Jahreswechsel in Neukölln: Ein Moment purer Möglichkeit

D as Jahr ist neu. Hochzeit für Lebensortierer. Ich bin der Vater meines Mülleimers. Ein ziemlich schlechter. Ich werfe Obstschalen, Alufolie und Taschentücher rein. Die Hausverwaltung verzichtet auf Biomüll. Ich habe ohnehin keine Lust auf die Trennung von Dingen, die mich zur Maschine machen: sei es die von Nähe und Distanz, Körper und Emotion – richtig und falsch.

Vorgestern war in Berlin die Nacht der Nächte. Wir feiern privat in kleiner Runde. Essen, abhängen, Musik hören, Scheiße labern.

Kurz vor 12 stehe ich am Fenster. Lasse mich einsaugen von der doppelten Buchführung der Wirklichkeit: Ich sehe die Stadt und ich sehe die Freunde, die sich spiegeln. Irgendwie gehört das zusammen. Blaulichter tauchen das Geschehen in ein bewegtes Mondrian-Gemälde. Ich finde meine Freun­d*in­nen schön. Sie haben so viel zu geben. Ich möchte ihnen das sagen, doch es ist mir unangenehm, vielleicht kontraproduktiv. Worte neutralisieren Erfahrung. Einmal ausgesprochen, muss die nächste Erfahrung stärker sein, um gegen die Worte bestehen zu können.

Die Sonnenallee ist gegen Mitternacht seltsam still. An jeder Ecke Polizei. Regungslos steht sie da wie die Wachen der Königlichen Garde am Buckingham Palace. Nur martialischer, mit Helmen statt Bärenfellmützen, mit Pistolen statt mit Gewehr-Attrappen und womöglich auch schlechter bezahlt. Vor ihnen mobile Zäune, dahinter Scheinwerfer heller als die Sonne. Feuerwerk-Verbotszone. Staatstheater ohne Publikum. Wie ein schief gelaufener Joke in einer Sitcom, bei dem das Lachen der Zuschauer trotzdem eingeblendet wurde.

Ist das die Zukunft?

Sehnsüchtig schauen wir in Richtung der parallel verlaufenden Karl-Marx-Straße. Raketen und Böller fliegen in alle Richtungen. Hunderttausende Fremde vereint im kollektiven Wahn. Ein Orchester ohne Dirigent. Eine spontane Gemeinschaft, ein Experiment, so deep und banal, dass ich mich frage, warum das hierzulande so selten passiert.

Ein neues Gefühl, das Chaos zu bestaunen, ohne Angst, selbst eine Rakete abzubekommen. Ist das die Zukunft? Eine Stadt, so aufgeräumt wie in den Kinderbüchern, die an Weihnachten verschenkt werden?

Am nächsten Tag liegt überall Feuerwerk, das niemand mehr anzündet. So wie mich. Vielleicht sollte ich einfach mal schlafen. Aber der Spaziergang durch die Ruinen ist ein wichtiges Ritual. Ich passiere ein ausgebranntes Auto. Das ist wohl mein Kiez. Hier lässt sich Geböller nicht domestizieren. Tut mir leid für die Besitzer.

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Also, trinkt Champagner. Oder Traubensaft. Seid bescheuert. Betäubt den Schmerz mit übertriebenem Begehren. Küsst eure Fehler.

In Japan werden Menschen, die ihren Müll nicht richtig trennen, künftig öffentlich bloßgestellt.

Ein Glücksbringer für eine Welt, die sich keine Wunder zutraut

Vor dem Autowrack steht ein Mann. Ein Baby hängt an seiner Brust. In der Hand hält es ein Labubu. Wie ein Glücksbringer für eine Welt, die sich keine Wunder zutraut. Auf der Cap des Vaters steht „Pussy“. Meint er sich selbst? Das Baby? Mich?

Welche Zukunft sieht das Baby beim Betrachten des Autos? Spürt es, dass es ständig Projektion für unverbrauchtes Leben sein muss?

Ich schaue nochmal auf die Cap des Mannes. Krass, da steht was ganz anderes, als ich dachte: „Stussy“.

Das Jahr ist neu. Kommt so nie wieder. Ein Moment purer Möglichkeit.

Also, trinkt Champagner. Oder Traubensaft. Seid bescheuert. Betäubt den Schmerz mit übertriebenem Begehren. Küsst eure Fehler.

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