
Viele Kinder und Jugendliche nehmen ihren Schulalltag als belastend wahr. Das zeigt das aktuelle „Schulbarometer“ – eine bundesweit repräsentative Umfrage der Robert-Bosch-Stiftung, die am Mittwoch veröffentlicht worden ist. So erlebt jede:r dritte Schüler:in regelmäßig Mobbing oder Cybermobbing. Jede:r vierte bezeichnet die eigene Lebensqualität als gering. Jede:r vierte fühlt sich zudem psychisch belastet – bei der letzten Schüler:innenbefragung dieser Art aus dem Jahr 2024 war es noch jede:r fünfte.
Den Anstieg der psychischen Belastungen – der erste seit Ende der Pandemie – bezeichnet Bildungsexpertin Anna Gronostaj von der Bosch-Stiftung als „Warnsignal“. Auch weil Schüler:innen aus armen Familien davon besonders stark betroffen seien. Unter ihnen fühlt sich fast jede:r dritte psychisch belastet. Psychische Auffälligkeiten, die im schlimmsten Fall zu Depressionen, Angst- oder Verhaltensstörungen führen können, treten bei Schüler:innen aus armen Haushalten sogar doppelt so häufig auf wie bei besser gestellten Schüler:innen. „Es hat mich ziemlich nachdenklich gestimmt, dass es dieser vulnerablen Gruppe auch in der Schule nicht gut geht“, sagte Gronostaj bei der Vorstellung der Studie.
Auch Julian Schmitz von der Universität Leipzig, der wissenschaftliche Projektleiter der Studie, erkennt eine doppelte Benachteiligung: „Armut wirkt sich nicht nur auf Bildungschancen aus, sondern auch auf das Wohlbefinden und die mentale Gesundheit“, sagt der Professor für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie.
Da Schüler:innen heute so viel Zeit wie noch nie an Schulen verbrächten, müsste die mentale Gesundheit dort entsprechend ernst genommen werden. Wo die Bildungsministerien ansetzen könnten, kann Schmitz an den Antworten der Schüler:innen ablesen. So spiegelten sich die Unterrichtsqualität, die schulischen Hilfsangebote etwa bei Mobbing, aber auch der Grad der Mitbestimmung von Schüler:innen in deren Wohlbefinden wider.
Individuelles Feedback? Nicht überall
Schüler:innen, die Lehrkräfte als unterstützend wahrnehmen oder sich nicht vom Unterrichtstempo überfordert (oder gelangweilt) fühlen, sind der Studie zufolge deutlich zufriedener mit ihrem Schulleben. Oder anders formuliert: Lehrkräfte, die positives Feedback geben und gut auf die individuellen Leistungsstände eingehen, motivieren ihre Schüler:innen nicht nur zum Lernen – sie tragen gleichzeitig zu deren psychischer Stabilität bei. „Guter Unterricht fördert also nicht nur den Lernerfolg, sondern stärkt ganz direkt das Wohlbefinden der Kinder“, sagt Anna Gronostaj von der Bosch-Stiftung.
Wie viel Luft hier teilweise noch nach oben ist, legte bereits ein früheres „Schulbarometer“ offen: So vermisste zuletzt jede:r dritte Schüler:in individuelles Feedback. Ebenso viele Schüler:innen beklagten, dass sich „keine oder wenige Lehrkräfte“ um sie kümmerten.
Besonders deutlich wird der Handlungsbedarf auch beim Thema Mitbestimmung. Drei Viertel der Schüler:innen wünschen sich aktuell mehr Einfluss auf Unterrichtsthemen oder Prüfungsformate – die überwiegende Mehrheit gibt jedoch an, hier kaum mitreden zu können. Ein Umstand, auf den Schülervertreter:innen seit Jahren hinweisen. Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, erkennt zwar ein steigendes Bewusstsein für das Thema in der Politik. Von einer demokratischen Schulkultur und echter Mitbestimmung seien die Schulen aber noch weit entfernt. Die Abiturientin wirft Bund und Ländern vor, insgesamt zu wenig für mentale Gesundheit an Schulen zu unternehmen. Gerade bei der Finanzierung von multiprofessionellen Teams fehlt Kirchhoff „der politische Wille“.
Tatsächlich haben viele Kommunen in den vergangenen Jahren, teils wegen der Sparvorgaben der jeweiligen Länder, an der Schulsozialarbeit gekürzt, etwa in Berlin oder in Sachsen. Auch das unter der Ampel-Regierung aufgelegte Modellprojekt „Mental Health Coaches“ an bundesweit 100 Schulen lief Ende 2025 aus, weil der Bundestag die Finanzierung nicht verlängerte. Eine der Begründungen: Das Programm erziele keinen Nutzen „in der Fläche“.
Aus Sicht der Opposition ist dies auch ein Versäumnis der Bundesregierung. Fachpolitiker:innen von den Grünen forderten am Mittwoch „die Verstetigung erfolgreicher Projekte wie die ‚Mental Health Coaches‘“, die Linken-Politikerin Nicole Gohlke warf der Bundesregierung Kapitulation „vor vollen Klassen, Unterrichtsausfall und ständigem Personalmangel“ vor. Der Bund müsse aufhören, sich bei Gestaltung und Finanzierung von Bildung wegzuducken. Das Bundesbildungsministerium äußerte sich auf taz-Anfrage zunächst nicht zu der Kritik.
Eine Fachkraft auf 5.218 Schüler:innen
Auch Schülerin Amy Kirchhoff hält das Ende des Bundesprogramms für „die falsche Entscheidung“. Seit knapp einem Jahr wirbt die Bundesschülerkonferenz mit einer Infokampagne für mehr Aufmerksamkeit für das „Tabuthema“ mentale Gesundheit. Die Schüler:innen fordern unter anderem mehr gesundheitspolitisches Personal an Schulen. Nach einer Erhebung des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) aus dem Jahr 2024 muss sich ein:e Schulpsycholog:in im Schnitt um 5.218 Schüler:innen kümmern. Auch wenn einige Bundesländer – darunter Berlin, Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg – die Stellen für Schulpsychologie oder für andere Gesundheitsfachkräfte aufgestockt haben, kann von einer flächendeckenden Versorgung kaum die Rede sein.
Julian Schmitz von der Uni Leipzig erkennt hier dringenden Handlungsbedarf. Solche Fachkräfte seien notwendig, damit sich Lehrkräfte auf den Unterricht und die Beziehungsarbeit mit den Schüler:innen konzentrieren könnten. Die Einstellung des Programms „Mental Health Coaches“, das Schmitz wissenschaftlich mit begleitet hat, bezeichnet er vor diesem Hintergrund als „ein sehr ungünstiges Signal“. Das Programm sei zwar eher klein gewesen. Von den Schulen sei es trotzdem gut aufgenommen worden und habe die Lehrkräfte entlastet.
Dass Lehrer:innen heute zu viele Aufgaben neben dem eigentlichen Unterrichten übernehmen müssen, haben auch die zuständigen Ministerien erkannt. In vielen Bundesländern gibt es deshalb mittlerweile Verwaltungs- oder Assistenzkräfte an Schulen, allerdings längst nicht an jeder Schule. Für weitere Entlastungen setzen die Ministerien auf unterschiedliche Wege.
Niedersachsen etwa bildet Lehrkräfte und Sozialarbeiter:innen zu mentalen Ersthelfer:innen aus und möchte künftig auf dem Weg zum Abitur auf einen Teil der Klausuren verzichten. Die am Mittwoch vereidigte neue Landesregierung in Brandenburg verspricht weniger Bürokratie an Schulen und will künftig abfragen, wie zufrieden Schüler:innen mit Partizipationsmöglichkeiten und Schulklima sind. Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsministerin Simone Oldenburg (Linke) kündigte in dieser Woche ein ganzes Maßnahmenpaket für Entlastungen an. So weit wie Rheinland-Pfalz, das seit diesem Schuljahr auf unangekündigte Tests verzichtet, geht aber kein anderes Bundesland.
Mehr Schulsozialarbeit
Aus Sicht des Deutschen Lehrerverbands gehen die Anstrengungen nicht weit genug. Es brauche sofort mehr Schulsozialarbeit, mehr Schulpsychologie, mehr Gesundheitsfachkräfte, teilte der Verband am Mittwoch mit. „Viele Lehrkräfte möchten ihre Schülerinnen und Schüler aufmerksam begleiten, haben dafür aber schlicht nicht genug Zeit“, begründet Lehrverbandschef Stefan Düll die Forderung. Der wichtige Austausch zwischen Lehrkraft und Schüler:innen drohe unterzugehen, solange Lehrkräfte durch Personalmangel und Bürokratie ausgebremst würden.
Einen Schritt weiter geht Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied Schule der Bildungsgewerkschaft GEW. Neben fehlenden multiprofessionellen Teams sieht sie auch in den Lehrplänen und Prüfungsvorgaben eine Ursache für die hohe psychische Belastung der Schüler:innen. „Wir plädieren schon länger dafür, die Lehrpläne zu entrümpeln und Noten so weit wie möglich wegzulassen“, sagt Bensinger-Stolze der taz. Pilotprojekte zeigten, wie positiv sich das auf das Schulklima auswirke.
Handlungsbedarf sieht die ausgebildete Lehrkraft auch bei der Mitsprache von Schüler:innen: „Es ist sehr wichtig, dass Schüler:innen endlich mehr mitentscheiden dürften“, sagt Bensinger-Stolze. Beispielsweise sollten sie selbst Schwerpunkte aus dem Schulstoff wählen können. Dafür aber müsse die Schule insgesamt demokratischer werden – auch für Lehrkräfte. Sie höre immer wieder, wie stark Schulleitungen oder Schulaufsichten durchgreifen und die Kollegien dabei nicht einbeziehen. „Viele Schulen sind immer noch sehr hierarchisch und ermutigen Lehrkräfte nicht unbedingt dazu, Schüler:innen stärker zu beteiligen.“
Zu dieser These passt das Ergebnis aus einem früheren „Schulbarometer“. Demnach findet mehr als die Hälfte der Lehrkräfte, dass die bestehenden Mitbestimmungsmöglichkeiten für Schüler:innen ausreichen.
Die Rolle von Social Media bei der mentalen Gesundheit von Schüler:innen, über die zuletzt intensiv diskutiert wurde, kam im „Schulbarometer“ übrigens nur am Rande vor, und zwar bei der Erhebung von Mobbingerfahrungen. Interessanterweise erleben die Schüler:innen Ausgrenzung und Beschimpfungen häufiger analog. Inwieweit Social Media selbst zu psychischer Belastung führt, will Studienleiter Julian Schmitz gern in die nächste Umfrage nehmen. Er warnte aber davor, die psychische Belastung zu sehr auf den Handykonsum zu schieben. Die Ergebnisse zeigten, wie stark Themen wie Leistungsdruck für das geringe Wohlbefinden der Schüler:innen verantwortlich seien.
Seit 2019 führt die Robert-Bosch-Stiftung Umfragen zum Schulalltag durch. Für das vorliegende „Deutsche Schulbarometer Schüler:innen“ wurden bundesweit rund 1.500 Schüler:innen im Alter von 8 bis 17 Jahren sowie je ein Elternteil befragt. Die Befragung hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa im vergangenen Jahr durchgeführt.






