
Für Gastgeber Äthiopien war der am Sonntag beendete 39. Staatengipfel der Afrikanischen Union (AU) am Sitz der Organisation in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba eine Steilvorlage. Das Gipfelmotto lautete „Nachhaltige Wasserversorgung und sichere Sanitärsysteme“ – Äthiopien beherbergt das größte Wasserkraftwerk Afrikas, die Talsperre „Grand Ethiopian Renaissance Dam“ (Gerd) am Blauen Nil, eingeweiht im September 2025, und ist auf diese komplett eigenfinanzierte Investition und ihre Folgen sehr stolz.
„Der wichtigste strategische Reichtum unseres Kontinents ist nicht, was wir aus dem Boden holen, sondern was wir entwerfen, bauen und lenken“, rief Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed in seiner Eröffnungsrede. „Wasser ist mehr als ein Rohstoff, es ist eine Grundlage von Entwicklung, Innovation und Stabilität. Gerd zeigt, wie afrikanischer Erfindungsgeist geteilten Wohlstand voranbringen kann.“ Er fügte an: „Hier in Äthiopien haben wir gelernt, dass verantwortungsvolles Wassermanagement zentral für kluge Entwicklung ist.“
Der Äthiopier malte ein resolut optimistisches Zukunftsbild für Afrika: lebenswerte Städte, digitalisierte Wirtschaft, menschliche Entwicklung. Mit Wasserkraft als wichtigster Energiequelle, zweistelligen Wachstumsraten, 48 Milliarden gepflanzten Bäumen, dem ersten KI-Zentrum Afrikas und Investitionen in Mütter- und Kindergesundheit sei sein Land mit 130 Millionen Einwohnern Vorreiter.
„Jedes Kind sollte wohlgenährt, lernwillig und zur Teilhabe bereit zur Schule kommen“, so Abiy. Das schnell wachsende Afrika werde bis zum Jahr 2035 mehr junge Menschen auf den globalen Arbeitsmarkt bringen als der ganze Rest der Welt – eine immense Herausforderung. „Jeder Fluss, den wir verwalten; jede Stadt, die wir bauen; jede digitale Plattform, die wir einsetzen – sie müssen Resilienz, Würde und Chancen generieren.“
Kämpfe nahe Addis Abeba
Noch während Abiy Ahmed sprach, tobten unweit von Addis Abeba Kämpfe zwischen der äthiopischen Armee und Rebellen der Amhara-Volksgruppe. Weiter nördlich steht die Region Tigray vor einer neuen Kriegsrunde, wie die ehemaligen Tigray-Rebellen in einem Brief an die AU als Garant des bestehenden Friedensabkommens warnten. Experten zufolge droht auch ein größerer Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea, Äthiopien verlangt freien Zugang zum Roten Meer. Am Wochenende berief Äthiopiens Armee alle Reservisten wieder ein.
Eskalierende bewaffnete Konflikte erleben Äthiopiens westliche Nachbarländer Sudan und Südsudan, das Leid der Menschen ist immens. Der östliche Nachbar Somalia bleibt Bürgerkriegsland, der Status der abgespaltenen Republik Somaliland ein regionaler Zankapfel. Äthiopiens Streit mit Ägypten um die Kontrolle des Nilwassers, in dem eigentlich die AU vermitteln soll, ist verbal neu aufgeflammt, seit US-Präsident Donald Trump Sympathien für Ägypten erkennen ließ, das den Gerd-Staudamm in Äthiopien als Bedrohung wertet.
Am Kontrast zwischen Worten und Realität ändert dieser Gipfel wenig. Die AU ist schwach angesichts der Häufung von Militärputschen und Wahlfälschungen, ihre Konfliktvermittlung versandet ebenso regelmäßig wie Versuche zur Verringerung ihrer Abhängigkeit von externen Gebern.
Von den neuen Leitern der AU, die jetzt ihren ersten Auftritt hatten, ist da wenig zu erwarten. Der jährlich wechselnde AU-Vorsitz geht dieses Jahr von Angola an Burundi über, also von einem der größten an eines der kleinsten Länder Afrikas, dessen Armee am Krieg in der DR Kongo teilnimmt und mit Vorwürfen von Übergriffen gegen die dortige Banyamulenge-Tutsi-Minderheit konfrontiert ist. Neuer AU-Kommissionschef ist Mahamoud Ali Youssouf, langjähriger Außenminister des kleinen Dschibuti, der sich vor genau einem Jahr in einer Kampfabstimmung mit der Unterstützung von nur 33 der 55 AU-Mitglieder gegen Kenias ehemaligen Premierminister Raila Odinga durchsetzte und sich erst noch bewähren muss.
Afrika brauche Frieden, aber dafür habe die AU ein Programm, sagte Youssouf auf der Abschlusspressekonferenz und illustrierte damit ungewollt das Problem, dass AU-Beschlüsse selten umgesetzt werden. Einer davon ist die Forderung nach ständigen Sitzen mit Vetorecht für Afrika im UN-Sicherheitsrat. Dafür fand beim Gipfel nicht die AU, sondern UN-Generalsekretär António Guterres die klarsten Worte. „Das Fehlen ständiger afrikanischer Sitze im Sicherheitsrat ist nicht zu rechtfertigen. Dies ist 2026, nicht 1946“, rief er. „Wenn Entscheidungen über Afrika und die Welt auf dem Tisch liegen, muss Afrika am Tisch sitzen.“






