100 Jahre Lufthansa: Nur die halbe Wahrheit

Der Bundeskanzler war des Lobes voll. „Dieses Unternehmen Lufthansa verbindet Menschen und Märkte in aller Welt – wie kein zweites in Deutschland“, sagte Friedrich Merz am Mittwoch beim Festakt zum 100-jährigen Jubiläum der Lufthansa.

Merz’ Zitat ist zweifellos richtig. Die Lufthansa-Gruppe transportierte im letzten Jahr 135 Millionen Fluggäste in mehr als 700 Flugzeugen. Aber stimmt auch das Ende des Satzes, dass die Fluggesellschaft nämlich dieses Jahr einhundert Jahre alt wird? Die Antwort: etwa zur Hälfte.

Eine Luft Hansa – in zwei Worten geschrieben – wurde tatsächlich im Jahr 1926 gegründet, als Ergebnis einer Fusion der Deutschen Aero Lloyd mit Junkers Luftverkehr. Daran erinnert der Konzern sehr gern – Corporate Identity! Technik! Tradition! Zuverlässigkeit! Ju52!

Allerdings erfolgte 1955 eine zweite Gründung der Lufthansa, denn die erste war mit dem NS-Regime – für Flugzeuge ganz unpassend – abgestürzt. Die neue Firma, die juristisch mit der alten nichts zu tun hat, mag dennoch nicht ganz vom Traditionsband mit der ersten Linie lassen, was nicht unverständlich ist, denn ein Jubiläum „71 Jahre Lufthansa“ würde niemanden hinter den Rotoren hervorlocken. Es gibt da nur ein Problem. Und das hat durchaus mit der Ju52 zu tun, dieser legendären dreimotorigen Maschine in Wellpappenoptik.

Die Ju52 flog erstmals 1932. Ein Jahr später übernahmen die Nazis die Macht. Lufthansa, deren technischer Direktor Erhard Milch ein alter Kumpel von Hermann Göring war, profitierte davon wie kaum ein anderes Unternehmen. Lufthansa flog auf die NSDAP, ebenso wie die Ju52, die zum Transporter für die Wehrmacht avancierte, aber auch als Bomber eingesetzt wurde.

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wochentaz

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Etwa 50 Prozent der Lufthansa-Belegschaft bestand aus Zwangsarbeitern, die etwa für die Instandhaltung von Motoren der Wehrmacht eingesetzt wurden. Göring wurde Lufthansa-Vorstand, Milch dafür Staatssekretär.

Stewardessen in Uniformen der Lufthansa 1970 bis 1979

Foto: akg/picture-alliance

Nun war das Verhalten der Lufthansa im NS-Staat keineswegs ungewöhnlich. Deutsche Unternehmer neigten bekanntlich eher weniger zum Widerstand. Der Flugkonzern allerdings betrieb bis in die 2000er Jahre eine doch eher seltsame Vergangenheitspolitik. Der Wirtschaftshistoriker Lutz Budrass wurde zwar damit beauftragt, eine Studie über die NS-Zwangsarbeit im Unternehmen zu verfassen.

Das Ergebnis blieb aber nur einem kleinen Kreis zugänglich, was Budrass so erboste, dass er 2016 ein entsprechendes Buch auf eigene Kosten veröffentlichte. Er warf dem Konzern damals vor, sich vor der eigenen Geschichte zu drücken, weil er darauf beharre, erst 1955 gegründet worden zu sein.

Insofern muss man geradezu dankbar dafür sein, dass Lufthansa 2026 doch sein 100-Jähriges begeht. Die letzten lebenden Zwangsarbeiter der Lufthansa gehen heute auch auf die 100 zu, da hat die Firma endlich begriffen, dass man dieser Geschichte nicht entkommt. Die Lufthansa im NS-Staat, das sei das „dunkelste Kapitel ihrer Geschichte“ gewesen, gesteht der Konzern heute ein. Und ihr Chef Carsten Spohr lässt nun endlich die Verstrickung der Lufthansa im NS-Staat durch Historiker aufarbeiten. Klaus Hillenbrand

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