Tödliche Gewaltserie in Schweden: 15-Jährige unter Doppelmord-Verdacht

Das Jahr hatte gut begonnen in Schweden: Der Januar war der erste Monat ohne tödliche Schusswaffengewalt nach fast acht Jahren. Doch eventuelles Aufatmen war verfrüht, im März kam der Rückschlag. Allein seit vergangener Woche fielen Schüsse an fünf verschiedenen Orten, vier junge Menschen starben, ein fünfter überlebte. Auch ohne abgeschlossene Ermittlungen wird davon ausgegangen, dass die Taten ihren Hintergrund in der Bandenkriminalität haben.

Drei Dinge stechen nach dieser Horror-Woche besonders hervor. Ein 20-Jähriger aus Örebro wurde mutmaßlich Zufallsopfer, die Tat soll jemand anderem gegolten haben. In einem Fall südlich von Stockholm betrat ein maskierter Täter mit gezogener Waffe mitten am Tag einen Linienbus, schoss vor den schockierten Passagieren gezielt auf einen 18-Jährigen und entkam unerkannt. Das Opfer starb später an seinen Verletzungen.

Und schließlich: Ein 15-jähriges Mädchen, laut Aftonbladet der Polizei bis dahin völlig unbekannt, steht nun unter Doppelmord-Verdacht. Sie soll diesen Montag einen 17-Jährigen an einem Stockholmer Vorort-Sportplatz erschossen haben, und am Mittwoch einen 15-Jährigen im 600 Kilometer entfernten Malmö. Beide Taten wurden von Überwachungskameras gefilmt. Gegen sie beantragte die Staatsanwaltschaft am Freitag nun Untersuchungshaft für sie.

Im Malmö-Fall stehen mit ihr ein 17-Jähriger unter Mordverdacht und ein polizeibekannter 35-Jähriger unter Verdacht der Beihilfe.

Auch Mädchen sind gewaltbereit

Die Zeitung Sydsvenskan zitiert einen Polizisten, der das Überwachungsvideo aus Malmö gesehen habe: „Ich hätte mir nicht in meiner wildesten Fantasie vorstellen, wie ein Mädchen in dem Alter so etwas tun kann“, sagte er.

Sozialarbeiterin Anna-Hedin Ekström, die zu Frauen im kriminellen Milieu promoviert, sagte hingegen dem Sender SR, Mädchen seien „dazu in der Lage und manchmal auch willens“. Nach ihren Erkenntnissen spielen Mädchen in kriminellen Netzwerken eine größere Rolle als bisher meist angenommen. So liefen sie häufig unter dem Radar, was Kriminellen die Sache leichter machen würde.

Ein Polizeisprecher aus Stockholm nannte es dem SR gegenüber eine „unerhört tragische Entwicklung“, dass Mädchen nicht mehr „nur“ Drogen oder Waffen transportierten, sondern selbst Mordtaten ausführten.

Starker Rückgang tödlicher Bandengewalt seit 2022

Die Reaktion des schwedischen Justizministers auf die jüngste Gewaltserie klang leider vertraut: „Schweden hat weiterhin ein Gewaltniveau, das keine anständige Gesellschaft tolerieren kann“, sagte Gunnar Strömmer (Moderate) der Zeitung Expressen. Er wies aber darauf hin, dass die tödliche Gang-Gewalt seit 2022 um die Hälfte zurückgegangen sei. „Das bedeutet aber auch, dass die Hälfte noch da ist.“

Magdalena Andersson, Parteichefin der Sozialdemokraten, sagte auf ihrem Instagram-Kanal, Schock und Sorge verbreiteten sich nicht nur bei den direkt Betroffenen. „Die Gesellschaft wird geschwächt, wenn das Vertrauen untergraben wird“, so die Vorsitzende der größten Partei Schwedens, derzeit in der Opposition. Der Gewalt müsse mit einer geeinten Widerstandskraft der Gesellschaft begegnet werden.

Dass das Jahr nicht so gewaltfrei weiterging, wie es angefangen hatte, überrascht Manne Gerell nicht. Der Kriminologe an der Universität Malmö sagte dem Svenska Dagbladet: „Es war eine Zeit lang sehr ruhig, ein bisschen zu ruhig.“ Ein so deutlicher Rückgang der Gewalt in so kurzer Zeit wäre unrealistisch gewesen. „Es stand zu erwarten, dass es wieder losgehen würde.“

Präventive Polizeiarbeit verbessert

Insgesamt geht die Schusswaffengewalt in Schweden seit etwa zwei Jahren zurück. Das liege teils an besserer vorbeugender Polizeiarbeit, teils daran, dass viele Bandenanführer inzwischen gefasst worden seien. Laut Gerell kann es sich aber auch um Zufälle und eine natürliche Variation handeln, ebenso wie das plötzliche Wiederaufflammen.

An das Phänomen immer jüngerer Auftragsmörder musste sich Schweden in den vergangenen Jahren gewöhnen. Sie werden meist über soziale Medien rekrutiert und mit Versprechen auf schnelles Geld gelockt. In Fällen von Jugendlichen, die bereits wegen vergangener Probleme in geschlossenen Einrichtungen leben, auch mit Fluchthilfe.

Eine Reaktion der Regierung darauf sind die Pläne, das Alter für Strafmündigkeit bei schweren Gewalttaten auf 14 herabzusetzen und Gefängnisstrafen statt Unterbringung in einer sozialen Einrichtung zu ermöglichen. Auch darf die Polizei inzwischen auch Kinder unter 15 heimlich elektronisch überwachen. Zuvor hatte sie bereits andere ausgeweitete Befugnisse bekommen, zudem wurde das Strafmaß für zahlreiche Taten erhöht.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Schutz der Hochsee: Deutschland will doch noch mitmischen
    • March 27, 2026

    Jetzt steht es fest: Die Bundesrepublik wird dem von Um­welt­schüt­ze­r:in­nen bejubelten internationalen Vertrag beitreten. Gerade noch rechtzeitig. mehr…

    Weiterlesen
    Vom Basketballtrainer bedrängt?: Belästigte Frauen vor Gericht
    • March 27, 2026

    Basketballerinnen eines Berliner Vereins beanstanden grenzüberschreitendes Verhalten des Trainers vom Männerteam. Nun müssen sie sich verteidigen. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Schutz der Hochsee: Deutschland will doch noch mitmischen

    • 4 views
    Schutz der Hochsee: Deutschland will doch noch mitmischen

    Vom Basketballtrainer bedrängt?: Belästigte Frauen vor Gericht

    • 2 views
    Vom Basketballtrainer bedrängt?: Belästigte Frauen vor Gericht

    Bahn-Bilanz für 2025: Milliardenverlust trotz Fahrgastrekord

    • 3 views
    Bahn-Bilanz für 2025: Milliardenverlust trotz Fahrgastrekord

    Kandidat für Schach-WM gesucht: Teutonischer Stil und eine frühe Feuerprobe

    • 3 views
    Kandidat für Schach-WM gesucht: Teutonischer Stil und eine frühe Feuerprobe

    Foodtrend aus Japan: Neuer Player im Cheesecake-Game

    • 4 views
    Foodtrend aus Japan: Neuer Player im Cheesecake-Game

    Tödliche Gewaltserie in Schweden: 15-Jährige unter Doppelmord-Verdacht

    • 3 views
    Tödliche Gewaltserie in Schweden: 15-Jährige unter Doppelmord-Verdacht