Russland nach Angriff auf Venezuela: Moskau verliert mehr als Macht

Für den Kriegstreiber braut sich mächtig Ungemach zusammen: Russland, Venezuela und Iran würden gemeinsam über ein Drittel der weltweiten Ölreserven verfügen, hatte Igor Setschin vor einem halben Jahr noch auf dem St. Petersburger Wirtschaftsforum frohlockt. Der Chef des russischen Mineralölkonzerns Rosneft und Weggefährte von Kremlherr Wladimir Putin malte damals aus, wie Moskau trotz der westlichen Sanktionen die weltweiten Ölmärkte beeinflussen könne. Nun ist der venezolanische Russlandfreund Nicolás Maduro in US-Haft und in Iran fordern immer mehr Menschen auf Massendemonstrationen einen Sturz des Mullah-Regimes.

Im November erst hatte Venezuelas Staats-Ölkonzern Petróleos de Venezuela (PDVSA) seinen 15-Jahres-Vertrag mit der russischen Roszarubezhneft bis 2041 verlängert. „Keine illegitime Blockade kann unsere Stärken im Energiebereich überwinden“, sagte die seinerzeitige venezolanische Vizepräsidentin Delcy Rodriguez zu dem Deal.

Jetzt steht sie als derzeit in der Nachfolge Maduros amtierende Staatschefin massiv unter US-Druck, die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt wieder US-Konzernen zur Ausbeutung zur Verfügung zu stellen. Diese hatten die venezolanische Ölindustrie vor deren Verstaatlichung wesentlich mitaufgebaut.

Der Jahrzehnte-Deal zwischen PDVSA und den Russen gab Roszarubezhneft das Recht, die zwei Ölfelder Boqueron und Perija im Westen Venezuelas zu erschließen. Roszarubezhneft wurde als staatliches Unternehmen des russischen Wirtschaftsministeriums 2020 gegründet – nachdem die USA Tochtergesellschaften von Rosneft wegen des Handels mit venezolanischem Öl mit Sanktionen belegt hatten. Da übernahm Roszarubezhneft die venezolanischen Vermögenswerte des vom Kreml kontrollierten Ölriesen Rosneft – des damals nach Saudi Aramco zweitgrößten börsennotierten Ölkonzerns der Welt.

Russlands Pläne Schall und Rauch

Russische Firmen sollten im Rahmen des Deals auch große Infrastrukturprojekte im krisengeplagten südamerikanischen Petrostaat bekommen. Das ist nun in akuter Gefahr. Denn die neue offizielle Nationale Sicherheitsstrategie der USA schreibt vor: „Wir wollen eine Hemisphäre, die frei von feindlichen ausländischen Eindringlingen oder deren Besitz wichtiger Vermögenswerte bleibt“, und „wir wollen unseren fortgesetzten Zugang zu wichtigen strategischen Infrastrukturen sicherstellen“.

Das ist eine große Gefahr für Russlands ohnehin wegen der gewaltigen Ausgaben für die Finanzierung des Überfalls auf die Ukraine stark strapazierten Staatshaushalt. Denn: Venezuela ist finanziell tief in Russlands Schuld. Der Kreml hat von 2006 bis 2017 Kredite in Höhe von 17 Milliarden US-Dollar an Venezuelas Regierung – meist für russische T-72-Panzer und S-300-Flugabwehrsysteme – und an PDVSA vergeben.

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Für unseren heiligen Staatskapitalismus wird es eng

Oligarch Oleg Deripaska

2017 vereinbarten Putin und Maduro wegen der Zahlungsunfähigkeit des krisengeschüttelten Venezuelas, die Rückzahlungen auf 2024 bis 2027 zu verschieben. Teilweise bediente die Regierung Maduro russische Zinszahlungen mit Öl, das Rosneft auf dem Weltmarkt weiterverkaufte – und dadurch unter US-Sanktionen gestellt wurde.

Wirtschaftsmodell bedroht

Dass aus Venezuela jetzt noch Geld an den Kreml zurückfließt, bezweifeln Ex­per­t:in­nen in Moskau. Vielmehr ist Aluminium-Oligarch Oleg Deripaska überzeugt: „Wenn unsere amerikanischen ‚Partner‘ die Ölfelder Venezuelas erreichen (die Ölfelder Guyanas haben sie bereits erreicht), werden sie mehr als die Hälfte der weltweiten Ölreserven unter ihrer Kontrolle haben“ und „darauf achten“, dass der Preis für russisches Öl „nicht über 50 Dollar pro Barrel steigt“.

Der ebenfalls unter westlichen Sanktionen stehende Vizepräsident des russischen Industriellenverbandes sieht dadurch das derzeitige Wirtschaftsmodell der Russischen Föderation gefährdet. „Für unseren heiligen Staatskapitalismus wird es eng“, so Deripaska.

Wie eng, zeigen bereits die Reaktionen Putins und der Zentralbank: Die Notenbank warnt, dass Haushaltskürzungen nötig würden, wenn der Ölpreis nicht steige. Zuletzt bekam Russland noch 34 US-Dollar pro Barrel exportierten Rohöls – das Staatsbudget plant indes mit 59 Dollar pro Fass (je 159 Liter). Putin verlangte auf der Sitzung des Rates für strategische Entwicklung und nationale Projekte, „deutlich mehr Steuern“ einzusammeln und das Wirtschaftswachstum anzutreiben. Russlands Industrie steckt in einer Rezession.

Dabei braucht der Kreml für seinen als „Spezialoperation“ verbrämten Ukraine-Überfall allein umgerechnet 120 Milliarden Euro, wie Verteidigungsminister Andrej Beloussow kürzlich erstmals öffentlich einräumte. Das entspricht gut einem Viertel des gesamten Staatshaushalts – und die Ausgaben für das gesamte Militärbudget sind noch höher.

  • informationsspiegel

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