
Mit der gezackten Nationalflagge in der Hand feierte Nepals wohl nächster Premierminister Balendra Shah am Samstagabend auf dem Dach eines Autos bereits seinen Sieg. Hunderte jubelten dem 35-Jährigen zu wie einem Popstar – und für viele junge Nepales:innen ist er das auch. Nur einen Tag zuvor hatten rund 19 Millionen Wahlberechtigte im Himalajastaat ein neues Parlament gewählt.
Der Mann mit Kurzhaarschnitt, Bart und dunkler Sonnenbrille begann seine politische Karriere mit Anfang 30. Bekannt wurde Shah zunächst als Rapper, der in seinen Songs Korruption, Arbeitsmigration und soziale Ungleichheit kritisierte. Anfang der 2020er Jahre wechselte er in die Politik. Von 2022 bis Anfang 2026 war er als parteiunabhängiger Bürgermeister von Kathmandu im Amt. In dieser Zeit gelang es ihm zwar nicht, Korruption grundlegend einzudämmen, doch blieb er selbst frei von Skandalen und setzte einige sichtbare Reformen durch.
Nun kandidierte Shah unter dem Banner der jungen Reformpartei Rastriya Swatantra Party (RSP) im Wahlkreis Jhapa-5 und forderte damit den langjährigen Premierminister KP Sharma Oli direkt heraus. Mit rund 68.000 Stimmen setzte er sich deutlich gegen den 74-jährigen Oli durch, der in seiner bisherigen Hochburg nur rund 19.000 Stimmen erhielt. Der frühere mehrfache Premierminister war nach den landesweiten Protesten im Herbst 2025 zurückgetreten, bei denen nach offiziellen Angaben 77 Menschen starben.
Der Wahlsieg Shahs steht symbolisch für einen politischen Umbruch. Die RSP gewann 125 der 165 Direktmandate im Parlament und wurde stärkste Kraft. Beobachter:innen sehen darin einen Ausdruck des Unmuts vieler Nepales:innen über die alte politische Elite. Nach den Gen-Z-Protesten vom September 2025 forderten vor allem junge Menschen einen politischen Neustart. Nun werden erstmals seit Jahren deutlich jüngere Generationen in die Volksvertretung einziehen.
Viele junge Leute sehen in Shah eine Alternative
Der Machtwechsel könnte bereits in wenigen Tagen vollzogen werden. Mit dem klaren Wahlsieg der RSP gilt Shah als sicherer Kandidat für das Amt des Premierministers. Viele der bisherigen politischen Schwergewichte werden künftig im Parlament keine Rolle mehr spielen. Stattdessen rücken jüngere Politiker nach – darunter der Aktivist Sasmit Pokharel, 29, und der Sozialaktivist und DJ Sudan Gurung, 38, beide Verbündete Shahs innerhalb der RSP.
Shah selbst gilt als charismatischer Quereinsteiger, der allerdings auch polarisiert. Seinen Wahlkampf führte er ohne große Ausgaben, besuchte Menschen in der Provinz persönlich und fuhr seinen Wagen selbst. Er nutzt soziale Medien intensiver als traditionelle Medien, doch seine Nachricht hinterlassen manchmal Interpretationsbedarf. Interviews gibt er dagegen nur selten.
Shah wurde in Kathmandu geboren und gehört der ethnischen Minderheit der Madheshi an, die indische kulturelle Wurzeln hat und sich lange in Nepals Politik marginalisiert sah. Ausgebildet als Bauingenieur, studierte er in Südindien, wo man heute stolz auf ihn ist. Dort beschäftigte er sich mit Erdbebentechnik – ein wichtiges Thema im Himalajastaat. Parallel dazu baute er vor über zehn Jahren eine Karriere als Rapper auf und veröffentlichte Songs, in denen er die sozialen Probleme des Landes thematisiert.
Als Bürgermeister machte Shah mit einer Reihe von Reformen auf sich aufmerksam. Er führte Live-Übertragungen von Stadtratssitzungen ein, reformierte Teile der Müllabfuhr und ging gegen illegale Bauprojekte vor. Kritiker warfen ihm jedoch auch ein hartes Vorgehen gegen Straßenhändler und informelle Siedlungen vor.
Trotz eines teilweise vagen Wahlprogramms gelang es Shah, eine breite Unterstützerbasis zu mobilisieren. Viele junge Wähler:innen sehen in ihm eine Alternative zur jahrzehntelang dominierenden politischen Elite. Kurz vor der Wahl wünschte Shah seinem Land „Glück“. Am Wahltag bedankte er sich öffentlich bei der Übergangspremierministerin Sushila Karki: „Die Demokratie hat heute unter Ihrer Führung gesiegt.“






