Nach Blackout in Berlin: „Vulkangruppe“ bedauert Zeitpunkt des Anschlags

Nach dem Brandanschlag auf eine Stromkabelbrücke im Berliner Ortsteil Lichterfelde meldet sich die „Vulkangruppe“, die sich zu der Tat bekannte, nochmals zu Wort – diesmal mit einem „Offenen Brief“ an die vom Stromausfall Betroffenen und an die linke Bewegung. Der Anschlag wird darin erneut verteidigt. Selbstkritisch aber wird eingeräumt: „Mit dem heutigen Wissen um die Auswirkungen für Teile der Bevölkerung, hätten wir diese Aktion in eine warme Jahreszeit verlegt.“

Das Schreiben lässt sich nicht final überprüfen, wirkt aber authentisch. Es wurde auf einer einschlägigen Internetseite veröffentlicht, auf der auch Bekennerschreiben zu früheren „Vulkangruppen“-Aktionen und weiteren Sabotageaktionen auftauchten. Auch korrespondiert der Duktus mit vorherigen Schreiben und der Text offenbart noch einmal mutmaßliches Täterwissen, wie die Kabel entzündet wurden.

In der Nacht zu Samstag hatten Unbekannte in Berlin eine Kabelbrücke vor dem Gaskraftwerk Berlin-Lichterfelde in Brand gesetzt. Das führte zu einem tagelangen, großflächigen Stromausfall, der Zehntausende Haushalte betraf und bis Mittwoch andauerte. Schulen und Supermärkte blieben geschlossen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen mussten mit Notstromaggregaten versorgt werden.

„Die Tragweite war weder beabsichtigt noch einkalkuliert“

„Die Aktion war kein geplanter Angriff auf die Stromversorgung Berlins“, wird in dem aktuellen Schreiben der „Vulkangruppe“ beteuert. Ziel sei es gewesen, das „fossile Gaskraftwerk auszuschalten, weil es nicht mehr verantwortbar ist, weiter die Erde zu zerstören“. Die Folgen der Aktion seien nicht absehbar gewesen. „Die Tragweite der Auswirkung auf ungefähr 40.000 private Haushalte war von uns weder beabsichtigt noch einkalkuliert.“ Man sei davon ausgegangen, dass ein Stromausfall nur einige Stunden dauern würde.

Die Au­to­r*in­nen betonen, sie hätten bewusst Fernwärmerohre nicht angegriffen, „weil es uns nicht darum ging, der Bevölkerung Unannehmlichkeiten und Härten während des Frosts zu bereiten“. Die Gruppe will auch jede Gefährdung von Menschenleben ausgeschlossen haben. „Wir hätten diese Aktion nicht durchgeführt, wenn wir dessen nicht sicher gewesen wären.“

Weiter heißt es: „Die pflegebedürftigen Menschen und deren Angehörige lassen uns nicht kalt.“ Dass diese und andere Menschen es „schwer hatten“, daraus „können und sollten wir, andere Vulkangruppen und andere militante Gruppen, Schlüsse ziehen“. Die Gruppe begrüßt, wie sich die Betroffenen des Stromausfalls vielfach selbstorganisiert hätten. Davor habe man „großen Respekt“. Hier sollten sich auch linke Gruppen bei künftigen Krisenfällen, ob durch Sabotage oder nicht, einbringen.

Den Anschlag an sich aber verteidigt die Gruppe. Und sie erklärt: „Den toten Villenvierteln allerdings weinen wir keine Träne hinterher.“ Dass Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Innensenatorin Iris Spranger (SPD) zuletzt von Linksterrorismus sprachen und inzwischen die Bundesanwaltschaft zu diesem Vorwurf ermittelt, weist die Gruppe brüsk zurück.

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Die Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“

In einem Schreiben einer „Vulkangruppe“ hatten sich die Ab­sen­de­r:in­nen erstmals am 4. Januar 2026 zu dem Brandanschlag auf das Stromnetz in Berlin bekannt. Am 6. Januar wurde ein weiteres Schreiben einer „Vulkangruppe“ veröffentlicht. In einer sogenannten Richtigstellung, reklamierten sie den Angriff noch einmal für sich, nachdem spekuliert wurde, ob der Angriff nicht eine Sabotage-Aktion Russlands war. In einem dritten, am 7. Januar publizierten Schreiben behaupteten mutmaßlich andere Au­to­r:in­nen, sie seien die ursprüngliche „Vulkangruppe“ und hätten mit den Anschlägen der letzten Jahre nichts zu tun. In einem vierten Schreiben einer „Vulkangruppe“, bedauert diese, dass neben dem Gaskraftwerk auch private Haushalte betroffen waren, da dies nicht beabsichtigt gewesen sei. Mit dem heutigen Wissen um die Auswirkungen, hätte die Gruppe den Angriff in eine warme Jahreszeit verlegt, heißt es dort.

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Terrorvorwurf wird zurückgewiesen

„Wenn man von der heraufziehenden Klimakatastrophe nichts wissen will, dann zeigt man mit den Fingern auf andere und schreit Terrorismus“, heißt es im Schreiben. Die „Terrorismuskeule“ sei „der hilflose Versuch, sich der Auseinandersetzung um Widerstand gegen die Zerstörung der Erde zu entziehen“. Um mit dem Vorwurf des Terrors zu überzeugen, würden nun Betroffene „aus den Altenheimen und Se­nio­r*in­nen­re­si­den­zen hervorgeholt“. Das sei „pure Heuchelei“.

Wie in einer vorherigen, kurzen zweiten Stellungnahme nach dem Anschlag weist die Gruppe auch nochmal zurück, dass der Anschlag eine „False Flag Aktion“ und eigentlich russische Sabotage gewesen sein könnte. Man lasse sich auch nicht steuern durch Geheimdienste: „In Russland und China würden wir Menschenmögliches tun, was den Diktaturen schadet und den Menschen hilft. Sabotage wäre naheliegend.“

Auch eine Distanzierung einer vermeintlichen Ursprungsgruppe der „Vulkangruppe“, deren erstes Bekennerschreiben 2011 nach einem Brandanschlag am Berliner Bahnhof Ostkreuz auftauchte, wird abgetan. Dieser Text komme „nie und nimmer von einer Vulkangruppe“, schreiben die jetzigen Autor*innen. Er sei „ein Fake“, weil viel zu „flach“, inhaltlich unausgegoren und ohne „Autorisierung“ und Belege, dass er wirklich von einer „Vulkangruppe“ stamme.

Entweder komme der Text von einem „Troll“, einer Einzelperson oder von einem Geheimdienst oder „Faschisten“, die Verwirrung und Spaltung stiften wollten, mutmaßen die Autor*innen. Betont wird aber, dass es mehrere Zellen gebe, die als „Vulkangruppe“ unterwegs seien. Man selbst könne nur Verantwortung für den aktuellen Anschlag in Lichterfelde übernehmen.

Bisher keine Tatverdächtigen ermittelt

Sicherheitsbehörden hatte das erste Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“ als authentisch erachtet und den Anschlag den Linksmilitanten zugeschrieben. Tatverdächtige konnten dazu bisher nicht ermittelt werden – auch bei allen bisherigen Taten der „Vulkangruppen“ seit 2011 war dies nicht gelungen. Er­mitt­le­r*in­nen werten aktuell Spuren vom Tatort, Zeu­g*in­nen­hin­wei­se und Bilder von Überwachungskameras aus, um diesmal Verantwortliche zu finden. Die „Vulkangruppe“ gibt sich in ihrer aktuellen Erklärung unbesorgt: „Wir sind entspannt.“

In der Berliner Landespolitik wird derweil weiter über das Krisenmanagement von Regierungschef Wegner diskutiert – der am ersten Tag des Anschlags Tennis spielen war, statt sich voll der Krisenbewältigung zu widmen, wie ihm Kri­ti­ke­r*in­nen vorwerfen. Die „Vulkangruppe“ äußert sich auch dazu – und das belustigt: Diese Entwicklung sei „ein amüsantes Detail“ des ganzen Geschehens.

  • informationsspiegel

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