Wie verrückt sind Trump und Co?: Cäsarenwahn in Washington

E s ist nicht schwer, den cäsaristischen Führerfiguren der Gegenwart psychiatrische Diagnosen zuzuordnen. Die Frage ist, ob es erlaubt und ob es hilfreich ist.

Zu Beginn von Trumps erster Amtszeit veröffentlichten 27 der bekanntesten US-amerikanischen PsychiaterInnen und PsychologInnen einen Sammelband mit dem Titel „Wie gefährlich ist Donald Trump?“ („The Dangerous Case of Donald Trump: 27 Psychiatrists and Mental Health Experts Assess a President“, deutsch 2017). Bereits damals wiesen sie auf Trumps bösartigen Narzissmus mit einem Mangel an Schuldbewusstsein und einer Neigung zur „Wirklichkeitssabotage“ hin.

Philip Zimbardo und Rosemary Sword bescheinigten in ihrem Beitrag zum Buch Trump einen „zügellosen oder extremen Gegenwartshedonismus“, welchen man mit Hilfe eines Time Perspective Inventory sogar messen könne. Eine geordnete Zeitperspektive zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sei in Trumps Fall außer Balance geraten oder zerbrochen. Emotional unreife Erwachsene bleiben in der für Kinder normalen Gegenwartsfixierung hängen und produzieren dadurch eine Fülle von Widersprüchen. „Entscheidungen werden aufgrund unmittelbarer Reize getroffen.“ Dazu gehört auch die Übernahme unüberprüfter Informationen und plötzlicher Einfälle.

Wenn man sich heute über das „erratische Element“ in Trumps Politik wundert, dann muss man der über zehn Jahre alten Diagnose und Prognose der psychologischen ExpertInnen eine hohe Treffergenauigkeit zuerkennen. Damals gab es Proteste, weil man den AutorInnen vorwarf, die „Goldwater Rule“ der American Psychiatric Association verletzt zu haben, welche psychologische Ferndiagnosen von Politikern als unethisch untersagt hatte. Solange man eine Person nicht persönlich aus der Praxis kenne, könne und dürfe man sich als Expertin oder Experte nicht äußern.

Elon Musk und Putin einbezogen

Aber was soll man machen, wenn man erstens klar eine Gefahr auf die Allgemeinheit zukommen sieht (dafür gibt es in den USA sogar die Meldepflicht der „Tarasoff-Doktrin“) und wenn einem zweitens die zu analysierenden Personen täglich persönliche Daten liefern, indem sie uns ohne Einladung im Wohnzimmer besuchen und auf der Nase herumtanzen?

Der österreichische forensische Psychiater Reinhard Haller hat kürzlich die Trump-Diagnose eines extremen Narzissmus wiederholt und auch gleich Elon Musk und Putin einbezogen.

Nach Hallers Überblick zeigen die Narzissten die fünf großen E: Egozentrik, extreme Eitelkeit, Entwertung anderer Menschen, persönliche Empfindlichkeit und schließlich einen Empathiemangel – wobei ich Letzteres eher „selektiv-instrumentalisierende Empathie“ nennen würde.

Es ist wichtig, die Unterscheidung zwischen einem benignen (eher gutartigen) Narzissmus, wie er sich z.B. bei Künstlern findet, und einem malignen (bösartigen) Narzissmus vorzunehmen. Der bösartige Narzissmus eines Menschen ist eindeutig daran zu erkennen, dass er die Personen, die sein grandioses Selbstbild infrage stellen, konsequent und gnadenlos entwürdigt und sie geradezu suchtartig mit Schadenfreude überschüttet.

Und dann die „Sekundärnarzissten“

Denken Sie an die Liste der extremen Beschimpfungen von Menschen in der Rhetorik des FPÖ-Spitzenpolitikers Herbert Kickl und von Donald Trump. Beliebt sind neben Strafandrohungen (Fahndungslisten für die Gegner) auch extreme Vernichtungsfantasien, wie sie Trump Anfang April 2026 gegenüber der gesamten iranischen Zivilisation geäußert hat.

Der Führer vermeidet jegliche Selbstkorrektur und wittert stattdessen überall Feinde. Die Berater und Höflinge, die „Sekundärnarzissten“ um den Führer haben Angst, fallen gelassen („gefeuert“) zu werden, und reden ihm nach dem Munde, was den Realitätssinn des Narzissten im Zentrum weiter unterminiert und dessen Tendenz zur „Wirklichkeitssabotage“ verstärkt.

Die Befunde erinnern an den „Cäsarenwahn“, etwa des römischen Kaisers Caligula (12–41 nach Chr.), den zuerst Tacitus beschrieben und den dann 1894 der deutsche Historiker Ludwig Quidde zur Empörung seiner kaisertreuen Zeitgenossen untersucht hat.

Caligula war zu Beginn seiner Amtszeit durchaus beliebt. Er erließ Steuern, verbilligte die Getreideversorgung und sorgte nach dem Prinzip „Brot und Spiele“ für ausreichend Unterhaltung. Doch bald wollte Caligula als unfehlbar gesehen werden, erklärte sich zu einem verehrungswürdigen Gott, verspottete die verbliebenen republikanischen Institutionen und Würdenträger, indem er etwa sein Pferd zum Senator ernannte, zeigte Zeichen von extremer Paranoia und erschreckte seine Umwelt immer wieder durch plötzliche Einfälle und Strafaktionen.

In göttlichem Auftrag

Caligula inszenierte sich als Eroberer bei der Vergrößerung des Imperiums, aber auch als Schauspieler und großer Entertainer innerhalb und außerhalb der Zirkusarena. Auch andere römische Kaiser erlagen dem Cäsarenwahn, der nach dem Verlust der republikanischen Kontrollinstanzen als permanente Gefährdung in das mächtigste aller Ämter eingebaut war.

Es scheint so zu sein, dass die Rolle des cäsaristischen Führers seit Caligula unbedingt auch den religiösen Heiligenschein und einen behaupteten göttlichen Auftrag braucht. Bei Trump ist ein solcher Anspruch derzeit offensichtlich. Er belehrt den Papst und verkündet, dass Gott und Jesus seine Berater und Auftraggeber seien.

Dafür muss allerdings der Aspekt der christlichen Nächstenliebe etwas uminterpretiert werden. Trumps Kriegsminister betet, dass „Jesus jede amerikanische Kugel ihr Ziel finden lassen möge“. Die Abbildung von Trump zeigt ihn als Jesus mit Kriegsgerät im Hintergrund.

In Österreich versprach Herbert Kickl den Menschen im Sinne von Apostel Paulus, dass er ihnen endlich „Glaube, Liebe und Hoffnung“ zurückbringen werde (Parteitag der FPÖ 2025), nachdem er sich im Herbst 2024 auf Wahlplakaten bereits mit dem Satz „Euer Wille geschehe!“ empfohlen hatte. Immerhin hatte sich bereits Kickls Vorbild Jörg Haider gelegentlich mit Jesus verglichen. Im Gefolge der Coronakrise war Kickl – ähnlich Trump – als ein großer Heilpraktiker und Erlöser aufgetreten, der lebensgefährliche Empfehlungen gab.

Bei Orbán mit seinem Kult um das ungarische Christentum und den heiligen König Stefan liegt oder lag die religiöse Selbstbeweihräucherung und Selbsterhöhung auf der Hand. In Israel scheint Netanjahu zur Gänze von seinen ultraorthodoxen Koalitionspartnern und ihren expansiven Fantasien abhängig und sieht sich selbst in einer spirituellen Mission für ein biblisches Groß-Israel. In Russland bekommt Putin den umfassenden Segen vom orthodoxen Patriarchen Kyrill I., der den Krieg gegen die Ukrainer zu einem heiligen Krieg gegen den Westen erklärt hat.

Man kann sagen, dass all die aufgezählten Führerfiguren mit geringfügigen Varianten eine Kombination von einem malignen Narzissmus mit einem religiös unterlegten gefährlichen Cäsarenwahn repräsentieren. Mit der Abwahl von Viktor Orbán in Ungarn ist ein erster Schritt zur demokratischen Demontage des internationalen Cäsarismus getan. Doch der nächste potenzielle europäische Bannerträger wartet schon in Österreich.

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