Was Südkoreas Krise für die USA bedeutet: Besorgte Blicke aus Washington

Berlin taz | Die scheidende US-Regierung unter Präsident Joe Biden steht mit den Turbulenzen in Seoul womöglich vor dem Scherbenhaufen ihrer Bündnispolitik. Südkoreas Präsident Yoon Suk Yeol, dessen politisches Überleben derzeit mehr als fraglich scheint, war in den vergangenen Jahren von Biden als wichtigster strategischer Partner im asiatischen Raum aufgebaut worden – gegen China und Nordkorea, aber zunehmend auch gegen Russland.

Auch den Presseerklärungen aus Washington ist das Entsetzen über Yoons kurzfristige Einführung des Kriegsrechts anzumerken: „Wir bekräftigen unsere Unterstützung für das koreanische Volk und das auf gemeinsamen Prinzipien von Demokratie und Rechtsstaat basierende Bündnis zwischen den USA und der Republik Korea“, heißt es in einer Stellungnahme des State Department kurz nach der Rücknahme des Kriegsrechts. Übersetzt heißt das an die Adresse Yoons: Hast du sie noch alle?

Fast 30.000 US-Soldaten sind seit vielen Jahren in Südkorea stationiert – ein Gegengewicht zum aufgerüsteten Nordkorea, das zudem über Atomwaffen verfügt. Seit Nordkorea zudem sein Bündnis mit Russland verstärkt und sogar eigene Soldaten an der Seite der russischen Truppen in den Ukraine-Feldzug geschickt hat, ist die Allianz noch wichtiger geworden. Es gilt als eines von Joe Bidens wichtigsten außenpolitischen Zielen, das strategische Sicherheitsbündnis mit Japan zu einem Dreieck Japan/Südkorea/USA ausgebaut zu haben.

Das allerdings traf in Südkorea auf den Widerstand der oppositionellen Demokratischen Partei (DP), die bei den Parlamentswahlen im April dieses Jahres zur mit Abstand stärksten Kraft wurde. Während Präsident Yoon nach Nordkoreas „strategischem Pakt“ mit Russland laut darüber nachdenkt, seinerseits die Ukraine mit Waffenlieferungen zu unterstützen, befürchtet die DP durch diesen – in der Bevölkerung unpopulären – Schritt eine Eskalation in der spannungsgeladenen Beziehung der beiden Länder. Sollte Yoon in diesen Tagen abtreten müssen, dürfte das auch einen Schwenk in der Bündnispolitik mit sich bringen.

Liebesbriefe mit dem Diktator

Wie die allerdings von US-Seite aus weitergeht, erscheint ebenfalls unklar. Während seiner ersten Amtszeit traf sich Donald Trump mehrfach mit Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un, tauschte regelrechte Liebesbriefe mit dem Diktator aus – was allerdings nicht dazu führte, dass Nordkorea sein Nuklearprogramm auch nur gedrosselt hätte. Aber die Andeutung der Trump-Regierung, man könne sich vorstellen, Nordkorea quasi offiziell als Atommacht anzuerkennen, löste damals im Süden Schockwellen aus.

Die Biden-Regierung setzte hingegen auf nukleare Abschreckung und schaffte zwischen den USA und Südkorea die sogenannte Nuclear Consultative Group (NCG), womit im Wesentlichen bestätigt wurde, dass ein US-amerikanischer nuklearer Schutzschirm auch über Südkorea aufgespannt bleibt.

Während Trump in seiner ersten Amtszeit immer und immer wieder ins Spiel brachte, die US-Truppen aus Südkorea komplett abzuziehen, oder von Südkorea enorme finanzielle Leistungen für die Aufrechterhaltung der Stationierung verlangte, baute Biden die Allianz aus, mit Präsident Yoon als engem Partner.

Wenn jetzt Trump an die Macht zurückkehrt, hat sich zwar mit der verstärkten Allianz zwischen Nordkorea, Russland und China die Welt verändert. Ob Trumps Positionen aber grundsätzlich andere geworden sind, bleibt unklar – er strebt bekanntlich ein rasches Ende der Kampfhandlungen in der Ukrai­ne und eine Einigung mit Russland an. Was das dann für Südkorea bedeutet und die Sicherheitsgarantien durch die USA, bleibt ungewiss. Und das dürfte in Seoul selbst dann für Beunruhigung sorgen, wenn sich auch dort die Machtverhältnisse ändern.

  • informationsspiegel

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