Wachstumsideologie in Games: Friedrich Merz würde dieses Spiel hassen

„Tiny Bookshop“ ist ein grausames Cozy Game. Wie jeder gute Kapitalist wollte ich in Bookstonbury, einem fiktiven Küstenstädtchen, Mie­te­r:in­nen aus ihren Wohnungen werfen. So hätte ich mit neuen Buchläden mehr Bücher und anderen Kram verkaufen können, um aus meinem Geschäft irgendwann Amazon zu machen. Doch „Tiny Bookshop“ lässt mich nicht.

Dort darf ich nicht expandieren. Ich darf nicht einmal Untergebene anheuern und ausbeuten, um schneller reich zu werden. Stattdessen fahre ich in „Tiny Bookshop“ mit meinem Anhänger durch Bookstonbury, gebe Büchertipps und verkaufe gebrauchte Exemplare. Und dann habe ich noch eine Menge Freizeit, um Freundschaften zu schließen. Es ist „Lifestyle“-Teilzeit par excellence. Friedrich Merz würde dieses Spiel hassen.

„Tiny Bookshop“ entlarvt mich als Spieler, wie sehr ich in Wachstumslogiken gefangen bin. Denn in Games bin ich meist Blackrock-Heini statt Teilzeit-Freund. Abbauen, ausbeuten und grenzenloses Wachstum ist meine Power Fantasy. In der Aufbauspiel-Reihe „Anno“ verwandle ich mein Dorf in eine Metropole. In Rollenspielen wiederum steigere ich Charakterwerte meiner Spielfigur und suche nach seltenen Schwertern, die ich für Geld verkaufe, um mir davon bessere Ausrüstung zu kaufen. Wachstum ist die leckere Karotte, die man mir als Spieler vor die Nase hält.

Einfach mal die Aussicht genießen

Screenshot: Tiny Bookshop/Screenhot:taz

„Tiny Bookshop“ wirkt auf den ersten Blick wie ein x-beliebiges Cozy Game. In niedlicher Comic-Grafik umhüllt es Spie­le­r:in­nen mit seiner idyllischen Welt und entspanntem Gameplay. Doch selbst die knuddelig aussehenden Cozy Games sind voller kapitalistischer Machtfantasien, wie For­sche­r:in­nen nachgewiesen haben. In Games wie „Stardew Valley“ dient die Natur lediglich dazu, gebändigt, kontrolliert und ausgebeutet zu werden.

Wachstumskritisch und trotzdem erfolgreich

„Tiny Bookshop“ aber vermengt das Cozy Game mit – und das ist neu – Postkapitalismus. In dem Gesellschaftsmodell gibt es weniger Privateigentum, dafür mehr Kooperation und Gemeinwohl statt Konkurrenz und Profit.

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Das Spiel

„Tiny Bookshop“ gibt es für Microsoft Windows, Linux, Mac OS und Nintendo Switch, 20 Euro

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„Für uns stand von Anfang an fest, dass es in ‚Tiny Bookshop‘ kein grenzenloses Wachstum geben soll“, sagt David Zapfe-Wildemann. Der 27-Jährige hat 2021, noch während des Studiums, zusammen mit Raven Rusch das Studio Neoludic Games gegründet. „Wir haben uns überlegt, wie ein Buchladen in einer postkapitalistischen Welt aussehen könnte.“ Die Chancen für einen Verkaufs-Flop waren hoch.

Doch im Dezember 2025 kommt die Überraschung: „Tiny Bookshop“ gewinnt beim Deutschen Entwicklerpreis in drei Kategorien, darunter als „Bestes deutsches Spiel“. Es ist nicht nur Kritiker:innenliebling, sondern verkauft sich für ein kleines Indie-Spiel auch sehr gut: Mehr als 500.000 Menschen griffen zu, auf der Vertriebsplattform Steam ist es sehr gut bewertet. Offenbar wünschen sich viele eine Auszeit vom Kapitalismus. Wie baut man aber ein Spiel ohne grenzenloses Wachstum?

Spie­le­r:in­nen wollen Wachstum, ein bisschen zumindest

Indem man das Sammeln und Horten begrenzt. In Bookstonbury können Spie­le­r:in­nen nur eine begrenzte Anzahl von gebrauchten Büchern und Möbeln aus Kleinanzeigen kaufen. Dazu zählen Gegenstände wie Blumenkästen und Kerzen, die den Buchladen verschönern und Vorteile mit sich bringen. Welche genau das sind, wollte Zapfe-Wildemann ursprünglich vor den Spie­le­r:in­nen verstecken – damit man nicht auch in „Tiny Bookshop“ nach ständiger Optimierung strebe. Doch darauf hatten die Spie­le­r:in­nen offenbar keine Lust.

Während der laufenden Entwicklung, bei denen Spie­le­r:in­nen Mechaniken testen und Feedback geben, waren viele von den fehlenden Zahlen frustriert. Deshalb haben die Ent­wick­le­r:in­nen Zugeständnisse gemacht und die Zahlenwerte wieder eingebaut. Nun zeigt das Spiel an, dass ein Fischernetz die Verkaufschancen von Reisebüchern um zwei Prozent erhöht. Wodurch man mehr verkaufen kann. „Tiny Bookshop“ ist hier doch wie die meisten anderen Games: Spie­le­r:in­nen können den kleinen Buchladen optimieren und möglichst viel Geld verdienen. Auch lässt sich der Bauwagen mit weiteren Bücherregalen ausstatten, um mehr zu verkaufen.

Gleichzeitig schubst Neoludic Games Spie­le­r:in­nen sachte in Richtung Postkapitalismus. Wer mehr als 100 Bücher vorrätig hat, verkauft insgesamt weniger. Irgendwann können sich Spie­le­r:in­nen von ihrem Geld nichts mehr kaufen. Erfolge feiert man durch die Begegnungen mit anderen Bewohner:innen. Irgendwann verliert Geld seine Funktion, und das ist erst sehr ungewohnt und dann sehr befreiend.

„Vun nix kütt nix“: Buchladen am Fischmarkt

Screenshot: Tiny Bookshop/Screenshot: taz

Von dieser Befreiung waren die Spiele-Publisher, die „Tiny Bookshop“ finanzieren und vertreiben sollten, offenbar nicht so begeistert. „Anfangs waren wir ziemlich blauäugig“, sagt Zapfe-Wildemann. „Die Menschen mit Geld, denen wir unser Spiel vorstellten, konnten mit Postkapitalismus nicht so viel anfangen. Sie verstanden nicht, dass man im Spiel nicht expandieren kann.“

Bislang ist es so: Große Studios investieren lieber in bekannte Spielkonzepte und Marken, um das Risiko von Flops zu minimieren. Innovation geht dabei oft verloren, und auch große Marken kämpfen um die Aufmerksamkeit und Zeit der Spieler:innen.

Zwar wurde Neoludic Games von der deutschen Gamesförderung mit 100.000 Euro unterstützt, doch das allein hätte nicht gereicht, damit „Tiny Bookshop“ erscheinen kann. Die Rettung kam schließlich aus den USA. Der Publisher Skystone Games nahm das deutsche Indie-Team unter Vertrag und unterstützte es mit umgerechnet circa 400.000 Euro.

„Sie haben uns sehr viele Freiheiten gelassen. So ein Vertrauensvorschuss ist ungewöhnlich für die Industrie“, sagt Zapfe-Wildemann. Dass Cozy Games seit mehreren Jahren einen Boom erfahren, half dem Publisher sicherlich auch bei der Entscheidung.

Durch den Erfolg von „Tiny Bookshop“ haben die Ent­wick­le­r:in­nen viel Geld eingenommen. Laut Zapfe-Wildemann ist man durchfinanziert, das nächste Spiel könne man sogar ohne Hilfe selbst veröffentlichen. Hoffentlich wieder ohne Ausbeutung und Blackrock-Heinis.

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