Thailändische Spezialitäten: „Wie, du magst keine Ameiseneier?“

Als die Eier in meinem Mund platzen, verziehe ich keine Miene, schließlich will ich ein guter Gast sein. Eingebacken in ein Omelett liegen sie vor mir. Ich hielt sie zunächst für Nüsse, Cashews vielleicht, oder irgendein lokales Superfood, das mir später als heilsam für Leber, Libido oder Langlebigkeit verkauft werden würde. Aber es sind Ameiseneier. Ich weiß, Ekel ist ein Luxusproblem, aber Probleme sind Probleme.

Mit meinem Kumpel Jan bin ich zu Besuch bei dessen Vater in Chiang Rai im Norden von Thailand. Wir hängen in seiner Villa herum. Morgens kühle ich mich im Pool ab, drei Mal am Tag wird gekocht, der Kühlschrank ist ein Bierbrunnen, und am Handgelenk des Hauseigentümers tickt eine Uhr, teurer als alle Autos zusammen, die ich jemals besessen habe. Ich bin zu Gast in dieser mir fremden Welt und sitze nun vor einem mir noch unbekannten Essen.

Das Omelett glänzt vor Öl. Es ist goldgelb, innen weich und voll mit diesen weißen glitschigen Perlen, die nicht klein genug sind, um sie zu ignorieren. Ich stochere eine heraus, lege sie mir auf die Zunge und beiße langsam drauf, bis sie zerploppt. Geschmacklich ist es eher eine philosophische Erfahrung, es schmeckt nach glibberigem Nichts mit ein bisschen Säure. In dem Moment musste ich an einen Satz denken, den mir ein Koch aus Stuttgart mal mitgab: „Esse Se Hirnsupp, man soll immer des essa, was man net kennt und net hat!“

„Jan“, frage ich und versuche mein Interesse natürlicher klingen zu lassen, als es ist, „was ist das eigentlich?“ – Er zuckt mit den Schultern. „Bestimmt irgendwas Komisches. Ameiseneier oder so.“ Er sagt das, als ob er einen Witz macht. – Tathsanee, die Frau von Jans Vater, kann kaum Deutsch, aber offenbar hat sie das entscheidende Wort verstanden. Sie blickt auf meinen Teller und nickt freundlich: „Eggs of ants.“ – Jan glaubt der Situation nicht. „Das hab’ ich nur aus Scheiß gesagt!“, ruft er. Das Schicksal hat Humor.

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Ich picke mir ein Ei heraus, seziere es wie im Biounterricht, und tatsächlich, da sind kleine Ameisenbeinchen, ein winziger Körper, ein winziges Köpflein, und alles ist noch im Stadium des Werdens. Wenn man nicht kaut, geht es gut runter. Aber mein Wissen darum, was ich esse, würzt stärker als Tathsanees Chilischoten.

Ein paar Worte zur Eierernte: Was hier so unschuldig im Omelett glänzt, ist ein wichtiger Wirtschaftszweig für die landlosen Bauern Nordthailands. Die Eier sind von der Weberameise Oecophylla smaragdina, und während der Erntesaison ziehen ganze Dorfgemeinschaften los, um die Nester aus den Bäumen zu holen. Tageslohn: um die 500 Baht, was etwa 13 Euro entspricht. Und was kostet so ein kleines Tütchen auf dem Markt in Chiang Rai? 200 Baht. Der Kaviar des Dschungels. Es ist wie Ostern, nur dass der, der die Eier findet, sie nicht selber verspeist.

Ein paar Tage später in Bangkok. „Wie? Du magst keine Ameiseneier?“, fragt Bom, die gute Seele des DoDee-Cafés im Hostel, wo ich mich vom Reichtum erhole. 40 Euro für sechs Nächte, ein Zelt und eine Matratze ohne Bettwanzen. Eine Oase in der Metropole, mit Bambus, Palmen, Bungalows. Ein Ort, so leise und schüchtern, dass er errötet, wenn die Sonne ihn beim Untergang küsst.

„Ich weiß nicht, was überwiegt“, sage ich. „Der Geschmack vom Nichts? Die Konsistenz? Der Glibber? Das Mundgefühl, wenn sie zerploppen?“ – „Oh, ich liebe sie“, sagt Bom. „Es ist mein absolutes Lieblingsessen.“

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Die Ernte ist wie Ostern. Nur dass der, der die Eier findet, sie nicht selber verspeist

Ich zögere einen Moment und frage mich, ob ich einen kleinen Exkurs über die Bauern wagen möchte, die für ein paar Hundert Baht in die Bäume klettern. Ich spreche es aus und bekomme ein weiteres Schulterzucken. „Karma“, sagt sie emotionslos, als spräche sie von einer Statistikvorlesung.

Wer im letzten Leben Fehler gemacht hat, muss sie in diesem ausbaden. Dann kann er im nächsten vielleicht Mittelklasse fahren. Die Karmastatistik funktioniert aber auch andersrum. „Wer sagt denn, dass so ein Ameisenbauer sich nicht wie der König von Thailand fühlt?“, sagt Bom. Was sie meint: Vielleicht hat er einen Quantensprung hingelegt und war im letzten Leben ein Tier. Eine Ratte, eine von denen, die in den Sextourismusvierteln im Abfall wühlen.

„Vielleicht war er aber auch eine sehr fleißige Ameisenkönigin mit unzähligen Babys“, sage ich. – Dann, findet Bom, könne man ihm nur gratulieren.

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