Kreativität: Chillende Katzen und Gesichter im Fußboden

V or zehn Jahren entschied ich mich dagegen, einen künstlerischen Beruf zu lernen, und gab mir gleichzeitig ein Versprechen: Im Alltag trotzdem kreativ sein. Töpfern, malen, Möbel reparieren, neu lackieren – ich liebe es, etwas mit meinen Händen zu kreieren. Und trotzdem klappt mein damaliger Vorsatz nur bedingt. Manchmal male ich einen ganzen Tag lang, dann wieder Monate nicht.

Neulich stöberte ich in einem Museumsshop und begegnete einem Buch mit kleinen Kunstübungen für jeden Tag: Mit Steinen, Blättern, Tannenzapfen ein Bild legen. Mit einem Mopp auf den Asphalt ein Gesicht wischen und dabei zusehen, wie es wieder verblasst. Kieselsteine bunt anmalen. Beim Blättern durch das Buch war ich sofort begeistert und hätte am liebsten gleich einen Stein bemalt und ihn als Gruß auf eine Parkbank gelegt.

Ein paar Sonntagabende später, das Gemüse backt im Ofen, raffen meine Mitbewohnerin und ich uns endlich auf, die erste Übung zu machen, statt weiter auf dem Sofa zu fläzen. Meine Lust auf mehr Kunst hatte ich zwischen vielen Weihnachtspartys und noch mehr Erkältungssymptomen wieder vergessen. Faule Katzen heißt die Übung, die wir aussuchen. Mit geschlossenen Augen sollen wir Katzen in entspannten Posen auf ein Papier tuschen.

Ich kreise den Pinsel in einem knalligen Orange und überlege, wie eine Katze wohl chillt. Zusammengerollt wie eine Zimtschnecke vielleicht, ihren Kopf legt sie auf dem Bauch ab. Ich tusche einen Kringel mit spitzen Dreiecksohren und Barthaaren. Danach eine langgezogene, sich streckende Katze. Eine Katze, die ihre Pfote schleckt. Als wir die Augen öffnen, müssen wir sehr lachen. Die Katzen sehen völlig unförmig aus und gleichzeitig total wie Katzen, dank der Ohren. Währenddessen brennt das Ofengemüse leicht an.

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Übung 2: Überall nach Gesichtern suchen. Zwei Spiegeleier in der Pfanne, zwei einzelne Fenster auf einer Fassade. Gesichtspareidolie heißt die Neigung unseres Hirns, die uns zum Beispiel im Mond ein Gesicht erkennen lässt. Das ist eine leichte Übung. In vielen Kleiderhaken sehe ich Tintenfische, die Schrauben sind die Augen, die Hänger die Tentakel. In den Astlöchern des Bodens sehe ich Gesichter, im Milchschaum auch.

Zehn Minuten Katzen malen, nach Gesichtern Ausschau halten, ich bin beglückt von diesen neuen kreativen Akzenten. Kreativität bewirkt aber noch viel mehr, wie eine im Oktober 2025 erschienene neurowissenschaftliche Studie zeigt. Forschende untersuchten die Auswirkungen von Kreativität auf den Brain Age Gap, also den Unterschied zwischen tatsächlichem und biologischem Alter. Hierfür wurde gemessen, wie gut die Hirnareale der Teilnehmenden miteinander verknüpft sind.

Bei den kreativeren Probanden, die zum Beispiel Kunst machten, ein Instrument spielten oder tanzten, waren die Gehirne bis zu sieben Jahre jünger als bei den Unkreativen. Die Menschen mit kreativen Hobbys hatten auch eine bessere Koordinationsfähigkeit und konnten visuelle Reize besser verarbeiten.

Ich nehme das als Motivation, um bei meinen Kreativeinheiten zu bleiben. In der Mittagspause lade ich meine Kollegin zur nächsten Aufgabe ein. Wir sollen uns aus einer ungewohnten Perspektive selbst zeichnen. Ich male mich von oben, wie ich am Schreibtisch sitze. Aber die Beine sehen eher aus wie zwei Würste. Bis ich merke, dass mein Schuh nicht aus dem Oberschenkel kommt. Ich zeichne den Unterschenkel dazu. Plötzlich entsteht ein Raum mit Tiefe. Ein kleiner Triumph.

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