Verletzungsmisere im Skisport: Frei Fahrt für Hasardeure

Kitzbühel taz | Es ist bei nahezu jedem Ski-Alpin-Weltcup der gleiche Irrsinn. Die Meldungen über schwere Stürze und Verletzungen reißen nicht ab. Dies ist seit Jahrzehnten so, und die darauffolgende Debatte über die Sicherheit im Skirennsport ebenso. An diesem Wochenende rasen die Männer die gefährliche Kandahar-Piste in Garmisch-Partenkirchen hinab.

Vergangenes Wochenende taten sie dies auf der Streif in Kitzbühel. Dabei zog sich der Oberfranke Jacob Schramm (26) bereits im Training bei einem Sturz eine Gehirnerschütterung sowie einen Kreuzbandriss in beiden Knien zu, was das Saisonaus bedeutete.

Auf Instagram teilte Jacob Schramm neulich mit: „Das linke Knie war einige Minuten luxiert und erlitt dadurch Risse des vorderen und hinteren Kreuzbands und einiger Muskelstrukturen.“ Nach bereits zwei Operationen soll noch eine dritte erfolgen. Schramm hofft, wenn alles gut läuft, dass er das nächste Rennen in 18 bis 20 Monaten wieder fahren kann. Der Bundes­trainer Christian Schwaiger sagte der taz in Kitzbühel: „Es ist zum Verzweifeln, wie viele Ausfälle wir in den letzten Jahren hatten. So kann es nicht weitergehen.“

Abflug im Helikopter

Auch die tschechische Rennfahrerin Tereza Nová (26) musste nach ihrem Trainings-Horrorsturz beim Weltcup in Garmisch am 24. Januar mit dem Helikopter ins Unfallkrankenhaus geflogen werden. Sie erlitt unter anderem ein Hirnödem und wurde ins künstliche Koma versetzt. Beim Rennen am vergangenen Samstag in Garmisch brach sich die Österreicherin Nina Ortlieb (28) erneut den rechten Unterschenkel.

In ihrer bisherigen Skikarriere hatte sie schon 23 Operationen (!) zu überstehen. Ende Dezember hatte der Zweifach-Abfahrtssieger von Kitzbühel im Jahr 2024, Cy­prien Sarrazin (30) aus Frankreich, auf der Eispiste in Bormio sturzbedingt eine schwere Hirnverletzung davongetragen und plagt sich seither mit Sehstörungen.

Während die italienische Rennläuferin Sofia Goggia (32) davon sprach, die Skier seien gefährliche Waffen geworden, reagierte der Schweizer Überflieger Marco Odermatt (27) in Kitzbühel eher fatalistisch auf die Frage, ob das Skimaterial von seiner Warte aus zu aggressiv sei und der Skiweltverband (FIS) dagegen steuern müsse: „Wir können vielleicht mit den Skischuhen fahren, dann wäre es weniger schnell, weniger aggressiv.“ Geschwindigkeit mache den Abfahrtssport nun mal aus, jeder wisse, dass es gefährlich sei, so Odermatt. Er ist allerdings einer von wenigen im alpinen Skizirkus, die bisher von schweren Verletzungen verschont geblieben sind.

Krisengipfel zur Verletzungsserie geplant

Bei der am 4. Februar beginnenden alpinen Ski-WM in Saalbach-Hinterglemm soll es einen Krisengipfel zum fortwährenden Verletzungsfiasko geben. Allein die möglichen Folgen, dass Eltern ihren skibegeisterten Kindern zukünftig vom Skirennsport abraten werden, hat die Funktionäre aufgeschreckt. Der FIS-Renndirektor für die Speeddisziplinen Hannes Trinkl plädiert dafür, die Carbon-Schützer im Inneren der Skischuhe zu verbieten.

Weiter fordert Hannes Trinkl: Auch die Rennanzüge sollen aus einem Einheitsstoff bestehen, der die Geschwindigkeit minimiere. Selbst bei einem Sturz auf dem Eis wäre ein dickerer und weniger rutschintensiver Stoff eine wichtige Verbesserung. Und auch schnittfeste Rennanzüge sind angesichts der teils schweren Schnittverletzungen durch die messerscharfen Skikanten ein dringendes Gebot.

Der norwegische Skiprimus Aleksander Aamodt Kilde (32) hatte sich im Januar 2024 bei seinem Sturz im Zielhang der Lauberhorn-Abfahrt damit fast den Unterschenkel abgetrennt. Beim Charity-Slalom-Race vergangenen Samstag in Kitzbühel fuhr er zwar schon wieder mit. Ob er angesichts der Bewegungseinschränkungen jemals wieder in den Weltcup zurückkehrt, ist aber völlig ungewiss.

Schon die Einführung der Airbagpflicht für alle Rennfahrer seit dieser Saison gestaltete sich nicht un­pro­ble­matisch. Einige Fahrer bestanden auf einer Ausnahmegenehmigung zum Nichttragen des bestenfalls lebensrettenden Utensils. Der Südtiroler Abfahrtsstar Dominik Paris (35) verweist indes auf die Eigenverantwortung der Athleten, Fahrlinie und Geschwindigkeit nicht zu überreizen.

Es bleibt abzuwarten, wie es weitergeht. Die Prognose fällt nicht allzu schwer. Heftige Stürze und Verletzungen wird es im alpinen Skisport auch in Zukunft geben.

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