Tourismus im Jahr 2026: Endloses Wachstum ohne Vision

D ie Internationale Tourismusmesse in Berlin (ITB) hat ihr 60-jähriges Jubiläum. Sie steht für eine Erfolgsgeschichte. Tourismus trägt mit 10 Prozent zum globalen Bruttoinlandsprodukt bei und die Prognosen sind bestens: Bis 2035 wird eine jährliche Wachstumsrate von 3,5 Prozent erwartet. Und, so darf man vermuten, ohne Einschränkungen durch Klimakrise, der Kritik am touristischen Flugverkehr, den Problemen eines Übertourismus.

Christel Burghoff

ist Soziologin und lebt als freie Autorin in Frankfurt am Main.

Und auch die Verbraucher machen nicht wirklich mit bei der ökologischen Wende: Zwar möchte ein Großteil der Bevölkerung gerne nachhaltige Urlaubsreisen unternehmen, aber die Buchungszahlen für nachhaltig zertifizierte Reiseangebote bleiben gering, ebenso wie die Nutzung von CO₂-Kompensationsmöglichkeiten. Besonders die Zunahme an Flugreisen zeigt, dass klimafreundlichere Alternativen für die meisten aktuell keine Option sind.

Initiativen für einen nachhaltigen und sozialverantwortlichen Tourismus, die sich alle Jahre wieder auf der ITB treffen, melden sich zwar weiterhin zu Wort, aber ihre Stimmen verblassen. Ihre Forderungen sind hochaktuell, aber die Umsetzung eines ökologischen und sozialverträglichen Reisens ist im „Big Business“ nur eine Randnotiz – auch wenn Nachhaltigkeit in jedem Geschäftsbericht prominent aufgeführt wird.

Stattdessen arbeitet die Messe mit einem neuen „Premiumpartner“ zusammen: „Um das Potenzial des Naturtourismus in den Fokus zu rücken und aufzuzeigen, warum die gezielte Steuerung von Tourismusströmen entscheidend für die Zukunft des nachhaltigen Reisens ist, wird Airbnb-‘Chief Strategy Officer’ Nathan Blecharczyk auf der ITB über das Engagement von Airbnb für ländliche Regionen sprechen“. Ein Wolf im Schafspelz, der eine neue Marktnische wittert?

Wie gelingt Naturschutz bei touristischer Erschließung?

Das Interesse an Reisen in die Natur ist traditionell hoch. In einer digitalisierten Welt könnte Natur noch begehrter werden, möglicherweise als letzte Oase sinnlicher Erfahrung. „Das Ziel der Zusammenarbeit der Messe und Airbnb sei es ländliche Regionen als touristische Chancenräume zu entwickeln“, sagt Deborah Rothe, die Direktorin der ITB. Dies könne zur Entlastung klassischer Hotspots beitragen und eröffne in strukturschwachen Regionen touristisches Potenzial.

Ein ernstzunehmendes Argument, aber der Schutz der Natur bei gleichzeitig sanfter touristischer Erschließung, den bislang vor allem die ökologische Bewegung im Tourismus forderte, könnte mit Airbnb auf die gewinnträchtige Inwertsetzung noch der letzten Almhütte reduziert werden. Bei Airbnb versteht man sich vor allem auf den Verkauf eines alternativen Lebensgefühls. Airbnb ist der Star der Sharing-Economy. Ein Modell, an dem viele teilhaben, aber vor allem mitverdienen können. Airbnb steht für Marktlogik. Und deren Nebenwirkungen: Eine Durchökonomisierung privater Wünsche und Interessen und nicht zuletzt des ökologischen Denkens selbst – was Idealisten weiter ins gesellschaftliche Aus drängt, sie zu realitätsfernen Visionären abstempelt.

Nachhaltige Mobilitätslösungen und Zertifizierungen

Dabei gibt es längst viele Akteure der Branche, die ihren wirtschaftlichen Erfolg nicht nur an monetären oder quantitativen Zielen, sondern auch an ihrem Beitrag zum Gemeinwohl messen. Sie bemühen sich um ein wertschätzendes Personal- und Arbeitszeitmanagement, um Fachkräfte zu gewinnen und zu sichern. Einige unterstützen nachhaltige Mobilitätslösungen, folgen zirkulär wirtschaftlichen Prinzipien oder gehen den Weg einer Nachhaltigkeitszertifizierung.

Wissenschaftler des Zentrums für nachhaltigen Tourismus fordern außerdem, dass eine nationale Tourismusstrategie Nachhaltigkeit vor allem durch verbesserte innereuropäische Abstimmung und ausgeweitete Bahnverbindungen fördern kann. Dazu gehöre auch der dauerhafte Erhalt eines preisstabilen Deutschlandtickets.

Wenn der Soziologe Ingolfur Blühdorn eine Krise des öko-emanzipatorischen Projekts konstatiert, dann auch wegen des politischen Bedeutungsverlustes, den das Nachhaltigkeitsthema erfährt. Lange hätten die sozialen Bewegungen propagiert, dass weniger Konsum, weniger Tempo und eine stärkere Konzentration auf das Kleine und Lokale mehr Erfüllung bringen würden. „Small is beautiful!“, klingt wie ein Ruf aus ferner Zeit. Denn Ökoorientierung bedeutet auch Begrenzung. Und Begrenzung ist das Letzte, was heutzutage der Tourismus auf dem Programm hat.

Die digitale Gesellschaft mit ihrer Medialität und Schnelligkeit und ihren Chancen auf Teilhabe im sozialen Raum stößt neue Begehrensdynamiken an. Influencer setzen neue Maßstäbe für die Kultur des Reisens, Hotspots werden von heute auf morgen kreiert. Reisen und dafür zu posieren ist mehr denn je zum Geschäftsmodell geworden. Anbieter und Destinationen bewerben so ihre Angebote.

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Das Hippieflair ist Historie

Tourismus ist eingebettet in eine entgrenzte Konsumkultur, für die es Diversifizierungen und Differenzen der Produktpalette, aber keine Alternativen mehr gibt. Und wo Alternativen existierten, sind sie eingemeindet. Selbst Pilgerwege sind Teil des standardisierten Angebots. Flug inklusive, Vorbuchen sowieso, perfekte Planung. Auf dem legendären Camino nach Santiago in Spanien bewegen sich heute zunehmend Urlaubspilger aus aller Welt mit einem engen Zeitbudget. Das Hippieflair ist Historie.

Nicht alle Welt kann reisen. Selbst im reichen Deutschland konnten sich 20,8 Prozent der Bevölkerung keine einwöchige Urlaubsreise leisten. EU-weit waren das in 2024 sogar 25,8 Prozent. Aber weltweit sind immer mehr Menschen auf Urlaubsreisen unterwegs, und zwar weit entfernt von einem Nord-Süd-Gefälle. Federführend sind die wohlhabenden globalen Mittelschichten.

Dabei steigen die Ressourcen– und Umweltbelastungen. Durch Flüge, die Internetnutzung und den absoluten Willen zur Party. Dachte man bei Kreuzfahrten bislang vor allem an Seniorenreisen, so rückt jetzt die Jugend nach. 25 Prozent der Gen Z waren bereits auf Kreuzfahrt, doch 59 Prozent haben Interesse daran, ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage. Sie schätzen dabei das standardisierte Angebot und die Möglichkeit, mehrere Reiseziele in kurzer Zeit zu erkunden sowie ein abwechslungsreiches Freizeitangebot an Bord. Alles, was einmal als spießig galt.

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