Plastik-Abkommen der UN: Das Schicksal einer Ikone entscheidet sich in Genf

In Genf entscheidet sich in der Nacht auf Freitag das Schicksal einer Ikone: des Plastiks. Verpackungen, Becher, Strümpfe, Kissen, Reifen, Computer, Handys – das Leben ist heute nicht mehr vorstellbar ohne Kunststoff.

1907 erblickte das Plastik das Licht der Welt – jedenfalls wurde es zum ersten Mal unter dem Namen Bakelit patentiert. Von einem Belgier namens Leo Baekeland. Während 1950, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, weltweit etwa 2 Millionen Tonnen Polymerfasern und -harze – die Bausteine von Plastik – hergestellt wurden, waren es 2024 bereits mehr als 400 Millionen Tonnen. Bis 2060 könnte sich diese jährlich hergestellte Menge sogar noch verdreifachen, schätzt eine Studie im Fachmagazin Lancet.

Zusammen mit Verbrennermotoren, Öl, Flugzeugen und der Atomkraft verkörperte das Plastik Mitte des 20. Jahrhunderts den Fortschritt. „Die neuen Liter-Flaschen aus Plastik: So leicht, dass du sie problemlos einpacken kannst“, versprach eine Coca-Cola-Werbung im Jahr 1980.

Plastik war deutlich billiger als Papier, Glas oder Metall, die vorher zum Verpacken genutzt wurden. Die Cola-Flasche aus Kunststoff verbreitete sich genauso über alle Kontinente wie die Einkaufstüte und der Monobloc-Stuhl. Nazdar, eine Freiburgerin mit kurdischen Eltern, erinnert sich gegenüber dem Magazin der Süddeutschen Zeitung an die völlig fremde Welt, in der ihre Familie in der Türkei lebte, bevor sie nach Deutschland kam. „Das Einzige, das gleich war, waren eben diese Plastikstühle“, erzählt sie. Regine, auch in der SZ, verbindet mit dem Stuhl „Unbeschwertheit“ und „die Imbisse an der Ostsee“.

Wie bei anderen Fortschrittssymbolen stellte sich aber auch beim Plastik heraus, dass sein Glanz trügt: Plastik braucht Tausende Jahre, um zu zerfallen – was wieder neue Probleme schafft.

Denn kleinste Plastikteilchen werden derzeit überall gefunden, wo man nach ihnen sucht: in Vögeln und Pflanzen, auf dem Mount Everest und in der Arktis, in unserem Blut, in Hoden und Muttermilch.

Die gesundheitlichen Folgen bleiben teilweise ungeklärt. Mit den Chemikalien, die bei der Kunststoffherstellung verwendet werden, verbinden Wis­sen­schaft­le­r*in­nen aber ein häufigeres Auftreten zum Beispiel von Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten und verminderter Fruchtbarkeit.

Nun also Genf. Seit vergangener Woche verhandeln dort die Delegierten aller UN-Mitgliedsländer über ein Abkommen zum Umgang mit der Plastikflut. Wis­sen­schaft­le­r*in­nen fordern eine Obergrenze für die Plastikproduktion. „Selbst ein riesiger Anstieg unserer Recyclingkapazitäten kann nicht mit der Plastikproduktion mithalten“, sagt Richard Thompson, Meeresbiologe an der Universität Plymouth.

Gemeinsam mit anderen For­sche­r*in­nen fordert er, mit dem Abkommen jene Kunststoffe zu verbieten, die bekanntermaßen gesundheitsschädlich sind – gut ein Viertel der verwendeten Chemikalien. Ein weiteres Viertel ist weitgehend unbedenklich, für die Hälfte der Kunststoff-Bestandteile gibt es noch gar keine Einschätzung.

Sollten die Delegierten über Nacht nicht zu einem Ergebnis kommen, muss ergebnislos abgebrochen werden. Ob erneut verhandelt wird, muss die Umweltversammlung entscheiden, in der alle UN-Staaten vertreten sind. Die Öl produzierenden Staaten wie Russland, Saudi-Arabien und die USA blockieren Fortschritt bei entscheidenden Punkten.

Denn neben der erderhitzenden fossilen Industrie sind auch die globalen Plastik-Riesen aufs Öl angewiesen – jedenfalls, solange sie nicht gezwungen werden, sich etwas weniger Tödliches, aber womöglich ebenso Ikonisches auszudenken.

  • informationsspiegel

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