Konflikt Pakistan-Afghanistan: „Offener Krieg“ in der Eskalationsspirale

In der Nacht zu Sonntag haben pakistanische Jets zum zweiten Mal innerhalb von drei Tagen die afghanische Hauptstadt Kabul sowie erstmals den Luftstützpunkt Bagram 47 Kilometer nördlich davon bombardiert. Auch an mehreren Abschnitten der 2600 Kilometer langen Grenze wurde wieder gekämpft.

Pakistans Ziele in Kabul waren das Innenministerium nahe dem Flughafen sowie der Stadtteil Schaschdarak. Dort sind Einrichtungen des Militärs, des Geheimdienstes GDI und Ministerien. Es wurden heftige Explosionen gemeldet. In Bagram versuchte Pakistan offenbar, die kleine Luftwaffe der Taliban zu treffen. Nach deren Angaben konnten ihre Abwehr das aber verhindern.

Die Taliban reagierten ihrerseits mit Drohnenangriffen auf Militärstützpunkte in Pakistan, darunter in der Hauptstadt Islamabad, gut 150 Kilometer von der Grenze entfernt. Am Sonntagvormittag griffen sie auch grenznahe pakistanische Stellungen sowie das Hauptquartier eines Armeekorps in Quetta an. Hier behauptete wiederum Pakistan, den Angriff abgewehrt zu haben.

Ausmaß und Wirkungen der Angriffe blieben weitgehend unklar. Beide Seiten geben hohe, zum Teil dreistellige und nicht überprüfbare Opferzahlen der Gegenseite an. Die Taliban untersagten zudem afghanischen Medien, eigenständig aus dem Kampfgebiet zu berichten. Am Freitag töteten Geschosse mehrere aus Pakistan abgeschobener Af­gha­n*in­nen in Rückkehrerlagern. Pakistanische Medien zeigte ihrerseits Bilder zerstörter Moscheen im Land.

Pakistan wirft Kabul Unterstützung der TTP vor

Der Krieg hat alle Merkmale einer Eskalationsspirale. Ausgelöst wurde er durch mehrere Terroranschläge in Pakistan. Anfang Februar tötete ein Selbstmordattentäter mutmaßlich des Terrornetzwerkes Islamischer Staat (IS) Dutzende schiitischer Muslime in einer Moschee in Islamabad. Es folgten Angriffe auf Armee- und Polizeieinrichtungen. Der Dachverband der pakistanischen Taliban (TTP) sowie Splittergruppen verstärkten in diesem Jahr wieder ihre Angriffe gegen die Regierung in Islamabad, die sie als unislamisch betrachten.

Die beschuldigt die afghanischen Taliban, ihren pakistanischen Namensvettern und den IS zu unterstützen. Die streiten das ab. In Afghanistan leben mehrere zehntausend Flüchtlinge, die 2014 vor einer Anti-TTP-Offensive Pakistans geflohen waren. Unter ihnen sind sicherlich Taliban-Kämpfer aus Pakistan und deren Familien. Forderungen aus Islamabad nach deren Auslieferung lehnten die afghanischen Taliban immer wieder ab. Sie werfen Pakistan vor, den IS zu unterstützen, der auch ihr Regime bekämpft. Teilweise agiert der IS von Lagern in Pakistans ebenfalls umkämpfter Provinz Belutschistan aus.

In der Nacht zum vorigen Sonntag griff Pakistan dann angebliche TTP-„Terrorcamps“ in den afghanischen Grenzprovinzen Paktika, Nangrahar und Chost an. Das führte am Dienstag zu Gefechten zwischen Truppen der afghanischen Taliban und Pakistans sowie weiteren pakistanischen Bombardements entlang der Grenze. In der Nacht zum Freitag reagierte das Taliban-Regime mit Angriffen auf pakistanische Stellungen entlang der Grenze. Daraufhin eskalierte Pakistan am Donnerstag seine Angriffe über die Grenzregion hinaus.

Am Freitag griff Pakistans Luftwaffe erstmals Kabul sowie das südafghanische Kandahar an, wo sich die Talibanführung Hebatullah Achundsada aufhält. Er könnte auch selbst angegriffen worden sein. Am selben Tag ließen Afghanistans Taliban ihrerseits Drohnen auf Militärbasen in Islamabad und Pakistans Nordwestprovinz Khyber-Pakhtunkhwa (K-P) los. Ebenfalls am Freitag erklärte Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Mohammad Asif in sozialen Medien, nun herrsche „offener Krieg“.

Der eigentliche Zankapfel zwischen beiden Staaten ist ihre Grenze, die sogenannte Durand-Linie. Keine Regierung in Kabul hat sie jemals anerkannt, denn sie geht auf die britische Kolonisierung Indiens zurück, dem bis ins 19. Jahrhundert hinein zu Afghanistan gehörende, überwiegend von Paschtunen bewohnte Gebiete angegliedert wurden. Sie bilden heute Pakistans Provinz Khyber-Pachtunkhwa. Ab 1947 unterstützte Kabul dort Rebellen, die einen Wiederanschluss an Afghanistan betrieben.

Stellvertreterkrieg mit bewaffneten Islamistengruppen

Später förderte Pakistan seinerseits bewaffnete Islamisten in Afghanistan. Nach der dortigen sowjetischen Invasion 1979 wuchsen diese Gruppen durch massive westliche, arabische und chinesische Hilfe, die über Pakistans damaliges islamistisches Militärregime kanalisiert wurde, zur Bewegung der Mudschahedin. Als diese nach dem sowjetischen Abzug 1992 einen Fraktionskrieg anzettelten, bildeten frühere Mitkämpfer, die sich aus diesem Konflikt herausgehalten hatten, die Taliban-Bewegung. Die erhielt erneut Unterstützung von Pakistans mächtigem Militär- und Geheimdienst und übernahm 1996 erstmals die Macht in Kabul.

Nach der erneuten Machtübernahme der Taliban 2021 ging Pakistan davon aus, in Kabul ein Vasallenregime zu haben, das für die jahrzehntelange Unterstützung dankbar sei und der Regelung der Grenzfrage zustimmen würde. Doch das war eine Fehlkalkulation. Wie sehr sich Pakistans Haltung zu den Taliban gedreht hat, zeigt eine Erklärung seines Außenministeriums vom Oktober 2025: „Wir hoffen, dass das afghanische Volk eines Tages befreit sein wird und von einer wirklich repräsentativen Regierung regiert wird.“

Der Konflikt hat auch regionale Dimensionen. Minister Khawaja beschuldigt Pakistans Erzfeind Indien, über Afghanistan Anschläge des TTP und des IS in Pakistan zu unterstützen. Den Taliban wirft er vor, Afghanistan „in eine Kolonie Indiens“ verwandelt zu haben. Indien streitet das ab, aber seine Geheimdienste dürften – wie die vieler anderer Staaten – nicht nur in der Vergangenheit in Afghanistan operiert haben. Zudem unterstützte Kabul immer wieder bewaffnete Gruppen, die bis heute für eine Unabhängigkeit Belutschistans von Pakistan kämpfen.

Trump: Pakistan hat das Recht zur Selbstverteidigung

Zudem näherte sich Pakistan unter der Trump-Regierung wieder den USA an. Der betonte jetzt auch persönlich Islamabads „Selbstverteidigungsrecht“ gegenüber den Taliban. Auch will Trump noch zahlreiche Waffen zurückhaben, die das US-Militär bei seinem Abzug 2021 aus Afghanistan zurückließ. Auch will er mit Blick auf China und auf Pakistans Atomwaffen die Kontrolle über den Stützpunkt Bagram wieder haben. Pakistan seinerseits dürfte auf US-Waffenhilfe gegen die Taliban hoffen.

Die Taliban hatten kurz vor Ausbruch des Iran-Krieges erklärt, man würde Teheran bei einem US-Angriff unterstützen. Nach Pakistans Angriffen dürfte sie logistisch dazu aber nicht in der Lage sein. Doch stellen die großen schiitischen Bevölkerungsgruppen in Afghanistan und Pakistan einen schwer berechenbaren Faktor dar. Pakistanische Schiiten sollen am Sonntag maßgeblich beim versuchten Sturm Protestierender auf das US-Konsulat im pakistanischen Karatschi gewesen sein. Dabei wurden mindestens 9 Personen getötet.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Angriff auf Iran: „Gewaltiger Zorn“ mit steigender Intensität
    • March 1, 2026

    Die USA und Israel greifen Iran an, der schlägt in der Region zurück. Der Tod Ali Chameneis heizt den Krieg weiter an. Hunderte sollen bereits tot sein. mehr…

    Weiterlesen
    Iran: Der Diktator ist tot, es lebe die Diktatur!
    • March 1, 2026

    Nachts feiern die Menschen, dass ihr Unterdrücker Ali Chamenei endlich tot ist. Tagsüber trauern seine Anhänger. Ist das Regime nun besiegt? mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Angriff auf Iran: „Gewaltiger Zorn“ mit steigender Intensität

    • 1 views
    Angriff auf Iran: „Gewaltiger Zorn“ mit steigender Intensität

    Iran: Der Diktator ist tot, es lebe die Diktatur!

    • 1 views
    Iran: Der Diktator ist tot, es lebe die Diktatur!

    Forscher über AfD in Baden-Württemberg: „Starke Kontinuität extrem rechten und nationalen Denkens“

    • 0 views
    Forscher über AfD in Baden-Württemberg: „Starke Kontinuität extrem rechten und nationalen Denkens“

    Premiere „Böses Glück“ in der Volksbühne: Die Kindfrau sitzt schweigend da

    • 1 views
    Premiere „Böses Glück“ in der Volksbühne: Die Kindfrau sitzt schweigend da

    Die Nöte der Menschen sehen: Missmut zeigen

    • 1 views
    Die Nöte der Menschen sehen: Missmut zeigen

    Prozess gegen die Letzte Generation: „Die Vorgehensweise ist feige“

    • 1 views
    Prozess gegen die Letzte Generation: „Die Vorgehensweise ist feige“