Kriegsziele im Iran: Undurchsichtige Strategien

Was will Trump in Iran? Ständig schicken der US-Präsident und seine Regierung neue Kapriolen in die Welt: Mal geht es um Regime-Change, mal um Raketen, dann ums Atomprogramm. Aber so unklar, wie diese Aussagen sind, ist die Strategie von USA und Israel in Iran wohl nicht. Aus der Auswahl der Ziele, Aussagen von Analysten und den Reaktionen Irans lassen sich Rückschlüsse zur Kriegsstrategie von USA und Israel ziehen.

Das US-amerikanische Institute for the Study of War zeichnet seit Beginn des Krieges Ende Februar täglich nach, was das US- und das israelische Militär in der Islamischen Republik getroffen haben. Sie beziehen sich dabei unter anderem auf Quellen in Iran. Hauptfokus ist die militärische Infrastruktur des Landes. Die ersten Angriffe galten unter anderem Einrichtungen für den Abschuss von Raketen, um den israelischen und US-amerikanischen Flugzeugen das Manövrieren im iranischen Luftraum zu ermöglichen. Außerdem wurden wichtige Regimeköpfe getroffen, unter anderem der Oberste Führer Ali Khamenei, der gleich zu Beginn des Krieges umkam.

Nach Angaben des israelischen Institute for National Security Studies wurden bislang etwa 700 Einrichtungen für ballistische Raketen, 500 Kommandozentralen, 300 Raketenabschussrampen, 150 Luftabwehreinrichtungen und 120 Radare getroffen. Auch auf die Verteidigungsindustrie wird gezielt: So wurden etwa Produktionsstätten für Raketen beschossen. Zusätzlich ist immer wieder die Regimespitze im Visier.

Gezielt führende Köpfe angegriffen

Die Liste der getöteten Regimekader ist recht lang. Neben Khamenei sein Vertrauter Ali Larijani dabei. Den hatte Khamenei noch zu seinem Statthalter ernannt, etwa zwei Wochen später ist er tot. Hinzu kamen jüngst der Geheimdienstminister und „Spionagemeister“ Esmail Khatib und zuvor Verteidigungsminister Aziz Nasirzadeh sowie der Sicherheitsberater und Sekretär des Verteidigungsrats Ali Shamkhani.

Auch in der Führungsriege der Revolutionsgarden und des Militärs ist es dünner geworden: Getötet wurden unter anderem Mohammad Bagehri, Chief of General Staff; Abdolrahim Musavi, Chief of Staat des regulären Militärs; Mohammad Pakpour, Kommandeur der Revolutionsgarden; Gholamreza Soleimani, Leiter der gefürchteten Basij-Miliz. In Summe zeigt sich deutlich: Die USA und Israel gehen gegen die wahre Führungsriege – also den Obersten Führer und seine Vertrauten – sowie die Revolutionsgarden und das Militär vor.

Die Zahl der Toten, die die Nichtregierungsorganisation Hengaw dokumentiert, deuten ebenso in diese Richtung. Bis zum 17. März wurden insgesamt 5.300 Menschen getötet, darunter 4.789 aus dem Bereich der Streitkräfte. Die höchsten Verluste gibt es laut Hengaw unter der Luftwaffe, den Revolutionsgarden und der Armee.

Etwa zehn Prozent der Toten sind Zivilisten

Was Hengaw auch dokumentiert: Unter den bislang Getöteten in Iran sind mindestens 511 Zivilistinnen und Zivilisten, darunter 160 Frauen und 120 Kinder. Für einen Aufschrei sorgte gleich zu Beginn des Krieges ein Angriff, der eine Schule in Minab traf. Sie befand sich wohl auf dem Gelände einer Basis der Revolutionsgarden. Staatsmedien sprachen zunächst von 167 getöteten Kindern. Laut Hengaw wurden bislang weniger als die Hälfte der Opfer identifiziert: 48 Kinder und 10 Erwachsene.

Zahlen der Organisation Hrana zeichnen ein drastischeres Bild: So seien bislang 4.765 Menschen umgekommen, darunter über 1.500 Zivilistinnen und Zivilisten. Über drei Millionen Menschen seien innerhalb Irans vertrieben worden. Fast 100 Wohngebäude und 20 Krankenhäuser seien im Lauf des Krieges bislang beschädigt worden. Hinzu kommen dokumentierte Schäden an kulturellen Einrichtungen, etwa dem Golestan-Palast in Teheran.

Angehörige des Regimes, so berichten es Exilmedien und Hengaw, versteckten sich vermehrt in zivilen Gegenden. So wurde Informationsminister Khatib in einer Wohnung im Teheraner Stadtteil Zafranieh getötet – und mit ihm wohl dutzende Zivilistinnen und Zivlisten. Auch Larijani wurde wohl in einer Privatwohnung in einem Vorort der Hauptstadt angegriffen.

Was ist das Ziel in diesem Krieg?

Aus den bisherigen Angriffen lässt sich schließen, dass die USA und Israel die militärischen Fähigkeiten des Regimes massiv beschneiden wollen – vor allem was Angriffe auf die Nachbarstaaten und Israel angeht. Das ist kongruent mit der anhaltenden Kritik an dem unter dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama geschlossenen Atomdeal (Joint Comprehensive Plan of Action): Dieser sah zwar eine Beschränkung des Atomprogramms vor, nicht aber des Raketenprogramms. Den benachbarten Golfstaaten, allen voran Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, wie auch Israel war das immer ein Dorn im Auge.

Während nach dem Zwölf-Tage-Krieg 2025 vollmundig verkündet wurde, das Atomprogramm sei erledigt, stellte sich später heraus: Etwa 400 Kilogramm bereits auf über 60 Prozent angereichertes Uran fehlen. Der Verbleib, das bestätigt die Internationale Atomenergiebehörde IAEA, ist ungeklärt. Auch die Atomanlage in Isfahan, die 2025 beschossen wurde, soll laut einem vertraulichen Bericht der IAEA weiter in Betrieb sein. Die IAEA geht davon aus, dass dort das bereits angereicherte Uran liegt. Sowohl die Anlage Natanz als auch Isfahan sollen im Krieg 2026 bereits beschossen worden sein.

USA und Israel sind sich einig: Das Raketen- und Nuklearprogramm muss ausgeschaltet werden. Wie aber steht es um einen Regime-Change? Daniel Shapiro vom Atlantic Council sagt: Israel habe „nahezu sicher“ einen Wechsel des Regimes in Iran als Ziel für diesen Krieg gesetzt. Immer wieder hatte Premier Netanjahu dazu bereits aufgerufen. Die Angriffe auf Polizeistationen sowie die Basij-Miliz könnten in diesem Zusammenhang stehen.

Aber auch der jüngste Angriff auf das iranische Gasfeld South Pars. Das Gas aus South Pars wird vor allem von Iran selbst genutzt. Etwa 80 Prozent des gesamten Verbrauchs des Landes speist das Gasfeld. Für den Export ist es hingegen kaum relevant, nur der Irak nimmt ein wenig davon ab. Wenn South Pars ausfällt, würde das Regime hart getroffen. Auch die Zivilbevölkerung. Das alles kombiniert mit massiven Folgen für die Weltwirtschaft. Die iranische Blockade der Straße von Hormus sorgt für den wohl heftigsten Schock an den Energiemärkten jemals.

  • informationsspiegel

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