N och nie wurde im Internet so viel über die Daseinsberechtigung von Oper und Ballett diskutiert. Nicht, weil die Neuinterpretation einer Mozart-Arie whack war oder die Tutus im Schwanensee zu kurz – das sind sonst die heißen Themen der Opern- und Ballettwelt, oder? –, sondern weil der US-amerikanische Schauspieler Timothée Chalamet gegen die alten Kunstformen ausgeteilt hat.
„Ich möchte nicht in der Oper oder im Ballett arbeiten“, sagte er, „Dinge, die am Leben erhalten werden müssen, obwohl sie allen egal sind.“ Bei einem von Variety und CNN ausgerichteten Gespräch zwischen ihm und seinem Kollegen Matthew McConaughey sprach der 30-Jährige über seine Motivation beim Schauspielen, da rutschte ihm dieser Satz raus.
„Mist, ich hab gerade 14 Cent Zuschauereinnahmen verloren“, witzelte er weiter. Manche wollen darin jetzt sogar den Grund erkennen, warum Chalamet, der für seine Darstellung des Marty Mauser in „Marty Supreme“ für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert ist, wohl nicht gewinnen wird. Der Auftritt habe seiner Kampagne geschadet.
=”” span=””>
=”” div=””>
Dabei ist Chalamets Diss womöglich nicht weniger als die beste Werbung für Ballett und Oper, die es seit deren Erfindung irgendwann im 15. bzw. 16. Jahrhundert gegeben hat. Dutzende Promis verteidigten die Genres, darunter Jamie Lee Curtis, die ein Video teilte, in dem Chalamet dafür kritisiert wird, KI nicht als gemeinsamen Feind zu erkennen. Eva Mendes fand mit „I Care!“ tröstende Worte und Doja Cat nannte Ballett „fucking beautiful“.
Opernhäuser nutzen seine Aussagen für Content
Ein Kommentar nach dem anderen erschien außerdem in Zeitungen, darüber, dass der Schauspieler ganz falsch liegt, er Philister ist, dazu noch respektlos, und dass ihn die Oper überleben wird. Und auch einige Kanäle von Opern- und Balletthäusern nutzen die ganze Aufmerksamkeit, um Content rund um den Chalamet-Shitstorm zu posten oder seine Aussagen öffentlich zu kritisieren.
Dass aus zwei Sätzen überhaupt eine derartige Kontroverse, eine eskalierende Kulturdebatte werden konnte, ist beeindruckend. Timothée Chalamet interessiert sich nicht für Oper und Ballett – who cares?
Aber, na gut. Etwas solidarischer könnte sich Chalamet mit seinen Künstlerkolleg_innen schon zeigen. Schließlich strotzt Kino, die Kunstform, die er für relevant genug hält, um seine Karriere darauf zu bauen, auch nicht gerade vor wirtschaftlicher Sicherheit. Überall auf der Welt schließen Kinos, Filme nehmen ständig zu wenig Geld über verkaufte Tickets ein und Schauspieler_innen betteln bei Preisverleihungen förmlich darum, dass Leute Filme noch auf der großen Leinwand sehen.
Wenigstens sind nicht alle Antworten unauthentisch und von PR-Berater vorbereitet
Ganz falsch liegt Timothée Chalamet mit seiner Kritik trotzdem nicht. Oper und Ballett sind nicht gerade Unterhaltungsformen, die besonders zugänglich sind. Wenn Tenöre mit halsigen Stimmen und in pompösen Kostümen um Frauen werben, ist das für die meisten weder inhaltlich besonders ansprechend noch preislich. Nicht nur die sauteuren Tickets muss man sich leisten können, sondern auch die drei Plus-Stunden Zeit, die dafür draufgehen, und den Anzug oder das Kleid, um zwischen den überwiegend schnöseligen, alten Leuten nicht aufzufallen.
„Damn, I just took shots for no reason“, also: „Verdammt, ich hab grade komplett grundlos ausgeteilt“, sagte er im Gespräch mit McConaughey noch, weil er natürlich merkte, wie unnötig und aus dem Nichts sein Kommentar plötzlich kam. Und das macht ihn schon wieder sympathisch. Wenigstens sind nicht alle Antworten unauthentisch und von PR-Berater_innen vorbereitet – sonst gäbe es solche Kulturdebatten gar nicht erst.






