
Jean-Michel Aulas wird gerade 77, doch er fühlt sich fit genug, um noch eine neue Karriere zu beginnen. Er gilt in Lyon bei den Kommunalwahlen als Topfavorit. Nach allen Umfragen liegt er mit einem großen Vorsprung vor seinen Gegnern und sollte die Wahl zum Bürgermeister der französischen Großstadt spielend schaffen. Laut den letzten Umfragen könnte er es sogar im ersten Wahldurchgang auf mehr als 50 Prozent schaffen. Dann wäre keine Stichwahl notwendig. Das wäre eine Demütigung nicht nur für seine Gegner, sondern ein wenig auch für die Demokratie.
Denn es ist weder sein Programm noch sein Charisma, das die Wähler beeindruckt. Aulas wird diese Wahl ausschließlich dank seiner Popularität als Ex-Vorsitzender und Eigentümer des lokalen Fußballklubs Olympique Lyonnais (OL) gewinnen. Er kann es sich darum leisten, Einladungen zu Wahldebatten auszuschlagen und andere Wahlkampftermine zu schwänzen. Seine Konkurrenten, allen voran der bisherige Bürgermeister Grégory Doucet von den Grünen (Les Ecologistes), sind wütend und frustriert. Sie sprechen von einer arroganten „Missachtung der Bürger“.
„Er liebt die Stadt Lyon. Und die Leute sind zufrieden mit seiner Bekanntheit“, freut sich Véronique Sarselli von der konservativen Partei Les Républicains (LR), welche die Kandidatur von Aulas unterstützt. Auch die Macronisten der Partei Renaissance (früher „En marche“) setzen auf diese erfolgversprechende Trumpfkarte. Dass sich Aulas trotzdem als unabhängiger Kandidat „sans étiquette“ (ohne Parteizugehörigkeit) präsentiert, grenzt darum an einen echten Etikettenschwindel.
Jean-Michel Aulas sei in erster Linie ein erfolgreicher Unternehmer und kein Politiker, das sagt er ständig. Er hat mit seiner Softwarefirma viel Geld verdient, bevor er ins Fußballgeschäft einstieg. Sein Vermögen wird auf 450 Millionen Euro geschätzt.
Aulas scheut sich nicht, mit Fake News zu argumentieren, um seine Unwissenheit – beispielsweise bezüglich der Tarife des öffentlichen Nahverkehrs – zu überspielen. Zu Beginn seiner Kampagne hatte er noch kostenlosen ÖPNV versprochen und damit gepunktet. Doch im Programm, das dann den Medien vorgestellt wurde, fehlte dieser Punkt.
Dafür wird darin unterstrichen, dass die Sportanlagen für 15 Millionen Euro renoviert würden. Aulas ist im Übrigen immer noch Vizepräsident des französischen Fußballverbandes FFF. Die Aufforderung des FFF, dieses Amt nicht in seinem Wahlkampf zu instrumentalisieren, ignoriert er. Er will den Führungsposten auch nicht aufgeben, wenn er Bürgermeister wird.
Weil Emotionen oft mehr ziehen als sachliche Argumente, ließ er bei seiner Wahlveranstaltung eine junge Kandidatin seiner Liste auftreten, die ihre Tochter und ihren Verlobten bei einem Unfall verloren hatte. Sie fuhren mit einem Roller auf einem Radweg, auf dem auch die Busse verkehren. Für die tödlichen Gefahren dieser doppelten Nutzung macht sie den grünen Bürgermeister Doucet verantwortlich. Die Grünen bezichtigt er, dogmatisch zu sein.
Politisch zugutekommt Aulas der kürzliche Tod eines Rechtsradikalen bei einer Schlägerei mit Antifaschisten. Er verurteilt die Gewalt und alle politischen Extreme von links und rechts, er verspricht, mit 600 zusätzlichen Videoüberwachungskameras für Sicherheit zu sorgen. Damit ist er im Mainstream: Fast überall ist das Sicherheitsbedürfnis der Bürger*innen eines der wichtigsten Wahlkampfthemen.






