Hisbollah, während das eigene Land angegriffen wird, zeugt kaum von Souveränität. Wie kann man Souveränität und ein Machtmonopol beanspruchen, wenn die Finanzierung der libanesischen Armee im Wesentlichen auf ausländischen Geldern basiert? Das ist ein klarer Widerspruch.
taz: Wie beurteilen Sie die Strategie der Regierung?
Joseph Daher: Sie bleibt sehr schwach. Sie stützt sich auf Auslandshilfe und Zwang – ohne breiten Bevölkerungsschichten, darunter der schiitischen Gemeinschaft, Alternativen zu offerieren. Was bietet sie den Betroffenen, den Verletzten? Was bietet sie den Vertriebenen?
Foto: Raghed Waked/reuters
taz: Die schiitische Bevölkerung hat ihre Häuser verloren und wurde vertrieben. Sie zahlt einen hohen Preis für den Kriegseintritt der Hisbollah. Wie ist die Stimmung unter ihren Anhängern?
Joseph Daher: Israels Militärstrategie trägt die Hauptverantwortung für diese Situation – und zwar schon vor diesem jüngsten Krieg. Die konfessionellen Spannungen nehmen zu und werden von Israel ausgenutzt. Es gehört auch zu Israels Zielen, den Druck auf die libanesische Regierung zu erhöhen, damit sie gegen die Hisbollah vorgeht.
Sicher wächst die Frustration und Wut unter den Vertriebenen und sogar in Teilen der Hisbollah-Basis. Die Menschen, insbesondere die schiitische Basis, sind erschöpft. Die Frage ist: Wie wirkt sich diese Frustration politisch aus? Wem werden diese Wähler bei den kommenden Wahlen folgen, die nun um zwei Jahre verschoben wurden?
taz: Wer könnte eine Alternative sein?
Joseph Daher: Die stärkste Opposition sind derzeit die „Libanesischen Kräfte“ von Samir Geagea, sie sind maronitisch-christlich geprägt. Die streben eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel an und äußern sich schiitenfeindlich. Ich glaube nicht, dass die Schiiten für sie stimmen würden.
Möglicherweise die schiitische „Haraket Amal“, aber selbst das ist ungewiss. Ansonsten fehlt es an einer politischen Alternative mit demokratischen und sozialen Zielen, die die schiitische Bevölkerung und allgemein die breite Bevölkerung für sich gewinnen könnte.
taz: Was bringt die Zukunft für die Hisbollah?
Joseph Daher: Die Zukunft der Hisbollah ist an die Islamische Republik Iran gebunden. Sollte diese bestehen bleiben – was wahrscheinlich ist –, würde sie wohl die Finanzierung der Hisbollah aufrechterhalten. Das sind jährlich Hunderte Millionen Dollar. In diesem Fall mag zwar die Unzufriedenheit anhalten, aber die Menschen würden die Partei wohl nicht verlassen.
Die Hisbollah ist der zweitgrößte Arbeitgeber, nach dem libanesischen Staat. Sie bietet wichtige soziale Dienstleistungen für große Teile der Schiiten. Ein Massenexodus ist unwahrscheinlich.
taz: Die Miliz inszeniert sich auch als Widerstand gegen israelische Angriffe.
Joseph Daher: Obwohl die Bewaffnung der Hisbollah zunehmend weniger als Sicherheitsgarantie für die schiitische Bevölkerung gegenüber Israel wahrgenommen wird, bleibt sie ein wichtiger Faktor innerhalb des nationalen politischen Systems. Auch im Hinblick auf das benachbarte Syrien. Dort regiert eine neue Elite, die den Schiiten eher feindlich gesinnt ist. Der Einsatz der syrischen Armee an der Grenze zum Libanon beispielsweise hat die schiitische Bevölkerung stark verunsichert.







