Tödliche Messerattacke in Uelzen: Rechtsextreme Motivation wird immer wahrscheinlicher

8. September 2025: Ein 26-jähriger Deutscher geht in Uelzen auf zwei migrantisch gelesene Minderjährige los. „Ihr seid nicht die ersten Ausländer, die ich kaputt schlage“, soll er zu ihnen gesagt haben, so eine anonyme Quelle gegenüber der taz. Er bedroht sie und zeigt ihnen das Beil und die Axt, die er mit sich trägt. Er wird festgenommen, die Polizei geht nicht von einem „fremdenfeindlichen“ Motiv aus. Das Ermittlungsverfahren wird kurze Zeit später aufgrund einer Opportunitätsentscheidung eingestellt.

„Opportunitätsentscheidung“ – das bedeutet: im Ermessen der Polizei oder der Staatsanwaltschaft wäre ein Verfahren nicht verhältnismäßig. Es wird aufgrund geringer Schuld oder mangelndem öffentlichen Interesses eingestellt, meistens, um die Behörden zu entlasten.

11. Januar 2026: Derselbe Mann sticht dem 30-jährigen Ayoub F. in der Uelzener Innenstadt mit einem Küchenmesser in den Rücken. Er trifft die Lunge und Aorta, Pas­san­t*in­nen rufen einen Rettungswagen. Ayoub F. stirbt wenige Stunden später im Krankenhaus an den schweren Verletzungen.

Wieder wird der Mann festgenommen, wieder geht die Polizei zunächst nicht von einem fremdenfeindlichen Motiv aus. Gegenüber der Lokalzeitung az-online heißt es: „Gleichwohl das Opfer tatsächlich nicht deutscher Staatsangehöriger ist, liegen greifbare Anhaltspunkte dafür, dass es sich um eine ausländerfeindlich oder religionsfeindlich motivierte Tat handelt, zum jetzigen Zeitpunkt nicht vor“. Ayoub F. kommt aus Algerien. Die örtliche AfD spricht von einem „bundesweiten Messertrend“, es wird gefordert, die Nationalität und den Namen des Täters öffentlich zu machen – bis herauskommt, dass dieser Deutscher ist.

Was ist eigentlich in Uelzen los?

Die AfD ist in Uelzen im Stadt- und Kreisrat mit zwei Abgeordneten vertreten. In letzter Zeit soll sich die Lage zugespitzt haben: Immer häufiger seien eindeutig gekleidete Nazis aufgetaucht, so berichtet es eine Person der Antifa, die aufgrund der sich häufenden Bedrohungen anonym bleiben will.

Die Person erzählt von 12-Jährigen, die Springerstiefel, weiße Schnürsenkel und Bomberjacke tragen. Von Antifaschist*innen, die auf offener Straße bedroht werden. Von einem bundesweit vernetzen Kampfsportler, der mit Hakenkreuzflagge und Maschinengewehr posiert und Naziaufmärsche organisiert. Von Rechtsextremen, die Plätze, an denen linke Kundgebungen angemeldet werden, im Vorhinein mit Buttersäure beschmutzen. Und: von der Polizei, die häufig keinen Handlungsbedarf sieht.

Olaf Meyer von der antifaschistischen Aktion Lüneburg/Uelzen hat schon andere Zeiten erlebt. „Da ist man etwas abgeklärter“, sagt er. „Es gibt in Uelzen keine organisierte Nazistruktur mehr. Von den rechten Skinheads aus den Baseballjahren sind eigentlich nur noch Rechtsrockgruppen übrig geblieben. Aber alle paar Jahre ploppen hier junge Nazis auf.“ Ein maßgeblicher Kader der jungen Nationalisten soll vor kurzem in die Region gezogen sein, man müsse beobachten, was das mit der rechten Szene mache. Die langjährige Erfahrung mache ihn auch misstrauisch gegenüber der Polizei: „Sobald die Polizei sagt: da ist nichts, wissen wir: da ist auf jeden Fall was.“

In den Sozialen Medien heißt es immer häufiger: Der Mann, der Ayoub abgestochen hat, das war ein Nazi. Ein Foto von dem mutmaßlichen Täter geht rum, es zeigt ihn beim Hitlergruß. Mehrere Menschen, die antifaschistische Recherchearbeit in der Region leisten, sagen gegenüber der taz: Der Täter sei ihnen zwar vorher nicht bekannt gewesen, sie gehen jedoch stark davon aus, dass er rechtsextrem sei.

Auch bei der Staatsanwaltschaft seien mittlerweile „weitere Hinweise über den Beschuldigten eingegangen, die eine fremdenfeindliche Grundhaltung seinerseits nahelegen“. Die Ermittlungen dauern noch an. Die neuen Hinweise würden auch die Tat im September „in einem anderen Licht erscheinen lassen, das entsprechende Verfahren ist aber bereits abgeschlossen, kann aus Rechtsgründen auch nicht wiederaufgenommen werden“, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Der Beschuldigte solle außerdem fachpsychiatrisch untersucht werden.

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