Neues Album von Andreas Dorau: Unheimlich weich

Wer eine Ode an die Hauptstadt der Habsburgermonarchie erwartet hat, wird von dem Album „Wien“ positiv überrascht, aber zugleich mächtig irritiert. „Viiiieeeena“ singt Andreas Dorau in schriller Kinderstimme beim Song „Vienna Sur Mer“ über einer melodisch trällernden Gitarre.

In dem Song „Ich kann nicht schlafen“ macht der hanseatische Popstar deutlicher, um was es auf seinem neuen Album geht: „Ich bin im Hotel / Und nicht zu Haus“, ziept Dorau, um dann über einer glockenhellen Xylofonmelodie in sanft weinerlichen, leicht verzweifelten Ton „Ich kann nicht schlafen“ zu singen. Uuuuuuhhh, schiebt sich danach ein Chor in den Vordergrund.

Der Song klingt schwungvoll, wie viele Songs auf einem Album, dessen Sound irgendwo zwischen sanftem Synthie-Pop und eher rockistischer Hamburger Schule (analoge Instrumente gibt es auch) changiert. Manche Songs hat Dorau angereichert mit babyesk anmutenden Soundeffekten.

Bei „Ich kann nicht schlafen“ drehen sich ein Synthie-Arpeggio, Xylofon und Percussions wie auf einem Kinderkarussell im Kreis. Der Besuch einer Stadt wird auf „Wien“ zur ironisch überdrehten existenziellen Erfahrung. Mit Jalousien, Straßenlaternen und Häuserfassaden fängt Dorau verschiedene Bilder, mit Hotelbesuchen, Aussichtspunkten und Riesenradfahrten verschiedene Szenen einer Stadt ein. Er erkundet sie wie ein Tourist, dem sich aber nicht alle Details erschließen.

Konzerttermine

Andreas Dorau: „Wien“ (Tapete/Indigo); live: 4. 4., Berlin, Monarch, 11. 4., Hannover, Lux

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Dass in der Inszenierung von „Wien“ vieles bildlich wirkt, war ihm wichtig. „Musik ist auch unbewusst optisch“, erklärt er der taz. Beim Hören eröffnet sich tatsächlich eine Welt, das ist eine große Leistung von ­Doraus stimmig komponiertem und gut durch hörbarem Werk. Dass es dann die alte Metropole Wien wurde, hatte weniger mit der Stadt an sich zu tun. Dorau findet einfach das Wort „phonetisch toll“, das W klinge „unheimlich weich“.

Balla-Balla-Reime

Der Popstar, der einst mit Balla-Balla-Reimen wie „Acht, 15, 25 Cent / Ein jeder diese Zahlen kennt / Die Kinder rufen im ganzen Land / Fli Fli Fla Fla Flaschenpfand“ Verheißungen des Konsums, aber auch die versiegende Revolutionslust der Linken besang, bleibt seinen skurrilen Gesellschaftsthemen auch mit „Wien“ treu.

Sein Song „45 Lux“ handelt etwa davon, dass in der österreichischen Hauptstadt ein Zentralcomputer automatisch die Straßenlaternen bei 45 Lux-Beleuchtungsstärke einschaltet. Über einem träumerischen Synthi-Pop-Beat mit jazzigem Rhodes-Piano feiert Dorau den Moment, in dem das Licht angeknippst wird.

„Wien“ ist während der Coronapandemie entstanden. Die Musik habe er nicht gleichzeitig mit dem Vorgängeralbum „Im Gebüsch“ (2024) komponiert, sie entstamme aber „demselben Ideenpool“. Wie zufällig seien auf „Wien“ dann manche Songs „ein paar BPM“ schneller gewesen. Das hört man auch. „Wien“ hat mehr Power als „Im Gebüsch“. Musikalisch herausragend ist übrigens „Mädchen mit Herz“ mit summbarer hanseatischer Gitarrenmelodie und klarer post-punkiger Hookline.

Mit dem Stück „Tourist“ hatte Dorau das Konzept für das ganze Album kreiert. Es habe ihm die Möglichkeit gegeben, sich von der „Dreistigkeit, ein Werk über Wien zu machen“, abzuheben. Jetzt beweist er, dass er „nur an der Oberfläche kratze“. Auch die Musik klingt perfekt, um den Tourist als Figur zum Urheber der vielen kleinen Stadtbeobachtungen zu stilisieren. Über einer leicht düsteren xylofon-artigen Melodie trägt Dorau betont quengelig die Zeile „Ich bin nur ein Tourist“ vor, was dem Song zum einen eine unangenehme Zudringlichkeit verleiht, aber auch Doraus Meinung über Touristen durchscheinen lässt.

Das Riesenrad am Prater

Von was handelt nun „Wien“ genau, wenn sowieso alles nur Fassade ist und auch der Mythos der Donaumetropole gar nicht angekratzt wird? Hört man die Musik eher nebenbei, bleiben vor allem die verschiedenen Figuren der Wiederholung, Enttäuschung, aber auch des Unverständnisses hängen. „Runde um Runde“, heißt ein Song übers Riesenrad am Prater. „Alles ist gleich“ ein anderer mit einem stakkatoartigen, unruhigen Pia­no-­Anschlag.

„Deine Treppen führen ins Nichts / Deine Wände sind zu hoch / Dein Dach, das ist ganz krumm“ singt Dorau in „Verbautes Haus“, über dessen Architektur es auch heißt: „Du siehst so traurig aus.“

Beim Kriminaltango „Hinter Jalousien“ fragt er: „Was sind das für Leute / Sie leben hier und heute / Ich muss sie nicht verstehen / Ich werd sie sowieso nicht sehen“. Mit der Figur des tumben Touristen (sind Städte­reisende wirklich so ignorant?) und dem Kind, das sich spielend die Welt erschließt, hat man ­Doraus Inszenierung von „Wien“ aber noch nicht ganz erfasst.

Wie Klee, aber in Musik

Weil die Bilder alle mit der Stadt verknüpft sind und sich auf „Alles ist gleich“ ängstlich vorgetragene Strophen wie „Dieselbe Wohnung, dieselbe Arbeit, dasselbe Auto, dieselbe Frau“ – unterlegt mit leichten Schreien – finden, hat man manchmal das Gefühl, als handle es sich bei „Wien“ um so etwas wie Klang gewordenen Fordismus: eine dadaistische Ode auf die verhasste Gleichheit, die man wirklich so sehr hasst, dass man sie – en miniature – noch einmal nachbaut, aber in schräg, betont technizistisch und skurril. Wie Paul Klee, aber in Musik.

Wenn man seine Kunst als naiv bezeichnet, reagiert ­Dorau „ein bisschen empfindlich“. Sein Frühwerk wurde oft damit abgetan. Ironie weist er brüsk von sich. Abwertend muss beides natürlich nicht gemeint sein – die Zuschreibungen liegen bei Songs wie „Fred vom Jupiter“ (1981) ohnehin nahe. „Ich hasse Rollenbilder“, sagt Dorau. Auch künstlerisch steht der Kampf gegen Stereotype im Mittelpunkt, auch mit 61 Jahren, auch auf „Wien“.

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