Podcast „Irma“: Das Kind aus Srebrenica

Christine Schmitz ist im Juli 1995 in Srebrenica – als eine der letzten Krankenschwestern vor Ort. Inmitten des Chaos drückt ihr ein Mann ein kleines Baby in den Arm. Auf einen Zettel schreibt er den Namen des Mädchens: Irma. Wenig später wird er von den Truppen der Armee der Republika Srpska verschleppt und erschossen – als eines von über 8.000 Opfern des Völkermords an den Bosniaken während des Bosnienkriegs. Der Doku-Podcast „Irma. Das Kind aus Srebrenica“ der Zeit widmet sich in fünf Folgen diesen Ereignissen.

Im Mittelpunkt der ersten Folge steht Christine Schmitz. Für deutschsprachige Hö­re­r:in­nen ohne Bezug zur Region bietet ihr Blick einen niedrigschwelligen Einstieg. Sie erzählt, wie sie als einfache Krankenschwester den verantwortlichen General Ratko Mladić bittet, ihre Patienten bei sich behalten zu dürfen – und wie dieser sie behandelt wie eine lästige Schmeißfliege.

Die zweite Folge begleitet Irma Hasanović, die als erwachsene Frau nach der Krankenschwester sucht, die sie einst in den Armen hielt. Per ­E-Mail nimmt sie Kontakt auf und sucht Antworten auf die Frage, warum sie ohne ihren Vater, Nusret Hasanović, aufwachsen musste.

Diese Frage wird im dritten Teil dem ehemaligen niederländischen Blauhelmsoldaten Gerry Kremer gestellt, der nur danebenstand, als Irma von ihrem Vater getrennt wurde. Es geht um Schuld: Wie konnte dieser Genozid vor den Augen der Welt geschehen – und hätten die UN-Soldaten eingreifen müssen?

Der Podcast

„Irma. Das Kind aus Srebrenica“

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Folge vier dreht sich um die ­systematischen Erschießungen und das Vergraben der Leichen in sekundären Massengräbern, die das Ausmaß des Genozids vertuschen sollten. Wir hören den Kronzeugen Dražen Erdemović, selbst Teil eines Erschießungskommandos – womöglich jenes, das Nusret Hasanović tötete. Zudem wird Serbiens Mitverantwortung und der politische Kontext des Genozids beleuchtet. Der letzte Teil widmet sich dem Menschen Nusret Hasanović: Seinem Leben und – gestützt auf die Erinnerungen des Überlebenden Ahmo Hasić – seinen letzten Tagen.

„Irma. Das Kind aus Srebrenica“ ist ein eindrucksvoll produzierter Pod­cast mit starken Protagonist:innen. Anhand einzelner Schicksale vermittelt er eindringlich und ausführlich das Ausmaß des größten Verbrechens in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Wichtige Ergänzung vom Deutschlandfunk

Schwäche zeigt der Podcast, wenn Reporter Bastian Berbner seiner Co-Reporterin Simone Gaul, Eindrücke von einem Ort der Massenerschießungen mit Sätzen wie „Es war so ein Auschwitz-Gefühl, ohne Scheiß“ schildert. Diesen Vergleich und die ständige Betonung darauf, wie „krass“ alles sei, hätte man besser weggelassen.

Eine wichtige Ergänzung zum Thema bietet der Deutschlandfunk mit „Srebrenica“ aus dem Format „Hörspiel“. Auch hier geht es um den Überlebenden Ahmo Hasić und den geständigen Täter Dražen Erdemović sowie den Blauhelmsoldaten Rob Zomer.

Über knapp eine Stunde kommen die drei selbst zu Wort. Bedeutend ist hier der Raum, den man dem Schmerz des Überlebenden Ahmo Hasić lässt, um in seinen eigenen Worten das Unvorstellbare und seinen Umgang damit zu beschreiben.

Die Ö1-Sendung „30 Jahre Genozid von Srebrenica“ aus der Reihe „Journal Panorama“ befasst sich mit der Leugnung des Genozids in Serbien und unter bosnischen Serben. Die Stärke der Produktion liegt darin, diese Narrative und ihre Hintergründe realistisch darzustellen – ohne Zweifel daran zu lassen, dass es sich um Genozid­leugnung handelt, die Täter zu Opfern und verurteilte Völkermörder zu Helden verklärt. Die Sendung „Die Rolle der Kirchen bei Genoziden vom Deutschlandfunk Kultur“ legt den Fokus auf die Rolle der serbisch-orthodoxen Kirche bei der Leugnung des Genozids.

In der Deutschlandfunk-Kultur-Reihe „Die Reportage“ erschien eine halbstündige Sendung über die Korida – den bosnischen Stierkampf – die mit dem Genozid von Srebrenica verknüpft wird – obwohl weder die Korida noch die Prot­ago­nis­t:in­nen einen engen Bezug dazu haben. Die Reportage ist gut erzählt, behandelt Srebrenica aber nicht ausführlich. Leider wurde hier der Genozid zum Anlass genommen, um Aufmerksamkeit für ein völlig anderes Thema zu schaffen.

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