Jordanien im Kreuzfeuer: Irgendwo hinten steigt dunkler Rauch auf

Der lang anhaltende Heulton der Sirene, der das Zeichen zur Entwarnung gibt, hat gerade quer durch Amman gehallt. Es ist kurz vor 14 Uhr. Ausländer*innen, die sich entgegen den öffentlichen Sicherheitswarnungen trotz Luftalarm auf ihren Flachdächern versammelt hatten, seufzen erleichtert, die Gesichter entspannen sich, die Blicke bleiben indes gen Himmel gerichtet.

Bis vor Kurzem waren dumpfe Explosionen zu hören. In der Entfernung qualmt noch dunkler Rauch über den cremefarbenen rechteckigen Wohngebäudev der jordanischen Hauptstadt. Unmöglich zu sagen, ob dies von einem herabfallenden Raketenteil stammt oder sich aus einem „normalen“ Brand entwickelt hat.

Normal ist die Lage sicherlich nicht in Amman an diesem Samstagnachmittag. Nach den Luftangriffen Israels und der USA gegen Iran hat der Gegenschlag nicht lange auf sich warten lassen. Solche Luftkonflikte sind seit zwei Jahren nichts Neues in der Region. Nur hat es die Islamische Republik diesmal offenbar als Erstes auf die arabischen Nachbarländer abgesehen, die US-Luftstützpunkte beherbergen. Unter ihnen: Jordanien.

In Jordanien befindet sich ein von den USA und auch von der Bundeswehr genutzter Luftstützpunkt in der Nähe von Azraq im Norden, die Muwaffaq Salti Air Base. Jordanien gilt seit jeher als Verbündeter des Westens und der USA im Nahen Osten.

Unpraktische geographische Lage

Wie schon bei früheren Konflikten zwischen Israel und Iran hat Jordanien iranische Raketen über seinem Staatsgebiet abgefangen. Trümmerteile sind an zwölf Orten zu Boden geknallt, teilweise noch glühend. Sie haben nur Sachschäden verursacht. Videos zeigen Autos auf der Autobahn zum Flughafen, die knapp einer Kollision mit einem abstürzenden Raketenteil entkommen.

Das Dröhnen der Kampfjets ist auch nach der Entwarnung zu hören. Am hellblauen Himmel haben sich weiße Kondensstreifen gebildet, dort, wo die Raketen entlangflogen und dann getroffen wurden. Am Abend meldet das jordanische Militär, seine Kampfjets und Abwehrsysteme hätten 49 Drohnen und Marschflugkörper abgefangen, die Jordnaien zum Ziel hatten.

Jordaniens geographische Lage zwischen Israel, Westjordanland, Syrien, Irak und Saudi-Arabien bringt es in eine delikate Position. „Jordaniens Geographie wird das Land stets in die MItte des Konflikts führen“, sagt Geopolitik-Experte Amer al-Sabaileh. Die Beziehungen zu Iran sind angespannt, aber Jordaniens Regierung sagt, das Land beteilige sich nicht am Konflikt, erlaube jedoch niemandem, seine Souveränität zu verletzen.

Könnten die USA trotzdem Stützpunkte auf jordanischem Boden für Angriffe auf Iran nutzen? „Sicherlich wurden die Militärbasen in der gesamten Region aktiviert und beherbergen zum ersten Mal seit dem Golfkrieg einen Flugzeugtyp, der zeigt, dass alle Basen in diesen Angriff eingebunden werden“, sagt al-Sabaileh. Bislang wurden US-Militäreinrichtungen in Kuwait, Bahrain, Saudi-Arabien und den Arabischen Emiraten zum Ziel iranischer Raketen.

In Amman geht unterdes das Leben weiter. Die Aus­län­de­r*in­nen auf dem Flachdach zeigen einander Videos von qualmenden Raketenteilen, In der Altstadt gehen Männer und Frauen ihren Einkäufen nach. „Ich habe keine Angst“, sagt ein Taxifahrer. „Ich vertraue auf Gott.“

Anspannung im Westjordanland

Auf der anderen Seite der Grenze, im israelisch besetzten Westjordanland, spüren die Menschen ebenso die Auswirkungen des neuen Konflikts. Die israelischen Behörden haben wie schon beim Krieg vom Juni 2025 die Bewegungsfreiheit der Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen stark eingeschränkt. Es gibt Begrenzungen auf Fahrten zwischen Städten und Dörfern sowie verschärfte Kontrollen an Checkpoints.

Die Nachrichtenagentur Wafa vermeldet, in Jericho seien die Tore in und aus der Stadt versperrt worden. Außerdem haben die israelischen Behörden die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem und die Ibrahimi-Moschee in Hebron geschlossen. Öffentliche Ansammlungen sind verboten, in Hebron soll die Altstadt laut Wafa in eine militarisierte Zone verwandelt worden sein. Das palästinensische Bildungsministerium hat Schulen und Universitäten bis Dienstag auf Online-Unterricht umgestellt.

Bunker und Schutzräume gibt es im Westjordanland keine. Gerade ist Ramadan, nach dem Fasten versammeln sich Familien und Gemeinschaften oft zum Fastenbrechen. Das Gebet ist für Gläubige in diesem Monat besonders wichtig.

Israelis in den Bunkern

In Israel gilt ebenso Versammlungsverbot. Schulen sind bis Montag geschlossen. Krankenhäuser haben in den Notfallbetrieb gewechselt. Seit Samstagmorgen sind die Menschen immer wieder angehalten, sich in der Nähe von Bunkern aufzuhalten und bei Raketenalarm dort Schutz zu suchen.

Am Samstag feiern Juden ihren Ruhetag, den Schabbat. Viele Israelis haben ihn diesmal laut Medienberichten mit Hin-und-Herlaufen von und zu den Schutzräumen verbracht. Orthodoxe Juden dürfen am Schabbat keine Handys oder sonstigen elektronischen Geräte benutzen, daher sind Informationen für sie an diesem Tag schwer erhältlich. Säkulare hängen an Radios und Smartphones, teils dicht eingepfercht in unterirdischen Räumen. Es könnte eine lange Nacht werden.

  • informationsspiegel

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