
Gleich drei rechte Demonstrationen hielten Berlins Antifaschist:innen am Samstag ordentlich auf Trab. Zur Siegessäule hatte unter anderem Xavier Naidoo mobilisiert, der neben seinem musikalischen Comeback, gerade wieder öffentlich Verschwörungsideologie verbreitet. Angemeldet waren 10.000 Teilnehmende, gekommen waren schätzungsweise rund 500. „Transparenz, Rechtsstaat und Schutz von Minderjährigen“ lautete das Motto der Demonstration. Gefordert wurde die „Aufklärung im Kontext möglicher deutscher Bezüge im internationalen Epstein-Komplex“.
Tatsächlich schallen an diesem Tag obskure Verschwörungsideologien über den Platz, die teilweise an die antisemitischen Ritualmord-Legenden aus dem 12. Jahrhundert erinnern. Die Intimpflege von Kindern in Krippen sei eine „perfekte Vorarbeit für Pädophilie“, meint eine Rednerin. Eine andere, die angibt, Psychotherapeutin zu sein, spricht davon, dass Betroffene ihr von „Praktiken berichten, die bis hin zu Kannibalismus reichen“. Eine Frau im Publikum geht gar davon aus, in Salami und anderen Produkten befinde sich menschliches „Trockenfleisch“. Ähnliches hatte auch Naidoo vor wenigen Wochen bei einer Demonstration vor dem Kanzleramt in Berlin behauptet. Naidoo sprach dort von „Menschenfressern“ und „embryonalen Gewürzen“ in Kartoffelchips.
Eine weitere Rednerin ist die extrem rechte Michelle Gollan. Ihr sei es „egal“, dass sie in den Medien als „rechtsextrem dargestellt werde“, ruft sie und bekommt Applaus aus der Menge. Mit Blick auf den „Epstein-Komplex“ meint Gollan: „Wenn man da erstmal reinblickt, dann sieht man erstmal, wie tief der Sumpf ist“. Ein anderer Redner meint, es gehe nicht um „links oder rechts“, sondern um den Kampf gegen „die Eliten“. Als er das Publikum fragt, wer von den Teilnehmenden rechts eingestellt sei, strecken fast alle ihre Arme nach oben.
Angezogen von der verschwörungsideologischen Zusammenkunft waren auch extrem rechte „Vorfeld“-Medien, darunter Compact, der Sender AUF1, sowie zahlreiche Streamer.
Die Stimmung im Publikum war emotional aufgeladen. Als eine Frau auf der Bühne von eigenen Missbrauchs-Erfahrungen berichtet, sind einige im Publikum den Tränen nahe. Das perfide: tatsächlich befinden sich unter den Teilnehmenden auch Menschen, die angeben, selbst im Kindesalter von sexueller Gewalt oder Misshandlung betroffen gewesen zu sein. Naidoo instrumentalisiert nicht nur das Leid von Betroffenen, sondern nutzt die Veranstaltung auch als Promo für seine Musik.
Neonazis am Potsdamer Platz und in Marzahn
Von Gegenprotesten war an der Siegessäule weit und breit nichts zu sehen. Hingegen versammelten sich schätzungsweise etwa 200 Antifa-Aktivist:innen auf dem Potsdamer Platz, um gegen einen Aufmarsch von Neonazis zu demonstrieren. Bei den Demonstrierenden herrschte ausgelassene Stimmung. Etwa 40 Neonazis hatten sich auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes unter dem Slogan „Freiheit für alle politischen Gefangenen“ versammelt. Gemeint waren damit etwa der NSU-Unterstützer Ralph Wohlleben und auch die inzwischen verstorbene Holocaust-Leugerin Ursula Haverbeck.
Gekommen waren auch die Neonazis Thomas Wulff und Christian Worch, die auch den Ton bei der Demonstration angaben. Worch und Wulff sind seit Jahrzenten Kader der deutschen Neonazi-Szene. Der mehrfach verurteilte Worch hat sich an diesem Tag offenbar selbst ein „Geschenk“ gemacht, denn es ist sein 70. Geburtstag.
Doch gute Laune kommt bei den Neonazis nicht auf. Mit biederen Mienen stehen sie sich auf dem Potsdamer Platz zunächst mehr als eine Stunde die Beine in den Bauch, bevor sie ihren Aufmarsch durch Mitte antreten. Einer der Neonazis raunt in eine Kamera, für „Winke Winke“ sei er mal „politischer Gefangener“ gewesen. Gemeint ist damit wohl das Zeigen eines Hitlergrußes. Ein anderer Neonazi trägt offen ein Tattoo mit Totenkopf der SS auf seiner Haut. Einige der Teilnehmenden sind etwa aus Sachsen und Brandenburg angereist, manche von ihnen sind augenscheinlich nicht über 16 Jahre alt. Und auch Jungnazis der Gruppe „Deutsche Jugend voran“ sind unter den Teilnehmenden, sowie einige Mitglieder der Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ der Neonazi-Partei die Heimat (ehemals NPD).
Auch in Marzahn marschierten an diesem Samstag laut Polizeiangaben etwa 160 stramme Neonazis auf. Mobilisiert hatte die extrem rechte und völkische Kleinstpartei „Der Dritte Weg“ wie auch im letzten Jahr unter dem Motto „Unsere Alternative heißt Revolution“. Auch hier versammelte sich antifaschistischer Gegenprotest.
Erfreulicher an diesem Samstag: Währenddessen in Mitte und Marzahn Neonazis aufmarschierten, forderten zahlreiche Menschen vor dem Brandenburger Tor für die Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens.







