Tanztheater über das Fremdsein: Gesten der Angst und der Hoffnung

Als innere und äußere Bewegung ist Migration per se ein Sujet fürs zeitgenössische Tanztheater, häufig aber nur als Nebenprojekt zur kulturellen Teilhabe von Geflüchteten zu erleben. Am Theater Osnabrück kommt es nun mit „All Our Stories“ auf die große Bühne.

Die Musik dazu kommt nicht aus der Retorte: Das Symphonieorchester spielt Werke des gebürtigen Syrers und heute in New York lebenden Kinan Azmeh. Er eignet sich spätromantische Klangvolumina mit elegischer Melodieführung an, konfrontiert und amalgamiert das diatonisch-chromatische Tonsystem der abendländischen mit der Mikrotonalität der morgenländischen Musik, lässt auch seine Jazz-Lust spüren, das Kompositionskorsett mit aufschwingenden Passagen einzelner Instrumente zu sprengen. Eine freundliche Einladung, es sich auf dem west-östlichen Divan gemütlich zu machen. Aber es geht ja um Migration.

Die Choreografie des englischen, aber in Barcelona beheimateten Thomas Noone will das Thema allgemein angehen. Also ans Publikum anbinden. Schließlich wisse doch jeder, so Dramaturgin Britta Horwath, wie es sei, aus dem Elternhaus zum Studium in eine andere Stadt zu ziehen oder wegen eines Jobs oder der Liebe den Wohnort zu wechseln.

Darum soll es gehen, den Aufbruch von zu Hause, sich anderswo neu zu finden, zu integrieren – anzukommen. Wozu vielleicht auch das 13-köpfige, aus neun Nationen stammende Ensemble etwas konkret beitragen könnte, diesbezüglich aber stumm bleibt, eher entindividualisiert in die Gruppenchoreografie eingeht, die vor Konkretionen abstrahierend zurückschreckt. Daher ist auch die Bühne leer, nur durch Lichtzauberei gestaltet.

Motionspartikel wie Gedanken

Zuerst kommt die „Ibn Arabi Suite“ (2013) zu Gehör. Das raumgreifend wildbewegte Ensemble deutet mit körperlichen diverse seelische Bewegungen an. Motionspartikel einzelner Tän­ze­r:in­nen greifen wie Gedanken immer wieder auf die ganze Gruppe über, die bald in eine allgemeine Drehwirbelei verfällt. Ein physischer Dynamo zur Erzeugung von Befreiungsenergie? Aufbruchspathos? Konterkarierend dazu wird nach Halt gesucht, nach Haltungen. Auch im schönen Wechselspiel von Fallenlassen und Aufgefangenwerden.

Anschließend winden sich Paare umeinander. In großen wie kleinen Gruppenbildungen werden zudem Berührungen gesucht und gefunden. Im ständigen Befingern bleiben alle einander verbunden. Lösen sich Gruppen oder Pas de deux auf, ist das nur eine Übergabe der Tän­ze­r:in­nen an neue Gruppenbildungen und Pas de deux. Sehr ideenreich, mit teilweise akrobatischen Miniaturen entwickelt Noone ein breites, partiell originelles Spektrum an Bewegungen, Bildern und Gesten der Angst, des Zauderns, der Hoffnung, des Loslassens, Miteinanders und der Enttäuschungen. Die temporeich dynamisierte Choreografie kommt in fließender Eleganz daher und ist präzise aus den Impulsen der Partitur heraus geformt.

Da die Eröffnung des Abends, vermutlich, den Entscheidungsfindungsprozess zum Aufbruch illustriert, gilt es im Folgenden, sich in der Fremde zu orientieren. Tän­ze­r:in­nen klopfen an eine bereitgestellte Wand, Fenster öffnen sich, Einlass wird erst mal nicht gewährt, doch irgendwie ein leeres Zimmer gefunden und eine Holzpritsche ausgeklappt.

Immer mehr Menschen suchen genau diesen Schlafplatz. Es entsteht eine sich auf Bett und Fußboden drängelnde WG-Notgemeinschaft – enttäuscht, in Ungewissheiten gefangen. Aber Liebe geht immer? Ein Paar ertanzt sich Nähe, kuschelt aneinander. Das Ensemble drückt Ablehnung gegen diese Verbindung aus, woraufhin sich die frisch Liierten wieder entpartnern. Aber auch vertrauensbildende Maßnahmen sind zu sehen, denn das gegenseitige Anfassen feiert einen Neustart.

Hommage an die neue Heimat

Die final gespielte „Suite for Improvisor and Orchestra“ (2007) beginnt mit einer Hommage an Azmehs neue Heimat, die multikulturelle Vitalität Harlems. Auf der Bühne wird dies mit freudigem Durcheinander gefeiert. Zur vertonten Melancholie von Azmehs Heimweh nach Damaskus flirrt die Compagnie wie Erinnerungsfiguren durch die Szene.

Zum dritten Teil des Werks, einer Hochzeitsmusik, hebt ein lebensfrohes Springen, Armeschwingen und Herumtollen an. Aus dem Orchester heraus jubiliert die Klarinette mit klarem, forschem Ton. Partystimmung. Alle finden zueinander. Furcht, Fremdheit, Einsamkeit lösen sich im neuen sozialen Kontext auf.

Dass „All Our Stories“ so enden, mag sich als realistisch ausmalen, wer aus einem anderen Bundesland nach Osnabrück zieht. Von den Entbehrungen, Gefahren und Traumata aktuell lebensbedrohlicher Migrationsbewegungen aus existenzieller Not, weiß der Abend allerdings nichts zu erzählen.

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