
Fünf Bronzemedaillen hat Marty Reisman bei Weltmeisterschaften gewonnen. Der amerikanische Tischtennisspieler ist das Vorbild für den Film „Marty Supreme“, der für neun Oscars nominiert ist. Es ist ein Tischtennnisfilm, der auch viel über jüdisches Leben in den 1950er Jahren berichtet. Und er erzählt damit auch viel über Juden, oft Holocaust-Überlebende, die das Tischtennis geprägt haben.
Eine wichtige Rolle nimmt etwa Béla Kletzko ein, im Film ein Freund von Marty Mauser. Das reale Vorbild Kletzkos ist der dreifache jüdische Vizeweltmeister Alojzy Ehrlich aus Polen, der Auschwitz überlebte – davor und danach spielte er in der Weltklasse. Mit Reisman war er befreundet. Der Film-Marty macht über Kletzko/Ehrlich einen besonders geschmacklosen antisemitischen Witz. „Ich darf das, ich bin Jude“, lautet seine Begründung.
Marty Reisman hat eine Autobiografie geschrieben. Der Untertitel verrät, wie er sich selbst gesehen hat: „The Confessions Of America’s Greatest Table Tennis Champion And Hustler“, Bekenntnisse von Amerikas größten Tischtennis-Champ und Gauner. Jenseits von dieser Übertreibung war Reisman wirklich ein Tischtennistalent: Als Neunjähriger kam er zum Sport, als er sich von einem Nervenzusammenbruch erholen musste. Mit 13 war er New Yorker Juniorenmeister. Mit 15 erlebte er diese Anekdote, die freilich nicht hundertprozentig verbürgt ist: Bei einem Turnier in Detroit wollte er 500 Dollar auf sich selbst setzen, was strikt verboten ist. Der Mann, den er für den Buchmacher hielt, war aber der Verbandspräsident. Er ließ Reisman von der Polizei abführen.
Tischtennis wurde im damaligen Amerika oft im halb professionellen und kein bisschen seriösen Milieu gespielt. Es waren Kneipen und Spielhallen wie das legendäre „Lawrence’s“ in Manhattan, wo viel Geld auf Tischtennismatches gewettet wurde.
„Besten Stoppball aller Zeiten“
Reisman war gut. Bälle seiner Vorhand erreichten eine Geschwindigkeit von 185 Kilometer pro Stunde, „Atomic Blast“ wurde das genannt. Im Magazin Forbes war einmal die Rede davon, er habe den „besten Stoppball aller Zeiten“ beherrscht. Im Alter von 18 Jahren gewann er mit dem US-Team Bronze im Mannschaftswettbewerb der WM. Ein Jahr später schlug Reisman bei der WM den 22-fachen Weltmeister Viktor Barna aus Ungarn – auch er übrigens ein Holocaust-Überlebender. Juden waren damals sehr präsent im Weltklasse-Tischtennis.
1952 reiste Reisman als Favorit zur WM nach Indien, doch er verlor gegen Hiroji Satō aus Japan. Die Niederlage ist für die Sportgeschichte von Bedeutung: Satō, der bei dem Turnier erster japanischer Weltmeister wurde und eine später von China fortgesetzte asiatische Dominanz begründete, gehörte zu den ersten Spielern, die einen Schläger mit gummierter Schaumstoffschicht benutzten, einem Schwamm. Der Spiegel nannte den modernen Schläger eine „Wunderwaffe, mit der allein angeblich die fernöstlichen Wichtelmännchen 1952 in Bombay und 1954 in London erschreckende Verheerungen unter der Weltelite anrichteten“.
Auch Reisman, obwohl er sich selbst als Hustler sah, war empört über die Innovation. „Das moderne Spiel wird mit Betrug und Täuschung gespielt“, schimpfte er und lobte sein altes Sportgerät aus Holz mit Gummibelag: „Dieser Schläger spiegelt das Können eines Spielers am besten wider.“ Dem blieb er auch treu. Im Alter von 67 Jahren gewann Reisman noch die US-National Hardbat Championships. 1998 sagte er zur New York Times: Früher hätte jedes Kind den Unterschied zwischen Angriff und Verteidigung verstanden, „heute wird ein Punkt mit einer kaum merklichen Drehung des Handgelenks gewonnen oder verloren“.
Von Beginn an versuchte Reisman, mit Tischtennis reich und berühmt zu werden. Zusammen mit seinem Kumpel Douglas Cartland trat er im Vorprogramm der Harlem Globetrotters auf, der afroamerikanischen Show-Basketballtruppe: Tischtennis mit Bratpfannen oder Schuhsohlen und auf zu kleinen Tischen. Im Film wird diese Partnerrolle Béla Kletzko/Alex Ehrlich zugeordnet. Als sie 1954 in Deutschland spielten, gehörte auch Jesse Owens, der Leichtathletik-Olympiasieger von 1936, zum Rahmenprogramm. Viel Erniedrigung, wenig Gage, aber Show.
Trick mit der Zigarette
Auch später liebte Reisman den großen Auftritt. Forbes schrieb von einem „Reisman-Mythos“. 2008 trat er in der TV-Late-Night-Show von David Letterman auf, um seinen berühmtesten Trick vorzuführen: Eine Zigarette wird aufrecht hingestellt, und Reisman durchtrennt sie mit einem scharf geschlagenen Tischtennisball, zwei halbe Zigaretten fliegen durch die Luft. Mit schrillen Klamotten lief er in New Yorker Clubs rum, und als die Schauspielerin Susan Sarandon in Manhattan das „SPiN“ eröffnete, einen exklusiven Promiclub für Tischtennis, tauchte er mal mit Leopardenhose, mal in limettengrünem Beinkleid auf. Als Reisman 2012 starb, war das vielen Blättern einen Nachruf wert.
Marty Riesman war 1930 in New York geboren worden, Alojzy Ehrlich 1914 in Komańcza in den polnischen Karpaten. Sehr unterschiedliche Herkünfte. Tischtennis lernte Ehrlich in dem jüdischen Sportverein Hasmonea Lwów. In Polen gab es eine starke jüdische Sportbewegung, sowohl bürgerliche als auch Arbeiterclubs. Etwa die Hälfte aller polnischen Tischtennisvereine in den 1930er Jahren war jüdisch. Dort wurde er zum Weltklassespieler, und zwar einer, der Sportgeschichte schrieb: Bei der Weltmeisterschaft 1936 in Prag spielte er gegen den Rumänen Farkas Paneth, auch er einer der vielen jüdischen Weltklassespieler der damaligen Zeit, auch er wurde nach Auschwitz deportiert.
Das Spiel dauerte 132 Minuten, niemand von den beiden wollte in die Offensive gehen. Beide wechselten immer mal wieder den Schläger von der einen in die andere Hand. Ehrlich berichtete: „Dieser Farkas konnte überhaupt nicht angreifen. Der hatte nur einen guten Schnitt. Ich hatte zwei Schläger, einen mit dem heute üblichen Format für den Angriff und einen dreimal so großen nur aus Holz für die Abwehr, weil ich ja nicht angreifen wollte. Nach einer Stunde Löffelei mit links und rechts kam mein Freund und fragte, ob ich nicht mit ihm Schach spielen wollte. Ich tat’s nebenbei und er zog die Figuren.“
Dass Ehrlich gewann, lag laut Farkas an einer Bananenschale, die ein Zuschauer geworfen hätte. „Obendrein traf mein Gegner den Ball mit der Schlägerkante, der Ball kam aus einer anderen Richtung und ich konnte ihn nicht mehr treffen. Der Punkt ging an Alex, der Satz und schließlich auch das Spiel.“
Vom SS-Mann als Weltklassesportler erkannt
Im Jahr 1943 wurde Alojzy nach Auschwitz deportiert, ins Vernichtungslager Birkenau. Er überlebte, so wird es von verschiedenen Quellen berichtet, weil ihn ein SS-Mann als Weltklassesportler erkannt haben soll. Statt in die Gaskammer wurde er in an das KZ angrenzende Wälder geschickt, um Bomben zu entschärfen. Einmal soll er bei einem dieser lebensgefährlichen Ausflüge einen Bienenstock entdeckt haben. Er bestrich seinen Körper dick mit Honig, kehrte in die KZ-Baracke zurück und ließ seine Mitgefangenen seinen Oberkörper ablecken, damit sie auf diese Weise für sie so wichtige Nahrung erhielten. Die Szene hat auch Eingang in den „Marty Supreme“-Film gefunden. Einzige Quelle für sie ist Marty Reismans Autobiografie, und dennoch erscheint sie authentisch.
Nach der Befreiung von Auschwitz 1945 ging Ehrlich nicht nach Polen zurück, sondern nach Frankreich, wo er sich Alex nannte. Weil er im Ausland lebte, erklärte ihn die polnische Regierung zur Persona non grata. Doch Alex Ehrlich arbeitete sich wieder in die Weltklasse zurück. Von 1952 bis 1963 spielte er im französischen Nationalteam, 1957, da war er schon 43 Jahre alt, erreichte er noch das WM-Viertelfinale.
Vor allem aber richtete Ehrlich sein Leben auf das Vermitteln von Tischtennis aus. Er schrieb Lehrbücher, erfand einen Tischtennisroboter, entwickelte einen Schläger und gründete an der Côte d’Azur eine Ferienanlage, in der Tischtenniskurse abgehalten wurden. Und er war gefragter Trainer und Lehrer. Die Nordwest-Zeitung aus Oldenburg schrieb 1964 über einen seiner Auftritte in Deutschland: „Er hat sich dem schnellen Spiel so sehr verschrieben, dass seine Schüler nicht nur von seinen reichen Erfahrungen profitieren, sondern auch von Ehrlichs Begeisterung angesteckt werden.“ 1992 starb Alojzy/Alex Ehrlich in Frankreich.
Marty Reisman und Ehrlich waren sich Zeit ihres Lebens immer wieder begegnet, nicht nur bei Turnieren. Beide waren sehr unterschiedliche Charaktere, doch beide waren Juden, die in je ihrer Gesellschaft, in den USA und in Polen, Zurückweisung und Diskriminierung erlebten – bis hin zum Versuch, das europäische Judentum zu vernichten. Beide waren exzellente Tischtennisspieler, die zwar nie ganz oben ankamen, die zugleich aber versucht hatten, ihren geliebten Sport mit neuen Methoden und Geräten weiterzuentwickeln. Und sie waren Profis zu einer Zeit, als man mit Tischtennis eigentlich kein Geld verdienen konnte. Aber sie haben von Tischtennis gelebt. Im Grunde haben sie durch Tischtennis überlebt.






