
25 Jahre Haft für den früheren Präsidenten und Regierungschef des Kosovo Hashim Thaçi sowie jeweils 25, 18 und 13 Jahre Freiheitsentzug für die früheren Kommandeure der Kosovarischen Befreiungsarmee UÇK Jakup Krasniqi, Kadri Veseli und Rexhep Selimi.
So lautet das Urteil des Kosovo-Sondergerichts in Den Haag vom Mittwoch, das mit Spannung und Nervosität erwartet worden war. Die Anklage lautete auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord, Folter sowie die Verfolgung von ZivilistInnen im Zeitraum zwischen März 1998 und September 1999. Die Staatsanwaltschaft hatte 45 Jahre Haft für jeden Angeklagten gefordert.
Zu Beginn der Urteilsverkündung hatte der Vorsitzende US-amerikanische Richter Charles Smith III gesagt, es gehe in diesem Verfahren nicht um die Legitimität der UÇK, sondern um konkrete Vorwürfe von Straftaten „gegen Serben, Roma und insbesondere gegen Kosovo-Albaner*innen“, für die die Angeklagten verantwortlich gemacht würden. Daher sei ausschließlich die Frage behandelt worden, ob die in der Anklageschrift aufgeführten Verbrechen tatsächlich begangen worden seien.
Alle Angeklagten wurden wegen Kriegsverbrechen wie willkürliche Inhaftierung, Folter, grausame Behandlung und Mord schuldig gesprochen. Demgegenüber befanden die Richter, dass keine Grundlage für den Nachweis von Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorliege. Der Anklage sei es nicht gelungen, zweifelsfrei zu belegen, dass ein weit verbreiteter oder systematischer Angriff gegen die Zivilbevölkerung stattgefunden habe.
Eingeschüchterte Zeugen
Erneut wies Richter Charles Smith III darauf hin, dass der Prozess in einem „Klima der Zeugeneinschüchterung“ stattgefunden habe. Einige Zeugen hätten vor Gericht gelogen oder ihre früheren Aussagen geändert. Manche hätten möglicherweise aus Sorge um ihre Sicherheit oder aus Loyalität Angst gehabt. Nicht zuletzt diese Vorwürfe führten dazu, dass Thaçi in einem weiteren Verfahren wegen Behinderung der Justiz angeklagt ist.
Die UÇK war erstmals 1997 in Erscheinung getreten, nachdem der friedliche Widerstand der Kosovalbaner*innen gegen die brutale Repressionspolitik Serbiens unter Slobodan Milošević gescheitert war. Relativ schnell stieg Thaçi zu einer führenden Persönlichkeit innerhalb der UÇK auf. Die schlagkräftige Armee, die sich aus kleinen Guerillatruppen entwickelt hatte, kämpfte gegen serbische und jugoslawische Truppen.
Hunderttausende Albaner*innen wurden während des Konflikts aus ihrer Heimat vertrieben, etwa 13.000 Menschen kamen ums Leben oder gelten als vermisst. Die Nichtunterzeichnung eines unter internationaler Vermittlung ausgehandelten Friedensvertrages in Rambouillet durch Jugoslawien diente der Nato im März 1999 als Begründung für 78-tägige Luftangriffe auf Serbien, die zum Rückzug serbischer Truppen aus dem Kosovo führten. Im Februar 2008 verkündete Thaçi die Unabhängigkeit des Kosovo.
Unter erheblichem Druck stimmte Kosovo schließlich der Gründung eines internationalen Sondergerichtes zu, das 2015 auf den Weg gebracht wurde. Thaçi sowie die drei anderen Angeklagten sitzen bereits seit 2020 in Den Haag ein. Der Prozess, der am 3. April 2023 begonnen hatte, dauerte fast drei Jahre. Die Kosten für das gesamte Verfahren belaufen sich auf 500 Millionen Euro.
Handfeste Auseinandersetzungen
Tausende Albaner*innen aus verschiedenen Ländern Europas waren am Mittwoch eigens nach Den Haag gereist, um die Ausführungen des Gerichts live über Lautsprecher in einem Park mitzuverfolgen. Polizeikräfte hatte das Areal weiträumig abgesperrt. Nach Bekanntwerden der Urteile kam es kurzzeitig zu Auseinandersetzungen mit der niederländischen Polizei, die Tränengas und Schlagstöcke einsetzte, um einige UÇK-Anhänger unter Kontrolle zu bringen. Diese wurden daran gehindert, weiter in Richtung des Gerichtsgebäudes zu marschieren. Dabei kamen auch Wasserwerfer und Diensthunde zum Einsatz.
In der Kosovo-Hauptstadt Prishtina sowie in der Stadt Ferizaj/Uroševac waren Uhren aufgestellt worden, die die Tage bis zur Urteilsverkündung zählten. Kosovo-Kriegsveteranen, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und weitere Unterstützer der Angeklagten hielten in der Nacht zu Mittwoch im Zentrum von Prishtina und in Skenderaj, der Heimatstadt von Thaçi, eine Mahnwache ab.
Reaktionen auf die Urteile aus Kosovo ließen nicht lange auf sich warten. Der frühere kosovarische Ministerpräsident Ramush Haradinaj kritisierte das Urteil als „inakzeptabel und ungerecht“, erklärte jedoch, der Rechtsstreit sei noch nicht verloren. „Die UÇK hat einen Befreiungskrieg geführt. Der Kampf um Gerechtigkeit muss fortgesetzt werden. Dieser Kampf muss gewonnen werden“, schrieb Haradinaj auf Facebook.
Albulena Haxhiuk, seit dem 4. April 2026 kommissarische Staatspräsidentin des Kosovo, bezeichnete die Urteile als „schockierend“ und fügte hinzu, das Recht auf Berufung sollte wahrgenommen werden. „Heute brauchen wir Ruhe, Würde und Einheit. Der Schmerz dieses Tages darf uns nicht spalten“, sagte sie. Ob ihre Landsleute diesem Appell folgen, wird sich zeigen.







