Recht auf Kultur: Das erste Theaterticket im Leben

„Meine Kinder hatten noch nie ein Theaterticket in der Hand“, zitiert Nina Gühlstorff den Lehrer einer Schulklasse beim Eintritt in das Mecklenburgische Staatstheater in Schwerin. Gühlstorff ist hier Hausregisseurin für Öffnungsprojekte. Das heißt, dass sie die Türen des Theaters für alle möglichen Leute öffnen wolle, wie sie selbst sagt.

Der Lehrer der Schulklasse habe darauf bestanden, dass jedes Kind persönlich seine Eintrittskarte in die Hand bekommt, um sie anschließend zum ersten Mal in einem Theater einzulösen. „Wenn man selbst eine Klassenreise hinter sich hat, dann ist man für solche Themen sensibel“, sagt Gühlstorff, der die Position als Regisseurin am Staatstheater nicht in die Wiege gelegt wurde.

Gühlstorff ist knapp 45 Kilometer westlich von Schwerin in der Kleinstadt Ratzeburg aufgewachsen, die geradeso in Schleswig-Holstein liegt – also im ehemaligen Westen. Ihre Eltern haben kein Abitur gemacht, deswegen hatte sie zunächst keine Idee, wie man eigentlich studiert. Der Gedanke, Theater zu machen, schwirrte ihr aber schon damals durch den Kopf und ließ sie nicht mehr los.

Zwölf bunte Portraits

richtig gute leute

Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnte erstmals seit 1945 eine rechtsextreme Partei an die Regierung kommen. Es gibt vor Ort aber auch eine lebendige Zivilgesellschaft, die die Wahlen noch nicht verloren gibt. In der Serie „Richtig gute Leute“ stellen wir sie den Sommer über vor.

=”” div=””>

Vom Wessi zum falschen Ossi

Schlussendlich studierte die heute 49-Jährige an der Bayerischen Theaterakademie in München. Ihre Projekte führten sie unter anderem nach Israel, Polen und Russland. Seit 2021 arbeitet sie als Hausregisseurin am Mecklenburgischen Staatstheater. Ihr Mann Hans-Georg Wegner wurde im gleichen Jahr dort Generalintendant.

Dass sie eigentlich Wessi sei, spiele in Schwerin nach all den Jahren kaum noch eine Rolle, sagt Gühlstorff. Außerdem sei sie dadurch, dass sie Russisch und Polnisch spreche für viele gar nicht als Westdeutsche zu erkennen und so eine Art „falscher Ossi“.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden,
ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden,
ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Mitte Juni ging die letzte Vorstellung des „Parlaments der Dinge“ über die Bühne, bei dem Nina Gühlstorff Regie führte. Bei diesem Format bekommen Dinge wie das Wasser oder das Moor von Schau­spie­le­r:in­nen eine Stimme geliehen. Etwa 120 Jugendliche waren bei der Vorstellung nicht nur Zuschauer:in, sondern beteiligten sich in Arbeitsgruppen und anschließend im „Parlament“ selbst an der Debatte.

Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern im Herbst dürfen erstmals Jugendliche ab 16 Jahren wählen. Deswegen sei das „Parlaments der Dinge“ vom Land Mecklenburg-Vorpommern gefördert worden, erzählt Nina Gühlstorff. Das sei ein „Gamechanger“ gewesen: So habe man den Eintritt kostenlos anbieten können und Schü­le­r:in­nen aus verschiedenen sozialen Schichten ansprechen können.

Das „Parlaments der Dinge“ tagt in einer Theaterhalle auf dem Dreesch, einem Plattenbaugebiet. Dort leben vor allem sozial benachteiligte Menschen. Schwerin gilt bundesweit als die Stadt, deren Einwohner am stärksten nach Einkommen und sozialem Status voneinander getrennt leben. Genau dem möchte Nina Gühlstorff mit ihren Theaterstücken entgegenwirken.

&#xE80F

Ich persönlich habe keine Angst

Nina Gühlstorff

Offenbar spiegelte das Theater-Parlament tatsächlich die Gesamtgesellschaft recht akkurat wieder. Alle Jugendlichen seit der Premiere im September 2024 wurden gefragt: Wen sie bei einer Landtagswahl wählen würden? Die Ergebnisse hätten bislang immer den Umfrageergebnissen entsprochen, die Demoskopen in ihrer jeweils nächsten Umfrage für das ganze Land ermitteln, sagt Gühlstorff. So sei es auch bei der Aufführung im Juni wieder gewesen.

Nina Gühlstorff

ist seit 2021 Hausregisseurin für Öffnungsprojekte am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin. Die 49-jährige studierte an der Bayerischen Theaterakademie in München

Im Hinblick auf den wachsenden Einfluss der AfD sagt Nina Gühlstorff: „Davor habe ich persönlich keine Angst.“ Sie werde ihr eigenes Verhalten nicht anpassen. Bei anderen erlebe sie das aber bereits. Und um Menschen mit Migrationshintergund mache sie sich schon Sorgen, denn ihnen gegenüber habe sich das Klima schon jetzt verändert.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Festnahmen bei linker Gruppe aus Sachsen: Mit Hammer, Sichel und Pfefferspray
    • November 3, 2026

    Bei Razzien gegen mutmaßliche Links­ex­tre­mis­t:in­nen hat die Polizei fünf Personen festgenommen. Sie sollen geplant haben, rechte Gruppen anzugreifen. mehr…

    Weiterlesen
    Reiches Entwurf für Spritpreisdeckel: Hohe Hürden bei der Preisbremse für Benzin und Diesel
    • November 3, 2026

    Die Pläne für einen Spritpreisdeckel von Wirtschaftsministerin Reiche werden harsch kritisiert. SPD-Vizechefin Rehlinger fordert eine Überarbeitung. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Festnahmen bei linker Gruppe aus Sachsen: Mit Hammer, Sichel und Pfefferspray

    • 9 views
    Festnahmen bei linker Gruppe aus Sachsen: Mit Hammer, Sichel und Pfefferspray

    Reiches Entwurf für Spritpreisdeckel: Hohe Hürden bei der Preisbremse für Benzin und Diesel

    • 10 views
    Reiches Entwurf für Spritpreisdeckel: Hohe Hürden bei der Preisbremse für Benzin und Diesel

    Kritik von Grünen und Umweltschützern: Satte Zuschläge für LEAG und RWE

    • 10 views
    Kritik von Grünen und Umweltschützern: Satte Zuschläge für LEAG und RWE

    CDU in der Krise: Dem Ärger Luft gemacht – und nun?

    • 7 views
    CDU in der Krise: Dem Ärger Luft gemacht – und nun?

    Kommunalwahlen in Südafrika: Kap der falschen Hoffnung

    • 7 views
    Kommunalwahlen in Südafrika: Kap der falschen Hoffnung

    Neuer Lucky-Luke-Band: Muh! Der Lucky-Kult geht um

    • 8 views
    Neuer Lucky-Luke-Band: Muh! Der Lucky-Kult geht um