
L iebe Schufa,
du sagst, es soll alles besser werden mit uns. Das freut mich, denn ich denke oft an dich. Du bist mein Schatten, meine Begleiterin. Als ich eine Wohnung in Berlin suchte, ein neues Bankkonto abschloss und Klamotten im Internet kaufte. Immer sitzt du mit strengem Blick auf meiner Schulter und beobachtest alles, was ich mit meinem Geld so anstelle.
Du willst ein Urteil über mich fällen. Sollte man mir Geld leihen? Zahle ich es pünktlich zurück? Eine Zahl zwischen 0 und 100 entschied über mein Schicksal. Dich komplett zufriedenzustellen, das schien unmöglich zu sein.
Ich habe große Angst vor dir. Was, wenn meine Unachtsamkeit und unbezahlte Rechnungen mal dafür sorgen, dass ich keinen Kredit bekomme, wenn ich dringend einen brauche? Ich monatelang verzweifelt eine neue Wohnung suche und mich der Vermieter wegen deinem Urteil doch nicht einziehen lässt? Immer wenn mein Daumen über die „Später zahlen“-Funktion schwebt, meldest du dich in meinem Hirn. Dass ich sie nicht nutzen muss, ist ein Privileg, das verstehst du nicht.
Ich bin nicht die Einzige, die du beobachtest. Ich muss mir da nichts einbilden. Bei fast 70 Millionen Menschen ziehst du dieselbe kontrollierende Nummer ab wie bei mir. Ob das okay ist? Das hast du wohl niemanden gefragt. Und entscheidest weiter über private Schicksale.
Viele verkennen dein wahres Gesicht, glauben, dass eine Behörde, eine staatlich kontrollierte Institution hinter dir steht. Doch so ist es nicht. Du bist eines der machtvollsten Unternehmen, besessen von Banken und Einzelhändlern, die interessiert sind an meinem Umgang mit Geld.
Über die Jahre bist du kontrollierender geworden. Wolltest mehr Informationen haben, dir Kontoauszüge anschauen und kurz speichern. Im Gegensatz dazu würdest du dir deine Einschätzung noch mal überlegen, die Leute neu bewerten. Zum Glück kam es nicht so weit.
Jetzt wirst du nun doch weicher im Alter, dich gibt es ja schon seit 1927.
Du willst dich ändern. Das haben mir schon oft Personen versprochen. Offene Kommunikation sei dir wichtig, sagst du. „Radikal“ sei deine Veränderung, sagen jetzt einige. Anhand von 12 Kriterien darf ich mich nun von dir messen lassen. Keine spät bezahlten Rechnungen? Gut. Plus 264 Punkte. Keine neuen Ratenkredite? Gut. 66 Punkte.
Es mag sein, dass du transparenter wirst, doch du bleibst unfair, magst die Armen und Jungen nicht. Wer wenig Geld hat und nicht pünktlich zahlen kann, den bestrafst du. Wer auf Raten kauft auch. Du siehst es nicht gern, wenn Leute oft umziehen. Stellst Leute unter Generalverdacht. „Es ist nichts Persönliches“, willst du dich herausreden. Nur Statistik! Leute, die jahrzehntelang an der gleichen Adresse wohnten, zahlen eben mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ihren Kredit zurück, denkst du.
Ich besitze keine Immobilie und habe daher auch nie einen Immobilienkredit besessen. Was macht das in deinen Augen mit mir? Ich bin weniger wert. Denn wer gewissenhaft sein Haus abbezahlt, der ist a) meistens reich und b) wurde durch die Bank gut geprüft. Keine 55 Punkte für mich.
Nun willst du mich neu an dich binden, für einige Euro im Monat, kannst du mich auch per Mail belästigen. „Meine Schufa kompakt“ oder „Meine Schufa plus“ nennst du dich dann und hältst mich über meine Bonität am laufenden. Doch das will ich gar nicht. Ich will nicht, dass du netter oder einfacher zu verstehen bist.
Liebe Schufa, ich will, dass du für immer gehst.







