„Suburbia“-Ausstellung im DAM Frankfurt: Mein Haus ist mein Castle

Grüner Rasen, weißer Zaun, blauer Himmel: Eingedenk des US-amerikanisch geprägten Popkulturwissens wartet man bloß noch auf den blanken Horror, wie ihn David Lynch der Vorstadtidylle in „Blue Velvet“ unter die hauchdünne Oberfläche setzte. Man muss in der jüngeren Kunst-, Literatur- und Filmgeschichte nicht lange nach den Abgründen von Suburbia suchen, denen auch die neue Schau im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main gebührend Platz einräumt.

Wiewohl jene Abgründe eher zum Ende des Rundgangs auftauchen, in Form von Weronika Gęsickas verfremdeten Vintage-Fotografien aus Bilddatenbanken oder der Fotografin Angela Strassheim, die Einfamilienhäuser als Tatorte sogenannter häuslicher Gewalt aufsucht. Oder Gabriele Galimbertis Fotoserie ganzer Waffenarsenale im US-amerikanischen Einfamilienhaus.

Vom Horror ganz anderer Art erzählen Benjamin Grants Luftaufnahmen US-amerikanischer Vororte – aberwitzige Formationen der Zersiedlung von Grün und Land. Dass sich über Geschmack schwer streiten lässt, belegt Kate Wagners „McMansion Hell“. Die Architekturkritikerin sammelt Beispiele jener gleichnamigen, schlossähnlichen Einfamilienhäuser der Reagan-Ära, deren Look auch im Deutschland der 1990er Jahre mancher Traumhausvorstellung zum Vorbild diente.

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Die Ausstellung

„Suburbia: Träume vom Eigenheim – Wege aus der Wohnungskrise“, kuratiert von Philipp Engel (CCCB), Jorun Jensen (DAM), Valerie Kronauer (TUM), Jan Engelke (TUM), Rosanna Umbach (MSI). Mit Begleitprogramm. Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main., bis 18. 10. 26

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Doch dies wäre nur eine von mehreren Erzählungen, die hier parallel verlaufen. „Suburbia. Träume vom Eigenheim – Wege aus der Wohnungskrise“ handelt vom Vorort, wie er in den USA geprägt wurde, aber auch in Deutschland und weltweit Einzug hielt. Zurück am alten Standort des 2025 wiedereröffneten Museums präsentiert die Frankfurter Ausstellung eine Kulturgeschichte der Vorortsiedlung, mit vielen Nebenschauplätzen, besagten Abgründen und einigen möglichen Happy Endings.

Öffentlich und privat

Der Vorort trennte öffentliche und private Sphäre in bis dato unbekannter Weise. Die erste Gated Community, wie sie heute Vorbild für zahlreiche andere Länder geworden ist, wurde bereits 1852 in New Jersey etabliert. Dabei war es anfangs keineswegs nur das Auto, sondern auch die Straßenbahn, mit der man aus Suburbia zur Arbeit pendelte. Dass fortschrittliche Entwicklungen nicht selten mit Eigennutz einhergehen, dafür lassen sich hier mehrere Beispiele finden.

So propagierte ein Einfamilienhausanbieter in den USA den Achtstundentag – damit der malochende Mann genügend Zeit hätte, von der Fabrikarbeit in den Vorort zu pendeln. Auf Weltausstellungen wurde jener Wohntypus mitsamt moderner Ausstattung für die moderne Hausfrau ebenso propagiert wie in der Sowjetunion, wo auch Richard Nixon seinerzeit vorbeischaute.

Bei dem Thema klappte der Schulterschluss zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Buster Keaton wiederum machte sich schon 1920 über den Fertighausrausch lustig, hier in Katalogform neben besagtem Kurzfilm zu sehen.

Boom nach 1945

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs boomten Suburbia-Siedlungen in den USA. Heimkehrende Soldaten erhielten besonders günstige Hypotheken, Haushaltsgerätehersteller verknüpften die romantische Liebe als Werbeversprechen mit Kühlschränken und Heizgeräten im Einfamilienhaus.

Keine vergünstigen Darlehen erhielten afroamerikanische Soldaten; wie überhaupt die sogenannte Rassentrennung bis in die 1960er Jahre fort wirkte, insbesondere auch in den Vororten. Schwarze Familien, die überhaupt die generöseren Häuser in Suburbia kaufen durften, wurden von Nachbarinnen und Nachbarn mit Protesten, Drohungen bis hin zu roher Gewalt konfrontiert.

Shing Sheng, ein Arbeiter chinesischer Herkunft, ließ seine Nachbarschaft über den Einzug ins gekaufte Einfamilienhaus abstimmen – und verlor mit 28 zu 178 Stimmen.

Dass Suburbia heute deutlich diverser ausschaut, zeigt die Schau an späterer Stelle. Nach wie vor lebt ein Großteil aller US-Amerikaner im Vorort. Wunderbar die eingestreuten künstlerischen und fotodokumentarischen Arbeiten, etwa „Suburbia“ von Bill Owens, der 1973 den Alltag in seiner Vorortsiedlung in Schwarzweißfotografien festhielt und mit originellen Bildtiteln versah.

Fokus auf Nordamerika

Die große Erzählung der Schau liegt auf Nordamerika. Wo die gesamte Popkultur von US-amerikanischen Bildern geprägt ist, da ist es freilich auch die Vorstellung vom Haus.

In einer Wohnlandschaft laufen die „Gilmore Girls“ über den Bildschirm, dazu kann man in historischen Ausgaben von Schöner Wohnen blättern und erfahren, wie der Traum vom (bausparfinanzierten) Eigenheim, von moderner Küche und bunten Plastikgeräten fürs westdeutsche Publikum medial verführerisch aufbereitet wurde.

Ein kleiner Exkurs führt zur Einfamilienhaus-Politik im Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nochmals emsiger gebaut. Dann auch geprägt durch US-amerikanische Vorbilder.

Der einstige Bundeskanzler Ludwig Erhard wohnte im modernen Bungalow – nicht ironiefrei, denkt man, wie das neu erfundene Deutschland sich an der fantastischen US-Midcentury-Architektur von zum Beispiel Neutra, Schindler oder Breuer, ihrerseits jüdische Exilanten aus einstmals Deutschland und Österreich orientierte.

Deutlich dröger demgegenüber die Häuschen, die der Künstler Peter Piller aus Fotoarchiven heraussortiert hat; darauf bescheidene BRD-Eigenheimrealität, mit Bewohnern, die den Rasen mähen.

Verbieten oder umbauen?

Dass das Einfamilienhaus mit Garten nicht besonders ressourcenschonend ist, viel Energie und Platz benötigt, ist heute bekannt. Wie schon zuvor dem Brutalismus oder auch der Neuen Altstadt in Frankfurt widmet sich das Deutsche Architekturmuseum mit „Suburbia. Träume vom Eigenheim – Wege aus der Wohnungskrise“ in der fürs Haus typischen Lust am Beleuchten unterschiedlicher Seiten einem aktuell heftig diskutierten Wohntypus.

Einfamilienhäuser ganz verbieten, während sich ein Großteil aller Deutschen ins Einfamilienhaus hineinsehnt, das heute ein Vielfaches des Jahresnettos kostet – zwischen diesen Extremen schlägt die Schau pragmatische Kompromisse vor. Studierende der TU München zeigen ein deutsches Suburbia, wie es auch möglich wäre. Statt Abriss nicht genutzter Einfamilienhäuser zeigen die kleinen Modelle Vorschläge fürs Weiter- und Umbauen, Erweitern und Teilen von Ein- in Mehrfamilienhäuser.

Damit schlägt die Ausstellung den Bogen zur lokalen Realität, den Wohnraummangel in Städten wie Frankfurt am Main. Wenn sich Umfragen aus Deutschland auf die Region übertragen ließen, wären 56.000 Wohnbesitzer bereit, ihr Haus nach Umbau zu teilen – somit könnten rund 92.000 neue Wohnungen entstehen.

Und das übrigens, ohne gravierende Einsparungen am individuellen Wohnraum.

  • informationsspiegel

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