Wenn die Frau mehr verdient als der Mann: Wer im Kopf schlecht klarkommt

M anche Dinge ändern sich nie. So ist gerade mal in jedem zehnten deutschen Haushalt die Frau die Hauptverdienerin (mindestens 60 Prozent des Gesamthaushaltseinkommens). Gegenüber 2021 ist dieser Anteil sogar noch einmal leicht gesunken.

Bei Paaren mit Kindern führt die altbekannte Gemengelage aus mangelnden Betreuungseinrichtungen und bockigen Vätern dazu, dass viele Mütter in der vom CDU-Wirtschaftsflügel als solche geschmähten „Lifestyle-Teilzeit“ schwelgen.

Wobei der Lifestyle in etwa so aussieht, dass sie morgens die Kinder anzieht, abfrühstückt und auf den Weg bringt, anschließend ins Büro geht, fährt oder kriecht (Glatteis!), um dort ein wenig der Lifestyle-Arbeit zu frönen, dann die kleinen Kinder abholt, die großen Kinder müssen zum Geigenunterricht gebracht oder in der Jugendstrafanstalt besucht werden, später putzt, Abendessen macht, und schon kommt auch der Mann heim von der Arbeit.

Der Arme ist dann aber auch wirklich rechtschaffen müde. Er hat nämlich den ganzen Tag geschuftet. Und nicht wie gewisse andere Damen, die halbe Zeit über Lifestyle-Däumchen gedreht.

Wer wollte denn eine konservative Regierung?

Das ist also wenig überraschend, allzumal sich an den Verhältnissen, an wem die Care-Arbeit hängen bleibt, wenig ändert. Und bevor jemand meckert. Das ist schließlich die Aufgabe einer konservativen Regierung: dass sich möglichst wenig ändert. Dafür werden die gewählt. Insofern machen sie nichts falsch. No hard feelings.

Nein, erstaunlicher ist eher die Tatsache, dass die Zahlen in Paarhaushalten ohne Kinder kaum besser sind. Wo in Familien mit Kindern 7,7, Prozent der Frauen Hauptverdienerinnen sind, sind es bei den Kinderlosen 11,4 Prozent. Das ist jetzt nicht der Höllenunterschied.

Neben Faktoren wie der Gender-Pay-Gap, und dass Frauen häufiger in schlecht bezahlten Sozialberufen arbeiten, während Männer gewinnbringend Kanonen, Drogen oder Wertpapiere verscheuern, scheint dem auch eine gewisse Steinzeitmentalität zu Grunde zu liegen.

Denn folgt man den Diskussionen in Presse, Funk und Stammtisch, kommen Männer im Kopf oft nach wie vor schlecht damit klar, wenn sie weniger verdienen als ihre Frau. Ihre Anerkennung wird eins zu eins über die Bezahlung umgeschlagen. Haushaltsarbeit oder Kinderbetreuung ist von daher wenig wert.

Der schlechter verdienende Mann weint („Frau verdient mehr, schluchz!“) oder schreit („Frau verdient mehr, aaarrgh!“) häufig, trinkt zu viel, lässt sich gehen (hygienisch, sozial), und kämpft permanent mit den schlappen Windmühlenflügeln erektiler Dysfunktion.

Dabei müsste er sich bloß mal locker machen. So wie der Autor dieser Zeilen. Ach was, ICH. „Der Autor dieser Zeilen“: Diese unsägliche Klemmscheiße, mit der Generationen von Journalisten seit jeher versuchen, „ich“ zu schreiben, ohne „ich“ zu schreiben, mache ich ab heute schlicht nicht mehr mit. Ich, ich, ich!

Irgendjemand muss ja in die saure Suppe greifen

Ich also sitze den ganzen Tag zu Hause und mache „Kunst“. Ich verwirkliche mich selbst. So schreibe ich zum Beispiel gerade ein „Buch“. Sofern mich das glückliche Privileg ereilt, dieses „Buch“ überhaupt jemals zu verkaufen, würde ich nach mehreren Jahren Arbeit auf einen Stundenlohn von umgerechnet ein paar Cents kommen.

Deshalb verdient meine Frau in unserem Paarhaushalt ohne Kinder den Großteil des Geldes. Irgendjemand muss ja in die saure Suppe greifen. Und dafür bin ich einfach nur unendlich dankbar. Denn ich habe das schönste Leben der Welt, während sie den ganzen Tag Gespräche mit anstrengenden Menschen führen muss, die anstrengende Dinge sagen. Scheißerwachsenenberuf eben. Sie tut mir so leid. Und ich bin so froh, dass ich das nicht machen muss. Ich will das nicht und ich könnte das nicht. Ich würde schon am ersten Tag entweder die anstrengenden Menschen entleiben oder mich selbst.

Ob das, was ich hier abziehe, Lifestyle-Vollzeit oder Lifestyle-Nullzeit ist, darüber scheiden sich die Gespenster. Hauptsache Lifestyle. In jedem Fall kann ich das Modell allen Männern nur wärmstens ans Herz legen. Eure eigene Anerkennung wird euch sicher sein.

  • informationsspiegel

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