Künstliche Intelligenz und Abhängigkeit: 
Die Gesellschaft des Verschwindens

C ambridge, Massachusetts, 1966. In einem engen Kellerraum surren die Großrechner, Neonröhren flackern. Joseph Weizenbaum sitzt spätabends im Labor des MIT, umgeben von Kabeln, Lochkarten, der staubtrockenen Hitze von Computerlüftern. Auf seinem Bildschirm flackert in grünen Buchstaben „ELIZA“, ein kleines Textprogramm, das Weizenbaum geschrieben hat, um die Sprache eines Psychotherapeuten nachzuahmen.

„Ich fühle mich traurig“, tippt seine Sekretärin ein, die das Programm testen soll. „Warum glauben Sie, dass Sie traurig sind?“, antwortet der Computer.

Weizenbaum lächelt – erst stolz, dann wird er bleich. Die Frau beginnt plötzlich, der Maschine Persönliches anzuvertrauen, als hätte der Computer wirklich zugehört. Für Weizenbaum gerät sein kleines Experiment außer Kontrolle. Später erzählt er, dies sei der Moment gewesen, in dem er begriff: Nicht die Maschine ist intelligent, sondern der Mensch, der ihr Intelligenz zuschreibt. ELIZA war der erste Chatbot.

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wochentaz

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In Interviews und seinem Buch „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ (1976) schilderte der in Berlin geborene und in die USA emigrierte Computerwissenschaftler immer wieder diese Episode als Schlüsselmoment – ein Augenblick, in dem aus einem technischen Versuch eine Verheißung wurde: ELIZA war der Prototyp einer Täuschung, die wir seither perfektioniert haben.

60 Jahre nach ELIZA

Rund 60 Jahre später läuft diese scheinbar putzige Versuchsanordnung hochtourig weiter – in globaler Dimension und mit ungewissem Ausgang. KI ist längst Teil unseres Alltags, Algorithmen steuern, was wir im Internet zu sehen bekommen, und was nicht. Wie verändert das unsere gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse, die Meinungsbildung, die demokratische Öffentlichkeit?

Hunderte Millionen Menschen führen täglich Gespräche mit Systemen, die eigentlich nichts wissen, uns aber alles sagen. Was einst als kurioser Zwischenfall im MIT-Maschinenraum begann, ist heute gängige Kulturtechnik. ChatGPT, Gemini, Claude – digitale Helfer, die auf Zuruf Texte, Bilder, Identitäten erzeugen. Sie antworten höflich, schnell, scheinbar verständnisvoll. Doch berechnen sie lediglich Wahrscheinlichkeiten.

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KI hebt die politische Meinungsmache auf ein Level, das selbst die Social-Media-Ära harmlos erscheinen lässt

Es ist im Grunde so: Der Mensch will glauben, dass da ein Gegenüber ist – und gerät in eine digitale Abhängigkeitsfalle. Die KI-Industrie hat genau dieses menschliche Bedürfnis zum Geschäftsmodell perfektioniert. In Weizenbaums Zeit war der Bildschirm noch eine Glasscheibe.

Inzwischen ist er auch Panoptikum von Gesellschaft, Zivilisation und Demokratie. Denn KI hebt die politische Meinungsmache auf ein Level, das selbst die Social-Media-Ära harmlos erscheinen lässt. Politiker und Tech-Milliardäre besitzen eigene KI-Verteilmaschinen – Donald Trump sein Truth Social, Elon Musk X und Grok – und steuern damit Emotionen, treiben aber mit dem Framing Effizienz; Bürokratieabbau und Kostensenkung auch die Rationalisierung der US-Demokratie auf die Spitze. Bis von ihr nur noch wenig übrigbleiben könnte.

Musks Agieren in seiner Zeit an der Spitze von Doge, mit der Entlassung Tausender Beschäftigter des öffentlichen Dienstes und dem massenhaften Abgreifen sensibler Daten, lieferte Eindrücke, wie eine KI-Technokratie entstehen kann.

Digitalfeudalistische Weltordnung

Schon 1992 erkannte der Hamburger Soziologe Stefan Breuer diesen Mechanismus. In „Die Gesellschaft des Verschwindens: von der Selbstzerstörung der technischen Zivilisation“ beschrieb er, wie die technische Zivilisation in ihrem Wahn, alles zu rationalisieren, die Grundlagen ihrer eigenen Existenz ramponiert.

Breuer, Schüler der Ideengeschichte und Kenner der Herrschaftssoziologie von Max Weber, war kein Kulturpessimist, sondern Chronist der schleichenden Selbstauflösung. Er schrieb das, als das Internet noch Zukunft war – und prophezeite, warum die Rationalisierung zur beherrschenden Ideologie werden könnte. Seine Zeitdiagnose liest sich wie ein frisch gedruckter Beipackzettel: Wir kreieren technologische Alleskönner, die uns empowern – merken aber nicht, dass sie uns schleichend ersetzen.

Was Breuer ahnte, vollzieht sich mit der KI-Entwicklung: Maschinen übernehmen schrittweise digitale Kommunikation, sogar eigenständige Entscheidungen. Sie werden zu „KI-Agenten“ einer digital-feudalistischen Weltordnung, in der nicht Wahrheit, sondern Rechenpower zählt.

Der Soziologe Ulrich Beck schwor uns vor 40 Jahren auf die „Risikogesellschaft“ ein. Er glaubte an kollektive Reflexivität: die Fähigkeit, aus unseren eigenen Gefahren zu lernen. KI stellt genau dies infrage: Sie verspricht Kontrolle – und entzieht sie uns zugleich. Beck vertraute noch auf den denkenden Menschen. Doch plötzlich wird klar, dass wir unser Schicksal an die Algorithmen delegieren. Denn die KI-Welle hat die Gesellschaft nicht absorbiert, sondern versetzt sie in einen verblüffenden Lähmungszustand. Wo Beck dachte, Risiken ließen sich immerhin durch soziale Selbstbeobachtung zähmen, entzieht uns die KI das selbstständige Denken, Prompt für Prompt.

Der Soziologe Andreas Reckwitz liefert mit seiner „Gesellschaft der Singularitäten“ den Überbau dafür: das unaufhörliche Streben nach Einzigartigkeit, Selbstinszenierung, Distinktion. Alles will besonders sein – und wird gleichförmig. In Social Media zählt nur, was sichtbar ist, nicht was stimmt. KI reproduziert diese Logik: Sie produziert Singularitäten am Fließband – Texte, Bilder, Identitäten, maßgeschneidert auf unsere persönlichen Vorlieben, aber entleert von Bedeutung.

Was folgt auf die Euphorie der vernetzten Gesellschaft?

Geschichten aufzuschreiben, reicht nicht mehr; auch Journalisten haben offenkundig das Bedürfnis, sich selbst erzählen zu müssen – als Marke, als „Influencer“, als Avatar. KI beschleunigt diese Translokation: Journalismus verwandelt sich in Performances: in inhaltsleere Selbsterzählungen, in denen Köpfe und Frisuren mehr Reichweite erzielen als die Fakten. Das System produziert seine eigenen Singularitäten – endlose Medienmarken, hochgradig sichtbar, zugleich austauschbar. Damit nähern wir uns einem Punkt, an dem Journalismus aufhört, publizistisch relevant zu sein, weil er bestenfalls Aufmerksamkeit managt.



Bild: UdK

Stephan Weichert

ist Medienwissenschaftler. Seit 2020 leitet er das unabhängige VOCER-Institut für Digitale Resilienz, ein gemeinnütziger Think & Do Tank, der sich für den souveränen Umgang mit KI-Technologie einsetzt. Er arbeitet seit rund 25 Jahren als Lehrbeauftragter und Professor (u. a. Universität der Künste, FH Graz, City University of New York, Hamburg Media School). Am 15. März 2026 erscheint das von ihm und Leif Kramp verfasste Whitepaper „KI-Resilienz im Journalismus. Frameworks und Handlungsempfehlungen für mehr Vertrauen, Verantwortung und digitale Souveränität“.

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30 Jahre nach der Euphorie der vernetzten Gesellschaft erleben wir das Ende des Internets, wie wir es kannten. Die Plattformen zerfallen, Suchmaschinen verlieren ihre Autorität. Das Netz, einst ein Versprechen auf Vielfalt, verwandelt sich in ein synthetisches Geflecht geschlossener KI-Nischen. Ursache dafür ist nicht die KI, aber Katalysator – sie beschleunigt den Rückzug ins Private und ersetzt demokratische Aushandlungsprozesse durch mathematische Berechnung.

Hinter diesem Umbruch formieren sich zudem neue Machtzentren ungekannten Ausmaßes. Die Tech-Konzerne kontrollieren nicht nur die komplette wirtschaftliche KI-Infrastruktur, sondern längst auch die Regeln politischer Machtsysteme – wer wahrgenommen wird, wer verschwindet, wer überhaupt noch vorkommt. Unabhängige Medien verlieren in dieser Architektur sowohl ihre Bühnen als auch ihr Publikum, weil sie sich nicht mit der Taktung der KI-Dynamiken vertragen.

Die Erbauer dieser KI-Infrastruktur beginnen zu begreifen, dass sie mehr als tollkühne Businessmodelle austesten – sondern die Benutzeroberfläche des 21. Jahrhunderts schlechthin erschaffen, mit eingebautem Demokratierelais als Schalter, der in Richtung Demokratie oder Diktatur umgelegt werden kann – je nachdem, wer am Hebel sitzt.

Europas Abhängigkeit

Jüngst verkündete OpenAI-Chef Sam Altman, dass über 500 Milliarden US-Dollar in OpenAIs Rechenzentren allein in den USA fließen sollen – ein Rekordinvestment, das dem Sondervermögen des deutschen Bundeshaushalts entspricht. Altman fabuliert davon, dass Rechenleistung – im Fachjargon „Compute“ – so grundlegend wird wie Elektrizität oder das Internet selbst. Der Mangel an „Compute“ gilt dabei als Achillesferse.

Und Europa? Importiert nicht nur Energie, sondern auch fremde KI. Wer die Rechenzentren baut, betreibt die Sprachmodelle. Wer die Sprachmodelle betreibt, kontrolliert die Öffentlichkeit. Wir, die sich einst als Hüter der Aufklärung sahen, sind zu reinen KI-Konsumenten geworden – abhängig von den USA oder China, die solche Systeme bauen, trainieren und politisch instrumentalisieren.

Mit KI verschiebt sich die Logik des Digitalen grundlegend: Aufmerksamkeit reicht nicht mehr, wir steuern geradewegs auf eine Vertrauensökonomie zu – und setzen damit die vielleicht letzte menschliche Domäne aufs Spiel, die bislang keine Maschine ersetzen konnte. Vertrauen wird zur Ware, Währung, Simulation. Damit ist die „Gesellschaft des Verschwindens“ längst keine Dystopie mehr, sondern wird zur Gegenwartsdiagnose.

Wir erleben das Ende einer Kommunikationsordnung, die auf Wertschätzung, Widerspruch und Selbstwirksamkeit baut. Das Neue, das entsteht, ist ein Aggregatzustand, der Effizienz verspricht, aber flüchtig und seelenlos wirkt. Technologisch gesteuerte Kommunikation ist äußere Hülle und innere neuronale Struktur zugleich.

Sicher ist auch: Das Netz verschwindet nicht einfach – es zerbröselt. An die Stelle der zentralen Plattformen treten noch stärker parallelisierte Informationsräume, diesmal strukturiert von KI-Systemen. Ob in dieser Fragmentierung auch Chancen stecken, ist von uns allen abhängig: davon, ob und wie wir diese Räume selbstbewusst ausgestalten – oder sie den profitgierigen Metriken von Big Tech überlassen. Öffentlichkeit muss, so scheint es, unter den Vorzeichen der KI anscheinend völlig neu ausgehandelt werden.

Wovor Weizenbaum, Pionier der KI-Ethik, warnte

Im sehenswerten Arte-Film „Der digitale Tsunami“ (2025) zeigt sich diese Schieflage besonders deutlich: die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der uns die KI überrollt – und die Ratlosigkeit vieler Forscher, mit dem KI-Fortschritt noch mitzuhalten. In Montreal etwa arbeitet ein Team des Quebec AI Institute daran, im Wettrennen um die technologische Vorherrschaft an einer gemeinwohlorientierten KI mitzuwirken. Dort glaubt man an eine KI als öffentliches Gut, die auf Vielfalt und Verantwortung setzt. Doch in der Doku wirken selbst diese Wissenschaftler bisweilen hilflos, als sähen sie einen Tsunami auf sich zukommen, vor dem sie nicht weglaufen können.

Der Wunsch hinter all dem muss lauten, dass wir Rechenleistung durch menschliche Reflexion ersetzen: mit klaren Transparenzpflichten für Energie und Daten, einer humanen KI-Entwicklung statt stiller Duldung globaler Tech-Monopole – sowie einer Infrastrukturpolitik, die digitale und ökologische Resilienz zusammendenkt. Genau hier zeigt sich das Big Picture der KI: Sie läutet das Ende des Internets ein, wie wir es kennen – einer Netzöffentlichkeit, die noch miteinander lose verbunden schien, sich jetzt aber zu einer entkernten Demokratie hin entwickelt.

Im Weitwinkel: KI ist die Atombombe des Digitalzeitalters; geboren aus Fortschrittsglauben, entfesselt von wenigen, die Gutes wollten, aber nie damit rechneten, dass ihr Experiment wirklich außer Kontrolle gerät. Joseph Weizenbaum, der Pionier der KI-Ethik, verbrachte die letzten Lebensjahrzehnte damit, über den falschen Umgang mit Technologie aufzuklären: Er warnte vor ‚unreflektierter Computereuphorie‘ und mahnte, dass wir uns bei allem Innovationsdenken unserer demokratischen Selbstermächtigung im Klaren sein müssen.

Weizenbaum widersprach auch der Idee, dass KIs – oder Computer im Allgemeinen – menschliche Probleme lösen können – dies könnten nur wir Menschen selbst: durch Mäßigung, demokratische Aushandlung, politischen Anstand. In einer „Gesellschaft des Verschwindens“ ist es notwendig, genau danach zu handeln. Wie formulierte es Weizenbaum mir gegenüber einmal? „Jede Technologie erhält ihren Wert von der Gesellschaft, in die sie eingebettet ist.“

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