Tour de France Femmes: Spannung, Emotionen, Wettkampf, Überraschungen!

Erst 500 Meter vor der letzten Bergwertung war diese 5. Tour de France Femmes entschieden. Genau dort ließ Kasia Niewiadoma die Lücke aufgehen. Und Demi Vollering, die Frau in Gelb, Siegerin von 2023, zog von dannen. Der zweite Toursieg des einstigen Blumenmädchens aus den Niederlanden war perfekt. Sie musste nur noch die Abfahrt meistern. Die ganzen 84 Kilometer zuvor hatten sich Vollering und Niewiadoma nicht aus den Augen gelassen. Nur 8 Sekunden trennten sie nach acht Etappen und 1.075 zurückgelegten Kilometern.

Mit knappen Einläufen haben die Polin und die Niederländerin Erfahrung. 2024 gewann Niewiadoma die Tour mit vier Sekunden Vorsprung vor Vollering; vier Sekunden nach allen Bergsprints, Attacken, Stürzen, Verfolgungsjagden und Bonussekunden.

Diesmal, auf dem Weg nach Nizza, baute die Niederländerin ihren Vorsprung auf über eine Minute aus. Sie dankte im Ziel Radhersteller Specialized für das neue und, wie sie sagte, „in der Abfahrt besonders schnelle“ Arbeitsgerät. Das klingt nach Arbeit für Niewiadomas ebenfalls sehr ehrgeizigen Untersatzproduzenten Canyon in Koblenz.

Festzuhalten bleibt: Die Frauentour war spannend bis in das Finale hinein. Obwohl die Titelverteidigerin Pauline Ferrand-Prévot vorzeitig ausstieg, blieb die Leistungsdichte vorn sehr hoch. Keine Einpersonen-Show wie bei den Männern, bei denen Tadej Pogačar nach Belieben regiert. Der Slowene war nur ein Sidekick bei der Frauen-Tour. Er huschte auf der Etappe zum Mont Ventoux kurz ins TV-Bild, als er seine Lebensgefährtin Urska Zigart ein paar Meter anschob. Die hatte mit Tagessieg oder Gesamtwertung aber nichts zu tun. Auf dem „kahlen Riesen der Provence“ holte sich am Freitag Niewiadoma Tagessieg und Gelb.

In den Bergen

Es war der erste Akt eines dreitägigen Bergspektakels. Am Folgetag zwischen Sisteron und Nizza schlug Vollering zurück. Auf der nur 450 Meter kurzen, aber bis zu 13 Prozent steilen Rampe des Camin de l’Arieta setzte sich die Fahrerin des französischen Teams FDJ United – Suez ab. Sie profitierte dabei von einer zwar nicht regelwidrigen, von vielen aber als unfair wahrgenommenen Aktion ihrer Teamgefährtin Célia Gery.

Die Französin bereitete zunächst mustergültig die Attacke vor. Dann scherte sie aber nicht aus, sondern wählte in der folgenden Kurve eine Fahrlinie, die die von hinten heranbrausende Niewiadoma unweigerlich an den Bordstein gedrängt hätte, wenn die Polin nicht Fahrt herausgenommen hätte. „Das war kindisch von ihnen. Ich war wütend in dieser Situation und ich habe jeden Respekt vor ihnen verloren“, schimpfte Niewiadoma später. Vollering wiederum war sauer, dass die Rivalin ihre Teamkollegin verbal anging.

Persönlich

Das Sekundenduell bekam so noch eine persönliche Note. Jede Fahrerin zog ihre Art von Motivation daraus. Niewiadoma ließ am Folgetag ihr Team ein derart mörderisches Tempo vorlegen, dass das Feld nach zwei von insgesamt vier Bergwertungen auf nur ein Dutzend Fahrerinnen reduziert war. Opfer war unter anderem die zu diesem Zeitpunkt noch Gesamt-Dritte Marlen Reusser. Infolge eines späteren Sturzes verlor die Schweizerin jegliche Chance auf einen Podiumsplatz.

Vollering wiederum war so geladen, dass sie am letzten Berg voll durchzog. „Ich wollte allen zeigen, dass wir die Tour nicht wegen dieses Vorfalls gewonnen haben“, spielte sie auf die Auseinandersetzung um die Behinderung am Vortag an. Das zeigt, welche Emotionen tobten. Im Verlauf der Etappe sah man Vollering und Niewiadoma immerhin miteinander reden. Ein Minimum an gegenseitigem Respekt schien wiederhergestellt.

Bemerkenswert auch, dass es bei neun Etappen insgesamt fünf verschiedene Trägerinnen des Gelben Trikots gab. Bei den Männern waren es über 21 Tage nur deren zwei. Wer Abwechslung sucht, weiß mittlerweile genau, was sich zu gucken lohnt.

Eine deutsche Trikotträgerin gab es auch. Antonia Niedermaier, wichtigste Helferin von Niewiadoma beim Leipziger Rennstall Canyon/SRAM, eroberte als erste Deutsche überhaupt das weiße Trikot der besten Nachwuchsfahrerin. Bei ihrem Talent und ihrer Entschlossenheit ist in der Zukunft auch für sie Gelb drin. Die Leistungsdichte an der Spitze im Frauenradsport dürfte weiter zunehmen. Die Abwechslung in den Ergebnislisten ebenfalls.

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