Rechte Raumnahme: „Leute machen geplant Jagd auf mich und meine Genossen“

E s knallt. Paul zuckt zusammen und dreht sich um. Seine Ge­nos­s*in­nen aus dem Autonomen Jugendhaus (AJH) haben eine kleine Konfettikanone gezündet. Goldene Schnipsel regnen auf zusammengerollte Kabel und Lautsprecherboxen, die auf dem Platz vor dem Bargteheider Rathaus liegen. Alles gut. Paul legt sich eine Hand auf die Brust. „Wir sind gerade alle angespannt“, sagt er, der im AJH aktiv ist und eigentlich anders heißt. Er will seine Identität schützen.

Hinter ihm räumen die Jugendlichen die Technik ins Auto. Es war eine ungewöhnlich gut besuchte Kundgebung für die 16.000-Einwohner*innen-Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Rund 200 Menschen sind an diesem Sonntag Mitte März zum Abschluss der feministischen Wochen beim Autonomen Jugendhaus gekommen. Die Omas gegen Rechts aus Ahrensburg waren da und sogar Leute aus Hamburg, Lübeck, Kiel und Flensburg.

Der Grund für die Anteilnahme: Anfang März haben Unbekannte in Bargteheide dreimal innerhalb einer Woche Jugendliche angegriffen, die politisch links aktiv sind. Alle Betroffenen der Übergriffe engagieren sich im Autonomen Jugendhaus, das seit mehr als 40 Jahren ein wichtiger Treffpunkt für junge Leute im Ort ist.

Erst gestern, am Vorabend der Kundgebung, erzählt Paul, habe wieder ein Auto vor dem bunten Containerbau am Rand der Stadt gehalten. Darin hätten Vermummte gesessen und geschaut.

Von zwei Unbekannten veprügelt und bedroht

Nach der Kundgebung sitzt Jona, Schiebermütze, bunte Jacke, übergroße Sonnenbrille, auf der Treppe des Rathauses in der Sonne. Er heißt eigentlich auch anders. Jona ist einer der zwei Jugendlichen, die als Erste angegriffen wurden. Nach dem Schulstreik gegen die Wehrpflicht am 4. März wurden er und ein Freund am Bahnhof Bargteheide von zwei Unbekannten verprügelt.

„Die standen plötzlich auf dem Bahnsteig, komplett vermummt mit Handschuhen“, sagt er. „Wollt ihr Stress, wollt ihr aufs Maul? Wir boxen euch“, so was in die Richtung hätten sie gesagt. Jona habe aus seiner Hosentasche sein Quietschehündchen geholt, ein Hundespielzeug, das er immer auf Demos dabeihabe. Er reißt beide Arme nach oben und macht vor, wie er es über den Kopf gehalten hat. Dann wird er einsilbig.

Die eine Person, sagt Jona, kam auf ihn zu und hielt ihm ein Messer an den Bauch. Wer er denke, dass er sei, habe sie gefragt, und ihm ins Gesicht geschlagen. Die andere Person habe eine Pistole dabeigehabt und seinen Freund geschlagen.

Will sich den Bahnsteig nicht nehmen lassen: Jona erzählt, wie er und ein Freund hier angegriffen wurden

Foto: Autonomes Jugendhaus Bargteheide

Jona und sein Freund flüchteten sich in den Bahnhofskiosk und riefen die Polizei. Jona blutete aus dem Mund. Als die Beamten kamen und anboten, sie nach Hause zu fahren, baten sie, ins AJH gebracht zu werden. „Weil das der Ort ist, an dem ich mich an dem Abend am sichersten gefühlt habe“, sagt Jona.

Das für politische Straftaten zuständige Staatsschutzkommissariat der Polizei Lübeck ermittelt gegen zwei Unbekannte zwischen 14 und 18 Jahren wegen des Verdachts der Bedrohung und der gefährlichen Körperverletzung.

Jugendliche suchen Schutz im Autonomen Jugendhaus

Zwei Tage später der nächste Angriff. In der Nacht zum 7. März hätten drei Vermummte einen Jugendlichen auf dem Weg ins AJH aus einem Auto heraus bedroht. Er sei weggerannt und außer Atem im Jugendhaus angekommen, erzählen seine Genoss*innen. Dann sei am Abend des 12. März ein Jugendlicher auf dem Parkplatz in der Nähe des AJH von zwei mit Sturmhauben maskierten Männern angegriffen und verletzt worden. Er habe sich losreißen können und sei zum Jugendhaus gerannt.

Auch wegen dieser Vorfälle ermittelt das Staatsschutzkommissariat. Allerdings haben die Jugendlichen sie nicht selbst zur Anzeige gebracht. Die Polizei nahm Ermittlungen von Amts wegen auf, als die Jugendlichen die Vorfälle wenig später auf Social Media veröffentlichten. Die Jugendlichen sagen, sie hätten in dem Moment unter Schock gestanden und deswegen nicht sofort die Polizei gerufen.

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Wir gehen nicht davon aus, dass es sich bei diesen Vorfällen um Zufälle handelt, sondern um eine gezielte Serie von Angriffen

schreibt das Plenum des Autonomen Jugendhauses Bargteheide

Bis auf Jona sind alle Betroffenen minderjährig, alle vier haben am bundesweiten Schulstreik gegen die Wehrpflicht Anfang März teilgenommen. Sie vermuten, dass ihr politisches Engagement, ihre Verbindung zum AJH oder Klamotten mit linken Symbolen Anlass für die Übergriffe waren. „Wir gehen nicht davon aus, dass es sich bei diesen Vorfällen um Zufälle handelt, sondern um eine gezielte Serie von Angriffen“, schreibt das Plenum des AJH.

Jona sagt, ihm sei noch im Polizeiauto auf dem Weg ins Jugendhaus klar geworden, dass das am Bahnsteig politisch war. „Da ist es mir so gedämmert, da machen Leute geplant Jagd auf mich und auf meine Genossen.“ Jona traue sich seit dem nicht mehr, alleine durch Bargteheide zu laufen. Er versuche, sich Kennzeichen zu merken von jedem Auto, das an ihm vorbeifährt. „Also irgendwie paranoid, in Anführungszeichen.“

Vor drei Jahren fing es an – mit Stickern und Parolen

Vor rund drei Jahren fing es an, dass die Jugendlichen am AJH extrem rechte Sticker, Parolen und Symbole am Haus und in der Umgebung fanden. Sie haben vieles dokumentiert. Der taz liegen Fotos vor. In einigen Fällen ermittelt der Staatsschutz.

Obwohl das Jugendhaus seit dem sogar mehrmals angezündet und verwüstet worden ist, waren die Jugendlichen durchaus zurückhaltend in ihrem Urteil, wer warum angreift. Im vergangenen Juni brannte die Außenbühne ab – die dritte Brandstiftung des Jahres. Damals erzählte ein AJH-Sprecher der taz, er sei nicht sicher, dass das politisch war. Es hätten Leute gewesen sein können, die einen blöden Fehler begangen haben.

Nach dem Einbruch ins Autonome Jugendhaus im November 2025: Innenräume zerstört, Hakenkreuze und AfD-Tags dagelassen

Foto: Autonomes Jugendhaus Bargteheide

Im November brachen dann Unbekannte in den Containerbau ein, zerstörten die Innenräume und hinterließen Hakenkreuze und AfD-Tags. Man habe sich die Realität ein Stück schöngeredet, sagt der Sprecher heute.

Die Polizei ermittelte seit 2023 in elf Fällen von Sachbeschädigung, Brandstiftung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Symbole am AJH – bisher ohne Ergebnis.

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Was in Bargteheide passiert, ist der Versuch einer rechten Raumnahme

Felix Fischer, Zentrum für Betroffene rechter Angriffe (ZEBRA)

Die jüngste Angriffsserie überrascht Felix Fischer vom Zentrum für Betroffene rechter Angriffe (Zebra) nicht. Er hatte schon im vergangenen Sommer davor gewarnt, dass es in Bargteheide zu körperlicher Gewalt kommen könnte. Für ihn sind die Angriffe auf die Jugendlichen Anfang März bloß eine weitere Eskalationsstufe: „Was in Bargteheide passiert, ist der Versuch einer rechten Raumnahme“, sagt er der taz.

Zunahme rechter Gewalt beschäftigt Landespolitik

Die Zunahme rechter Gewalt in Bargteheide beschäftigt auch die Landespolitik. Jan Kürschner, innenpolitischer Sprecher der Grünen im Landtag, glaubt, die Stadt sei auch zum Ziel Rechtsextremer geworden, weil es hier mit dem Jugendhaus eine starke linke Bewegung gibt. „Die soll eingeschüchtert werden.“

Wer hinter den Angriffen steckt, ist unklar. Klar ist, wer sich für das AJH interessiert. Anfang des Jahres posteten zwei AfD-Politiker aus Bad Segeberg Fotos auf Instagram, auf dem sie vor dem Jugendhaus stehen – unter der Überschrift „Linken Terror stoppen“ und „Antifa verbieten“.

In Bargteheide und Umgebung sind mehrere Mitglieder des neuen AfD-Jugendverbands Generation Deutschland (GD) aktiv. Deren Landesvorsitzender Jasper Griebel wohnt ein paar Kilometer weiter in Ahrensburg. Jugendliche aus dem AJH erzählen, dass Mitglieder der GD in Bargteheide schon an Schulen AfD-Merch verteilt hätten.

Es ging los mit Stickern und Parolen: Zentrum für Betroffene rechter Angriffe warnte, dass es zu körperlicher Gewalt kommen könnte

Foto: Autonomes Jugendhaus Bargteheide

Die Stadt stand indes schon öfter in der Kritik, nicht genug gegen die extreme Rechte zu unternehmen. Ende 2024 entschied sie, keine Fördermittel mehr aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben“ zu beantragen. Um Kosten zu sparen.

Ohne den Bundeszuschuss sind in der Folge Stellen für Jugendarbeit und Rechtsextremismusprävention weggefallen. Fatal, nannte Felix Fischer von Zebra die Entscheidung damals. Eine taz-Anfrage dazu beantwortete Bürgermeisterin Gabriele Hettwer (CDU) bis Redaktionsschluss nicht.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Ende 2025 hat die Stadtvertretersitzung beschlossen, das Autonome Jugendhaus für 320.000 Euro zu sanieren. Dafür haben die Jugendlichen lange gekämpft.

Als die Jugendlichen aus dem AJH nach der Kundgebung am Rathaus die Technik im Auto verstaut haben, kommen sie zur Treppe, wo Jona der taz ein Interview gibt. Sie stehen Arm in Arm, hören zu und teilen sich Pommes. Jona ist nicht allein. „Kommst du mit?“, fragt ihn Paul. „Wir fahren ins Haus.“

  • informationsspiegel

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